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Neuland Ruhrgebiet: Ein Ostblick nach Westen

Neuland Ruhrgebiet: Ein Ostblick nach Westen

Ein Monat Ruhrgebiet: Eindrücke des Metropolenschreibers Dr. Peter Neumann

Eigentlich bin ich mit dem festen Vorsatz ins Ruhrgebiet gekommen, mich besonders ostdeutsch zu fühlen. Schließlich ist das hier tiefster Westen, das industrielle Herzland der alten BRD. Amsterdam, Brüssel, Paris, alles nicht weit. Aber kaum bin ich vor Ort, merke ich: Daraus wird nichts.

 

In meinen ersten Wochen als neuer Metropolenschreiber stelle ich fest, dass es sogar unerwartet viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Osten und dem Ruhrgebiet gibt. Da ist nicht nur die arbeiterliche Tradition, das Unverblümte, Direkte, manchmal Kaputte. Genau wie über den Osten existieren über das Ruhrgebiet fast ausschließlich Vorurteile, Klischees. Bevor ich nach Mülheim kam, sagte man mir, ich solle mir unbedingt ein Auto zulegen, weil das Ruhrgebiet ausschließlich für Autos gebaut worden sei. Und es stimmt ja, dass es von Straßen, Zubringern, Autobahnen, Parkhäusern, Bahntrassen durchzogen ist. „Es ist, als gäbe es keine räumlichen Ziele hier: nur zeitliche, wie den sicheren, unausbleiblichen, endgültigen Tod des letzten Stückchens Erde“, heißt es im berühmten Text Trübsal einer Straßenbahn im Ruhrgebiet von Joseph Roth.

Aber das Ruhrgebiet, so merke ich auf meinen ersten Erkundungsgängen schnell, lässt sich genauso gut erwandern. An einem Morgen mache ich mich von meinem Appartment ganz im Süden Mülheims auf den Weg nach Duisburg, ich will ins Lehmbruck-Museum, eine Stunde soll es sein, direkt durch den Uhlenhorst, nicht mehr. Schon nach wenigen Minuten habe ich die Reihen der Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften hinter mir gelassen, deutscher Mittelschichtswohlstand. Ich folge den Bahnlinien, da ist Wald, Wasser, Natur. Jogger kommen mir entgegen. Der Boden wippt unter meinen Füßen und für einen Moment lasse ich mich von ihm tragen, spüre den Schwung, die Leichtigkeit, die mir durch die Glieder fährt. Ich gerate in Bewegung.

 

Ich schaue auf den pulsierenden blauen Punkt auf Google Maps, mache einen Screenshot und schicke es einem Freund in Erfurt. Ich schreibe: Stell Dir vor, es ist 1989, die Mauer fällt, Du schaust nach Westen, was tust Du? Ich habe mich oft gefragt, wie man im Westen in den Neunzigerjahren so arrogant gegenüber dem Osten sein konnte, so ignorant gegenüber den Erfahrungen und Geschichten des gesamten östlichen Europas. Aber vermutlich hätte ich gar nicht so anders reagiert, wenn ich in Bottrop, Herne oder Mülheim an der Ruhr aufgewachsen wäre. Tatsächlich fühlt sich von hier aus der Osten verdammt weit weg an, wie ein anderer Planet.

Und doch gibt es da etwas, dass Ost und West, so fern sie auch scheinen, miteinander teilen. Genau wie der Osten ist das Ruhrgebiet eine Erinnerungslandschaft, ein Mythos, ein riesiges Geschichtsreservoir, einschließlich der Deutungskämpfe darüber, was nun seine eigentliche Existenzform sei. Der Philosoph Wolfram Eilenberger, einer meiner Amtsvorgänger, hat es einmal das „Ruhr-Paradox“ genannt: Das Ruhrgebiet, so Eilenberger, entstehe erst im Moment seines eigenen Abschieds, als ein letztes Leuchten, Flackern, eine Erinnerung, mit dem letzten Bergmann: „Das Ruhrgebiet gibt es erst, seit es das Ruhrgebiet nicht mehr gibt.“ Dasselbe kann man auch vom Osten behaupten. Auch in der DDR hatte niemand das Gefühl, sonderlich „ostdeutsch“ zu sein. Im Gegenteil: Man hielt sich vielmehr für das eigentliche, „bessere“ Deutschland. Immerhin hatte man Weimar, Jena, Dresden, Potsdam, die Orte der deutschen Aufklärung auf seiner Seite. Der Osten, so lässt sich behaupten, ist eine Erfindung der Nachwendezeit, einer „mythischen Nachzeitigkeit“, wie Eilenberger sagen würde. So wenig, wie es den Osten gibt, gibt es das Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet gibt es, wenn überhaupt, nur im Plural.

 

Genau darin liegt für mich die Schönheit des Metropolenschreibens, weil es die Augen öffnet, für das Überraschende, so nicht Erwartete. Es gibt unterschiedliche Prägungen, ja, aber man darf auch Schwung holen, über sie hinweggehen, sie für einen Moment ausblenden. Ganz unvoreingenommen sein, sich losmachen, Schal, Schuhe, hinausgehen in diese Landschaften.