Zwischen Transformation und Kernseife
Zwischen Transformation und Kernseife
Metropolenschreiber Peter Neumann verknüpft an einem kurzweiligen Abend Mentalitäten und Realitäten aus Ost und West
Die Besetzung versprach einen unterhaltenden Abend mit spannenden Perspektivwechseln: Wessi-Frau, seit Jahren beruflich in Dresden lebend, trifft auf Ossi mit vorübergehender Wahlheimat Ruhrgebiet.
Während Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann die Lesung aus seinem Buch „Mentalitäten“ mit zahlreichen Anekdoten aus den ersten Wochen in Mülheim illustrierte, verglich Moderatorin Dr. habil. Solvejg Nitzke immer wieder augenzwinkernd das Lebensgefühl in der Sachsenmetropole mit dem persönlichen Nachbarschaftserlebnis rund um „ihren“ Dortmunder Borsigplatz.
„Die letzten 38 Jahre habe ich rund um Mecklenburg-Vorpommern und Jena verbracht“, erzählte Neumann den Zuhörern im Ruhrmuseum auf der Zeche Zollverein.
„Ich hatte oft das Gefühl, mich für den Osten entschuldigen zu müssen angesichts wachsenden Rechtspopulismus und kaputter Demokratie. Als ich im Bekanntenkreis erzählte, dass ich jetzt ein Jahr im Ruhrgebiet verbringen werde, haben viele mit mitleidigen Blicken reagiert. Ich hatte das Gefühl, mich jetzt für das Ruhrgebiet entschuldigen zu müssen.“
Im Westen nichts Neues
Weil sich das Bild vom Revier in den Köpfen vieler Menschen offensichtlich immer noch aus schwarz-weißen Fotos zusammensetzt, die vor einem halben Jahrhundert entstanden sind – und die AfD in ihren Hochburgen Dortmund, Duisburg oder Gelsenkirchen ebenso beständig Wähler gewinnt wie im Osten Deutschlands. „Wie wir besser verstehen, was uns trennt und was uns eint“ versucht Neumann in seinem Buch „Mentalitäten“ zu ergründen. Dabei beschreibt er unter anderem die gesellschaftlichen Umbrüche in der früheren DDR nach der Maueröffnung, als sich die Lebensperspektiven der Menschen mit den „Zumutungen der Einheit“ grundlegend veränderten.
„Mit diesen Erfahrungen des drohenden Wohlstandverlustes sehen sich aktuell viele Menschen in Westdeutschland konfrontiert“, erklärt Neumann. Darauf, so beschreibt er in seinem Buch, hätte sich „der Westen nach 1989 besser vorbereiten sollen“.
Jeder ist hier zugezogen
Sind unterschiedliche Mentalitäten dabei unterschiedlich hilfreich? Solvejg Nitzke sagt etwa über die Dresdner: „Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Menschen von ihrer Heimatstadt derart begeistert sind.“ Im Ruhrgebiet dominiert eher das „Anderswo ist auch Scheiße“-Gefühl.
„Die Mentalitäten hier sind viel heterogener als in Dresden“, glaubt Neumann. „Im Ruhrgebiet ist im Laufe der Jahrhunderte jeder irgendwie zugezogen.“
„Hat man eine Mentalität? Umgangsformen sind sicher spürbar, aber ich würde eher sagen: Die Mentalität hat uns.“
— Dr. Peter Neumann
Der Philosoph und Autor erschließt sich den vorübergehenden Lebensraum durch viele persönliche Begegnungen, mit hoher Sensibilität für die kleinen Dinge des Alltags. Ein „Fundstück“ hat er an diesem Abend mitgebracht: Hautschutzseife, noch original verpackt, wie sie die Bergleute nach der Schicht zum Waschen benutzten. Püttgeschichte zum Anfassen. „Wäre es jetzt ein ultimatives Ruhrgebietsfeeling, mich damit zu waschen?“, fragt er lächelnd. Gleichwohl ließe sich über die Kernseife in weiten Teilen die Sozialgeschichte des Ruhrgebiets erzählen.
„Strukturwandel“ mag niemand mehr hören
Im Dialog mit Nitzke zieht Neumann eine erste Zwischenbilanz seiner Ruhrgebietserkundung. „Ich kann das Wort Strukturwandel nicht mehr hören“, sagt er. Die Reaktionen im Publikum zeigen, dass er diese Einstellung nicht exklusiv besitzt.
Ein Fazit des kurzweiligen Abends: Aneignung neuer Lebensrealitäten geht deutlich langsamer als in politischen Sonntagsreden beschrieben. In Ost UND West. „Ein politischer Plan“, so Neumanns Anleihe im Zitatenschatz, „muss erst mal an der Theke in Mülheim funktionieren.“ Nur wer die Menschen dort begeistert und mitnimmt, kann auf nachhaltige Veränderungen hoffen.
Mehr zum Metropolenschreiber-Projekt gibt es hier: Der Blick von außen aufs Ruhrgebiet