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Was verband Krupp mit Alexander von Humboldt?

Was verband Krupp mit Alexander von Humboldt?

Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann spürt spannenden Beziehungen in der Geschichte des Reviers nach

„Gehört Xanten noch zum Ruhrgebiet?“ – Menschen aus dem Pott dürften diese Frage von Peter Neumann mit heftigem Kopfschütteln beantworten, Heimatkundige werden den neuen Metropolenschreiber auf die gelernten Grenzen der Region verweisen. Vom westlichen Rand bei Duisburg liegt Xanten noch gut 40 Kilometer entfernt.

 

Neumann stellt die Frage ganz bewusst, er will sich in den nächsten Monaten dem Ruhrgebiet als einer Region mit fließenden Grenzen nähern. „Ich frage mich, ob das Ruhrgebiet nicht größer ist als die Fläche, die im Atlas verzeichnet ist. Xanten gehört sicher nicht zum Kerngebiet, ist aber ein Anrainer, der angesichts seiner geschichtlichen Tiefendimension Einfluss auf das Ruhrgebiet hatte.“ Ähnlich wie die Nähe zu den Niederlanden oder das benachbarte Sauerland als Naherholungsgebiet den Pott mitgeprägt haben. „Ohne die angrenzenden Landschaften, kann man das Ruhrgebiet nicht verstehen. Sie gehören gewissermaßen zu meiner Kartierung dazu.“

 

Geleitet von einem mentalen „Koordinatensystem“ will der promovierte Philosoph sich treiben und von Menschen oder Umgebung konfrontieren lassen, unabhängig davon, ob es ihm tatsächlich gefällt oder nicht. Dabei erschließt er sich das Revier tatsächlich „von Null“, es gibt weder Freunde oder gar Verwandte, ebenso wenig persönliche Erinnerungen. „Wenn man keine persönlichen Verbindungen zum Ruhrgebiet hat, schafft man sich einfach welche, indem man an Menschen anknüpft, die man durch Texte, Gedanken und Ideen gut kennt.“

„Ich komme in jedem Fall mit einem Bild vom Ruhrgebiet. Und dieses Bild gleicht in auffälliger Weise dem Osten, aus dem ich komme.“

— Dr. Peter Neumann

Mülheim und der Märchenvater

Neumann hat im Vorfeld spannende Konstellationen aufgespürt. Wussten Sie, dass der Universalgelehrte und Weltreisende Alexander von Humboldt ein freundschaftliches Verhältnis zu Alfred Krupp hatte? „Der größte Naturforscher und Abenteurer des 19. Jahrhunderts trifft auf einen der größten Unternehmer und Industriellen. Da prallen die Welt des Geistes und die Welt von Industrie und Technik aufeinander. Darüber will ich alles wissen.“ 1854 bedankte sich Humboldt zum Beispiel bei der Frau des Hauses, Bertha Krupp, für die Geburtstagsgrüße, die ihn zu seinem 85. Geburtstag erreicht hatten. Damit setzte er einen Austausch fort, den er mit der Familie Krupp pflegte.

 

Gleichermaßen spannend die Geschichte von Märchenerzähler Jakob Grimm, den der Metropolenschreiber einen „guten Bekannten“ nennt. Grimm saß 1848 in der Nationalversammlung in Frankfurt – als Abgeordneter des Wahlkreises Mülheim (der auch Duisburg umfasste)! Neumann: „Grimm gehörte zu den legendären Göttinger Sieben, die für die Verteidigung der Verfassung und die Freiheit der Universitäten kämpften. Wie kommt er nach Mülheim?“ Die Suche nach der Antwort liefert den Stoff für Erzählungen.

Gefühl für Raum und Zeit

Zu Neumanns „Wegbegleitern“ zählen auch Alexander Kluge, der mit Helge Schneider über die tiefen Lebenswahrheiten der Mülheimer Theke philosophierte, oder die 2021 verstorbene Dichterin Barbara Köhler aus Duisburg.

 

Das Liveerlebnis von Currywurst, „Taxiteller“ oder Fußballstadion lockt den früheren Fan von Hansa Rostock weniger, Neumann will gerne den einen oder anderen Mythos abräumen.

 

„Das wirklich Interessante am Metropolenschreiber ist doch, dass man wieder ein Gefühl für Raum und Zeit bekommt. Das ist uns, gesamtgesellschaftlich betrachtet, ein bisschen abhandengekommen“, so der in Mecklenburg-Vorpommern geborene Lyriker und Sachbuchautor. Es brauche Zeit, um Kontakte und Bekanntschaften zu machen, gleichermaßen gehöre es zu seiner Aufgabe, Räume zu durchqueren, um ein Gebiet zu erschließen. „Eine schon fast anachronistische Tätigkeit. Es hilft im konkreten Fall wenig, den Laptop aufzuklappen und Google oder ChatGPT zu befragen. Und das ist gut so.“

„Ich will die gängigen Vorurteile zwar als Klischees erleben, aber nicht als solche aufschreiben. Das ist ein Unterschied.“

— Dr. Peter Neumann

Das ist Dr. Peter Neumann

Peter Neumann, Jahrgang 1987, ist promovierter Philosoph. Er lehrte an den Universitäten Jena und Oldenburg und ist seit 2021 Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT. Zu seinen Veröffentlichungen gehören die Sachbücher „Jena 1800“ (2018), „Feuerland“ (2022) sowie der Lyrikband „areale & tage“ (2018). Im Herbst 2025 erschien sein politischer Essay „Mentalitäten. Wie wir besser verstehen, was uns trennt und was uns eint“ bei Siedler. Im Jahr 2026 ist er Metropolenschreiber im Ruhrgebiet. Peter Neumann lebt in Berlin und Hamburg.

 

Hier geht’s zur Antrittslesung des Metropolenschreibers:

Antrittslesung des Metropolenschreibers Ruhr 2026