Getriebener in eigener Sache
Getriebener in eigener Sache
Bei der Vorstellung des neuen Ausstellungskatalogs zu „Woanders ist überall“ erleben die Zuschauer einen sehr nachdenklichen Dieter Nuhr
Die erste Pointe des Abends war unbeabsichtigt und kaum vermeidbar: Zwischen zwei Zeichnungen von Dieter Nuhr hing im Treppenaufgang das Porträt des legendären Star-Wars-Roboters C-3PO neben dem Maschinenmensch Maria (aus dem Film Metropolis). Im Format vergleichbar groß, als gehörte das Bild zur Ausstellung. Aber: „Woanders ist überall“, nur nicht im Weltall…
Vor dem Kinosaal der Schauburg in Gelsenkirchen vermittelten zwei Großformate sowie mehrere kleinere Bilder aus Nepal und dem Ruhrgebiet einen Eindruck des Gesamtwerkes von Nuhr, das in einer vielbeachteten Wanderausstellung gipfelte. Begleitet von einem neuen Katalog, der gestern offiziell vorgestellt wurde. Schwer wie eine Bibel (1589 Gramm), ein optisches Feuerwerk (160 Abbildungen) auf mehr 224 Seiten.
„Die Wanderausstellung hat jetzt endlich eine Heimat gefunden“, beschrieb Moderatorin Anna Planken das Buch. „Die Bilder sind darin für uns irgendwie festgebunden und können nicht mehr weg. Eine wunderschöne Sache.“
Im Gespräch mit Nuhr und Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann erkundete Planken Gedanken und Gefühle zu Heimat und Fremde inmitten kultureller Vielfalt – im Dialog zwischen dem Ruhrgebiet und Bildern aus aller Welt. Dabei erlebten die Zuhörer im vollbesetzten Kinosaal einen sehr nachdenklichen, fast melancholischen Dieter Nuhr. Der Einblicke in sein Seelenleben zuließ, gleichzeitig den Alltag um sich herum mit der gewohnt präzisen Wortmacht hinterfragte. Hallo, ich bin’s – Nuhr heute gar nicht zynisch!
„"Woanders ist überall“ erinnert uns daran, dass die Welt nur dann friedlich bleibt, wenn wir sie nicht in Lager teilen. Die Fähigkeit, das Fremde als Teil des Ganzen zu akzeptieren, zu dem man selbst gehört, ist eine Form geistiger Zivilcourage.“
— Professor Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands der Brost-Stiftung
Arm sein ist nicht überall gleich
„Wenn ich von meinen Reisen zurückkomme, vor allem aus Regionen in Asien oder Afrika, stelle ich mir sehr oft die Frage: Haben wir hier keine anderen Sorgen?“, so der bildende Künstler und Kabarettist. „Natürlich haben wir in Deutschland Probleme und Sorgen, aber ich finde es völlig unangemessen, für Armut hier und in Indien den gleichen Begriff zu verwenden.“ Demut beschreibe sein Lebensgefühl am treffendsten, im Sinne einer Dankbarkeit für ein Leben, das ihm sehr vieles ermöglicht hat. Bei allem Verständnis für diverse Protesthaltungen junger Menschen sei deren Larmoyanz nur schwer nachvollziehbar.
Unpolitisch kann Dieter Nuhr nicht – auch wenn es an diesem Abend um die emotionale Seite in der „Bandbreite des eigenen Lebens“ ging. Er beschreibt die intensiven Erlebnisse währen der Corona-Pandemie, die er als „schöne Zeit“ genossen habe, zum ersten Mal „völlig frei“ von Terminstress. „Das soll jetzt keinesfalls zynisch klingen, mir ist die Zahl der Todesopfer und tragischen Schicksale sehr bewusst“. Er nutzte den Lockdown, um mit seiner Frau die umliegende Heimat zu erkunden, die Kamera war immer dabei. Nuhr beschreibt sich selbst als einen „Getriebenen“ in eigener Sache.
„Manche Leute glauben, ich säße den ganzen Tag zuhause und überlegte, wie ich den nächsten Skandal erzeugen könnte. Dabei sind 90 Prozent meiner Arbeit, sowohl an den Texten als auch an den Bildern, still und mönchisch.“
— Dieter Nuhr
Entstanden sind in dieser Zeit die Fotos und späteren Bilder, die in der Ausstellung das Gegengewicht zu den bearbeiteten Reisefotografien bilden. Nuhr: „Es war kein Entdecken, sondern vielmehr ein Wiederfinden von Orten, an denen ich schon einmal war.“ Die von ihm entwickelte Maltechnik lässt diese Orte und Landmarken verschwimmen, so wie die Zeit unsere Erinnerungen im Gedächtnis verblassen lässt.
Gleichwohl definiert die Prägung durch die Heimatregion den Blickwinkel in der Weltsicht, wie Peter Neumann philosophisch begründete. „Zwischen den Bildern besteht eine Art Wahlverwandtschaft.“ Er selbst ist dem Ruhrgebiet „mit der Ostbrille“ begegnet und blickt nach fast einem Jahr Aufenthalt als Metropolenschreiber auf eine „Transformationsregion“, die mit wenigen anderen vergleichbar sei. „Der Wandel ist hier Lebensform, alle 100 Jahre erfindet sich die Region neu.“ Das prägt die „Ruhris“: „Die Menschen lassen sich hier so schnell nichts vormachen.“
„Ich kannte gar nichts, als ich als Metropolenschreiber angekommen bin. Deshalb habe ich das Ruhrgebiet zwangsläufig ganz anders erlebt. Die Region ist nicht nur landschaftlich schön, sondern eine historische Fundgrube, die bis auf Karl den Großen und die Sachsenkriege zurückweist.“
— Dr. Peter Neumann, Metropolenschreiber Ruhr
Ossi Neumann (geboren in Neubrandenburg) und Wessi Nuhr (geboren in Wesel) sind sich aus der jeweiligen Erfahrung in beiden Teilen Deutschlands einig, dass die Menschen inzwischen deutlich näher beieinander sind als in der vielfach skandalisierten medialen Beschreibung.
Dieter Nuhr könnte sich sehr gut vorstellen, einen weiteren Beitrag zum wechselseitigen Verständnis zwischen westlich und östlich gelegenen Regionen zu leisten: „Der spektakuläre Bau der Bibliothek in Cottbus wäre ein perfekter Ausstellungsort.“ Vorher wandern seine Bilder, neu kuratiert und unter anderem Titel, erst mal in die direkte Nachbarschaft nach Bochum, im „Schwarzen Diamanten“ im Deutschen Bergbaumuseum Bochum sollen vom 25. Mai bis 27. Juni 2027 nur Ruhrgebietsmotive gezeigt werden. Ehe es dann mit Bildern aus der ganzen Welt geplant weiter in die Niederlande (Stedelijk Museum Zutphen, 8. Dezember 2027 bis 18. März 2028) geht.
Diese Wege könnten sich die Schauburg-Besucher sparen – für jeden gab es die pralle Bilderschau, (fest)gebunden im Katalog, zum Mitnehmen.
Mehr zur Wanderausstellung gibt’s hier: „Woanders ist überall“