Verantwortung in bewegten Zeiten
Verantwortung in bewegten Zeiten
Staatsministerin Serap Güler im Machtspiel-Podcast: Zwischen internationaler Sicherheit und gesellschaftlichem Zusammenhalt
Für Serap Güler war es eher ein Heimspiel als ein Machtspiel: Zum Gespräch mit NZZ-Moderatorin Beatrice Achterberg in der Brost-Villa in Essen kehrte die Bundestagsabgeordnete und Staatsministerin im Auswärtigen Amt in die „alte Heimat“ Ruhrgebiet zurück. „Ich bin in Marl geboren und habe 27 Jahre dort gelebt“, erzählte die Tochter eines türkischen Bergmanns im früheren Wohnzimmer von Anneliese Brost.
Auch inhaltlich fühlte sich Güler gleich zuhause, Beatrice Achterberg wollte im Podcast Machtspiel über „politische Perspektiven zwischen Rhein und Spree sowie über Herausforderungen und Verantwortung in der internationalen Politik“ sprechen.
Das ungewöhnliche Ambiente mit Gartenblick bereicherten zahlreiche Zuschauer, die für angenehme Enge zwischen den Bücherregalen sorgten. „Ein wirklich schönes Gefühl“, so Moderatorin Achterberg. „Sonst sitze ich immer mit dem Gast allein im Studio, hier bekommen wir direkte Rückmeldung der Zuhörer.“ Mit einer kleinen Einschränkung: Während der Aufzeichnung galt absolute Ruhe, um die Qualität der Aufzeichnung nicht zu beeinträchtigen. Beifall war erst nach Abmoderation erlaubt – mit einer offenen Diskussion als Zugabe.
Kein Staubkorn auf Deutschland
Serap Güler illustriert die zentralen Herausforderungen von Migrationspolitik und Integration mit der eigenen Familiengeschichte. „Mein Vater hat bis zu seinem Tod nur gebrochen Deutsch gesprochen, aber hat sein Land gegen jede Kritik verteidigt. Wie sagen in der Türkei: Er ließ kein Staubkorn auf Deutschland kommen. Gelungene Integration hängt nicht allein an Sprache, sondern vor allem an einem Zugehörigkeitsgefühl, in dem man Werte und Mentalität teilt.“
Erste Signale für eine Wende in der Migrationspolitik macht sie an Zahlen aus dem Alltag fest: „Köln hatte zu Hochzeiten 26 Turnhallen mit Asylsuchenden belegt und eine Messehalle für die Unterbringung angemietet. Diese Ausnahmezustände sind vorbei, aber es fehlt noch immer Wohnraum.“
Das inhaltsreiche Gespräch thematisierte den Ukraine-Krieg, die Sparmaßnahmen der Bundesregierung sowie die aktuelle Auseinandersetzung der etablierten Parteien mit der AfD. In sehr deutlichen Worten stellte die Staatsministerin klar: „Der Krieg gegen uns findet schon statt.“ Deutschland ist täglich Ziel von Cyberangriffen. Sicherheitsbehörden führen zahlreiche dieser Angriffe auf staatliche Akteure aus Russland, China und Iran zurück. Der dadurch sowie durch Cyberkriminalität insgesamt verursachte volkswirtschaftliche Schaden geht in die Milliardenhöhe und wird von Studien auf bis zu rund 250 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.
„Mit den 'Podcasts für Deutschland' entsteht ein Bildungsangebot gerade für eine jüngere Zielgruppe, das Fake News und Desinformation entgegenwirken soll.“
— Prof. Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands der Brost-Stiftung
Vertrauen gewinnen – aber wie?
In der Schlussrunde unter Einbeziehung der Zuhörerfragen wurde deutlich, was die Menschen nicht nur im Ruhrgebiet gerade umtreibt. „Wie können die demokratischen Parteien die Bürger zurückgewinnen, die sich nicht mehr wahrgenommen fühlen?“, fragte eine Besucherin. Für viele sei die AfD tatsächlich zur Alternative geworden. Güler hat darauf eine differenzierte Antwort, gleichwohl keine Lösung. „Die größte Herausforderung der aktuellen Politik ist es, Deutschland wieder wirtschaftlich voranzubringen. Gibt es dazu im Wirtschaftsprogramm der AfD auch nur einen sinnvollen Vorschlag? Wir müssen als Politiker das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen. Meine persönliche Lehre: Versprich nur, was du auch halten kannst und nimm den Mund nie zu voll.“
Der Live-Podcast aus der Brost-Villa war mehr als ein Bühnengespräch über Tagespolitik, er steht für ein journalistisches Konzept, das bewusst einen anderen Ton in die deutsche Debatte bringen will. Machtspiel, das gemeinsame Podcastformat von NZZ und Brost-Stiftung, setzt auf faktenbasierte Diskussionen, klare Positionen und einen Blick auf Deutschland, der nicht ganz aus Deutschland selbst kommt. Hier soll im Förderschwerpunkt Qualitätsjournalismus deutsche Politik und Gesellschaft nicht nur nachrichtlich abgebildet, sondern eingeordnet, zugespitzt und diskutiert werden.
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