Zukunft braucht Kümmerer
Peter Lohmeyer und Marcus Kiel motivieren mit engagierten Gästen zur Gestaltung an der „Heimat Ruhr“
Was macht aus dem bloßen Wohnort Heimat? Vertraute Menschen zweifelfrei. Heimat ist Nachbarschaft, Kultur, der liebste Dönermann nebenan, die beste Freundin ein paar Straßen weiter. Ein Gefühl für alle Sinne – auch die Nase! Schauspieler Dietmar Bär, bei der Premiere der Gesprächsreihe „Heimat Ruhr“ im Mai 2024 Gast von Peter Lohmeyer, verknüpft bis heute die schöne Kindheit im Ruhrgebiet mit dem Geruch von Brauhefe. „Damals brauten noch mehrere große Hersteller ihr Bier direkt in der Stadt. Wenn neue Hefe aufgelegt wurde, roch das sehr intensiv.“
„Es hat mich immer wütend gemacht, dass viele tolle Leute von hier nach Köln oder Berlin gegangen sind. Hamburg kann jeder, Ruhrgebiet musst du wollen.“
— Gerburg Jahnke, Kabarettistin aus Oberhausen
Gemeinsam mit Künstler Marcus Kiel sucht Lohmeyer in der Gesprächsreihe „Heimat Ruhr – Vor Ort mit Peter Lohmeyer“ die Begegnung mit den Menschen und will im Rahmen des Brost-Projektes gleichzeitig vernachlässigte Gebäude neu beleben. Bei den ersten Veranstaltungen in einer leerstehenden Buchhandlung in Bochum erzählten Bär und Gerburg Jahnke aus ihrer Kindheit im Pott. Als Gäste folgten in der Essener Rathaus Galerie die Fußball-Legenden Annike Krahn, Rüdiger Abramczik und Norbert Dickel, sowie Bundesliga-Schiedsrichterin Annika Kost.
Während „Abi“ und „Nobby“ die Gäste mit zahlreichen Anekdoten und teilweise unveröffentlichten Geschichten unterhielten, setzte sich die Olympiasiegerin und Weltmeisterin für mehr Förderung des Frauenfußballs nicht nur im Revier ein. Annika Kost erzählte selbstbewusst vom Alltag in der Frauen-Bundesliga sowie den Spielen der Männer, die sie unterklassig pfeift. Ihr Fazit: „Je niedriger die Liga, umso mehr werde ich angegangen.“
Toten Orten Leben eingehaucht
Während der Veranstaltungen und Vorbereitungen blieben immer wieder Passanten an den Fenstern stehen oder kamen herein, um nach der möglichen neuen Bestimmung der Ladenlokale zu fragen. Lohmeyer: „Es sind Orte, die gelebt haben und nicht sterben dürfen. Wir müssen uns aktiv und offensiv für die Gestaltung unserer Heimat einsetzen.“
Die jüngsten Gespräche bekamen durch das Ambiente der teilweise entwidmeten Christuskirche in Wanne-Eickel eine besondere Atmosphäre, die Pfarrerssohn Peter Lohmeyer so beschrieb: „Es ist immer wieder schön, zurückzukehren in Gotteshäuser, die leben und die Wärme ausstrahlen.“ Jeweils etwa 150 Besucher füllten die Kirchenbänke wie zum Weihnachtsgottesdienst, als Hernes OB Dr. Frank Dudda, Tekin Nasikkol (Chef des Gesamtbetriebsrats ThyssenKrupp) sowie die Journalistin und Grimme-Preisträgerin Siham El-Maimouni mit Lohmeyer diskutierten.
AfD-Außenseiter
Während insgesamt 71 Prozent der befragten Bürger gerne im Ruhrgebiet wohnen, würden 56 Prozent der AfD-Sympathisanten lieber woanders leben. In der repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag der Brost-Akademie nehmen sogar 93 Prozent von ihnen eine Negativentwicklung vor der Haustür wahr!
Die zentrale Botschaft der Gespräche über Zuhause, Identität und den gesellschaftlichen Wandel im Ruhrgebiet: Heimat gibt es nicht geschenkt! „Heimat ist nicht nur ein Geschenk. Jeder sollte etwas dazu beitragen, wenn die Dinge gerade nicht so laufen“, fordert Marcus Kiel. „Sich einmischen und auch Missstände benennen, aber immer konstruktiv.“ Der in Bochum lebende Künstler begleitete die Diskussionsrunden mit einer besonderen „Erinnerungskulisse“, die von Ort zu Ort variierte. Familienfotos vom Trödelmarkt wechselten sich mit historischen Spielszenen von Fußballderbys, mitgebrachten Fotografien oder Fundstücke aus ehemaligen Kohlezechen ab. Kiel: „Es sind vielfach Fotos und Gegenstände, die ich vor dem Müll bewahrt habe. Wir sollten dabei nicht vergessen, dass mit diesen Dingen auch tausende von Menschen sozusagen ausrangiert wurden. An die möchte ich erinnern.“
Für Gastgeber Peter Lohmeyer stand im offenen Dialog über Zugehörigkeit, Vielfalt und Wandel nicht nur in der Christuskirche die Haltung seiner Gäste im Vordergrund. „Kirche war immer ein Ort, an dem sich gekümmert wird. Und meine Gäste sind echte Kümmerer, die die Dinge ansprechen und angreifen.“ So wie Tekin Nasikkol, der als gewählter Vertreter von mehr als 100.000 Arbeitnehmern möglichste viele Jobs bei der Transformation zur nachhaltigen Stahlproduktion erhalten will. Und Siham El-Maimouni, die ihr Engagement fürs Ruhrgebiet so beschreibt: „Wenn wir es nicht machen, macht es kein anderer…“
Zum Nachschauen und Nachhören
Alle Gespräche der Reihe sind auch online zugänglich: In chronologischer Reihenfolge stehen die YouTube-Aufzeichnungen der Veranstaltungen – beginnend mit Gerburg Jahnke und endend mit Siham El-Maimouni – direkt unter diesem Beitrag zur Verfügung. Ergänzend dazu fasst der „Heimat Ruhr“-Podcast sämtliche Abende zusammen und macht die Gespräche jederzeit nachhörbar.
Auf der Projektseite gibt es zudem alle Informationen zur Initiative sowie weitere Hintergründe zu den einzelnen Veranstaltungen.