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Ein Ostblick nach Westen: Das Ideal des Kaputten

Ein Ostblick nach Westen: Das Ideal des Kaputten

Rückblick August: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet

Wenn ich zwischen meinen Erkundungsgängen einmal nach Berlin fuhr, nach Hause, begann die Stadt mich plötzlich ans Ruhrgebiet zu erinnern. Vor sieben Jahren war ich nach Charlottenburg gezogen. Ich wollte nicht in den Ostteil der Stadt, obwohl das für jemanden, der selbst aus dem Osten kam, vielleicht nähergelegen hätte. Ich hatte einmal eine Tante in West-Berlin. Sie wohnte in der Prager Straße, unweit des Nikolsburger Platzes, Erich-Kästner-Gebiet. Meine übrigen Berliner Verwandten lebte im Prenzlauer Berg, in Pankow oder Weißensee. Aber irgendwie zog es mich in den Westen. Vielleicht, weil ich ihn noch nicht kannte. Vielleicht auch, weil ich so die Familie ein bisschen auf Abstand halten konnte.

Als ich eines Tages nun am ICC, an der Messe Nord, stand, auf den Bus wartete, glaubte ich tatsächlich ein Stück Ruhrgebiet vor mir zu haben. Man musste sich nur umsehen: Die Stumpfheit der Siebzigerjahre-Funktionalität kam mir entgegen. Grauer Waschbeton, asymmetrische Straßenführungen, überdimensionierte Verkehrsschneisen. Es war genau wie an vielen Stellen im Ruhrgebiet. Ich hatte nie verstehen können, wie Menschen einmal auf die Idee gekommen waren, ihre Städte zu zerstören, freiwillig. Sie autogerecht zu machen, menschenfeindlich. Ihnen jede Art von Zugänglichkeit zu nehmen. Es war unbestreitbar trist.

 

Aber je länger ich dort stand und auf den Bus 218 zur Pfaueninsel wartete, hinein ins Glück, desto stärker empfand ich eine Art Erleichterung, einen Kaputtheitstrost, eine eigenartige Läuterung. Es war ja nicht nur West-Berlin, das kaputt war. Auch die Menschen sahen, pardon, ein wenig mitgenommen aus, vom Leben gezeichnet. Der Kaputtheitstrost war so etwas wie das Eingeständnis, dass wir es wieder einmal nicht hinbekommen hatten und diesmal vielleicht endgültig. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man die Chance gehabt, die Städte neu zu denken, das Zusammenleben neu zu organisieren, es schöner, freundlicher zu machen. Stattdessen kam der Beton. Man verbaute Perspektiven, stülpte die innere Leere nach außen, entvölkerte die Innenstädte. Dennoch lag in den Ruinen der Gegenwart eine Art Trost.

 

Es war der Trost der Faktizität, der reinen Anwesenheit, des bloßen Dass, der Moment, in dem der Möglichkeitsraum sich einmal nicht mehr öffnet und mit ihm die Illusion verschwindet, es könnte immer noch unzählige andere Wege geben. Keine Tricks mehr. Kein Herausreden, kein ständiges Vor-sich-selber-Weglaufen. Der jüdische Philosoph Alfred Sohn-Rethel sprach einmal vom „Ideal des Kaputten“. Gemeint war damit keine Romantik des Verfalls, erst recht keine Freude am Untergang. Ihn faszinierte vielmehr, dass ein kaputtes Ding aufhörte, bloße Ware zu sein. In Städten wie Neapel sah er, wie Autos, Maschinen und Werkzeuge immer wieder notdürftig repariert, umgebaut und zweckentfremdet wurden. Gerade weil sie nicht mehr reibungslos funktionierten, wurden sie den Menschen wieder zugänglich. Das Kaputte verlangte nach Aufmerksamkeit, Improvisation, Fantasie. Es zwang dazu, mit dem Vorhandenen zu arbeiten, statt es wegzuwerfen und durch Neues zu ersetzen.

 

Das Kaputte war für Sohn-Rethel nicht nur ein Ideal, es war eine Schule des Sehens, des Wiedererfühlens, der Wirklichkeit. Und vielleicht, dachte ich, lag der Kaputtheitstrost, den ich empfand, genau darin: Die Möglichkeiten sind erschöpft, jedenfalls jene, von denen manche einem immer wieder einreden wollen, sie stünden allen jederzeit offen. Doch hier in West-Berlin, wie zuvor im Ruhrgebiet, schien etwas erfahrbar zu sein, das anderswo längst verschwunden war, eine Lücke. Kein Performance-, kein Optimierungsdruck. Es war die Freiheit, nicht ständig im Abstrakten leben zu müssen, sondern im Hier und Jetzt anzukommen. Mit dem Vorhandenen auszuhalten. Am Unperfekten seinen Sinn zu schärfen.

Metropolenschreiber im Ruhrgebiet

Das Projekt „Metropolenschreiber/in Ruhr“ ist eine Initiative der Brost-Stiftung. In regelmäßigen Abständen lädt die Stiftung Autorinnen und Autoren ins Ruhrgebiet ein und ermöglicht ihnen mit einer Residenz vor Ort einen besonderen Blick auf die Region. Ziel ist es, das Ruhrgebiet aus einer Außenperspektive neu zu erkunden, Gewohntes zu hinterfragen und bislang wenig beachtete Geschichten, Menschen und Orte sichtbar zu machen.

 

Die Stipendiatinnen und Stipendiaten begeben sich auf eine „menschliche, kulturelle und historische Schatzsuche“ im Revier. Ihre Eindrücke und Erkenntnisse halten sie in literarischen Arbeiten fest, die zum Ende ihres Aufenthalts veröffentlicht werden und neue Perspektiven auf die Metropole Ruhr eröffnen.

 

Mehr zum Projekt: Metropolenschreiber/in Ruhr