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Ein Ostblick nach Westen: Vom Fremdsein zur Sehnsucht

Ein Ostblick nach Westen: Vom Fremdsein zur Sehnsucht

Rückblick Juni: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet

Eines Tages ist das Gefühl da: Ich vermisse das Ruhrgebiet, sehne mich nach seiner Rauheit, dem Nicht-ganz-so-Geraden, leicht Kaputten.

 

Fast ist es so, wie Heinrich Böll einmal an Ingeborg Bachmann schrieb, die nach dem Zweiten Weltkrieg darüber nachdachte, von Wien nach Deutschland überzusiedeln: „Wenn Sie herkommen nach Köln“, schrieb Böll, „werden Sie eine ruhige und schöne Stadt finden, nach deren Trümmern sich meine Kinder während eines Aufenthalts in England so sehr gesehnt haben, dass sie bei der Rückkehr nach hier, als der Zug durch die Trümmerkulisse einfuhr, ausriefen: ‚Endlich – die Trümmer!‘“

 

Auch mir geht es inzwischen so, wenn ich nach einigen Tagen in Berlin wieder Dortmund, Essen, das Ruhrgebiet erreiche:

 

Endlich – die Trümmer! Endlich – das Revier! Dabei bin ich doch nur ein Gast auf Zeit, ein Jahr lang soll ich als Metropolenschreiber der Brost-Stiftung das Ruhrgebiet untersuchen, mich mit Menschen treffen, durch Städte reisen, ein Blick von außen.

 

Was wusste ich schon von Moers, Unna, Wattenscheid, dem Baldeneysee, der Emscher? Und doch überfällt mich jedes Mal das Heimweh, dieses sentimentale, oft klebrige Gefühl.

Aber wie soll man nun vom Ruhrgebiet erzählen, wenn es längst nicht mehr das ist, was es einmal war, zwischen Vergangenheit und Zukunft festhängt? Das Ruhrgebiet war einst das industrielle Heartland der alten Bundesrepublik, ohne Kohle und Stahl hätte es das Wirtschaftswunder und die Jahre des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Wenn man heute jedoch auf dieses Heartland blickt, scheint sich etwas verschoben zu haben: Das Herz pumpt nicht mehr richtig, es ist aus dem Takt geraten, die Adern sind verstopft, nicht nur im Ruhrgebiet, auch anderswo in Deutschland. Aber hier ganz besonders. 

 

Um sich dem Ruhrgebiet als einer prekären Landschaft zu nähern, könnte man vielleicht an einen Begriff aus der Poetik, an die Gedichte Friedrich Hölderlins denken. Immerhin hat es Hölderlin, wenn auch nicht in die Region des heutigen Reviers, bis nach Bad Driburg, in Westfalen, geschafft. Auf seiner Flucht 1796 aus Frankfurt vor den französischen Revolutionstruppen verbringt er hier drei Wochen mit der Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard, seiner Diotima. Es sind unbeschwerte, glückliche Tage, die sie zusammen verleben. Eine „wilde Schönheit“ findet Hölderlin in Westfalen, der Landstrich erinnert ihn an das einfache und karge Böotien, antiker Boden sozusagen. Es sind gerade diese Spannungen und Gegensätze, die ihn anziehen – und die sich auch in seiner Sprache niederschlagen. 

 

Die Rede ist vom Begriff der „harten Fügung“, den der Hölderlin-Herausgeber Norbert von Hellingrath für die oft parataktische, schroffe und spannungsreiche Satzstruktur bei Hölderlin verwendet. Bei einer harten Fügung prallen Wörter und Satzglieder hart aufeinander, anstatt harmonisch ineinander überzugehen. Eine Form, die sich radikal vom klassischen Ideal des sanften, fließenden Wohlklangs abwendet. Und ist es nicht mit dem Ruhrgebiet ganz genauso, in dem nichts so recht glatt aufgehen will? Man muss nur nach Oberhausen fahren: das Gasometer in unmittelbarer Nachbarschaft zur Ludwiggalerie, daneben der RWO, das Niederrheinstadion, gleich gegenüber vom Kaisergarten, auf so wenig Platz ein ganzes Universum. Man kann auch an die berühmte Nord-Süd-Trennung, das Diesseits und Jenseits des Hellwegs denken, das Aufeinanderprallen der Kulturen, Sprachen.  

 

Überall findet man im Ruhrgebiet harte Fügungen, den Hölderlin-Sound, eine Atonalität, die sich jedem melodischen Singsang verweigert und doch einen Drive hat, wenn man sich auf seinen Rhythmus einlässt: Das Ruhrgebiet stürzt ständig nach vorne, weil es immer überrascht, nicht vorhersehbar ist. So wie bei Hölderlin ein Satz am Zeilenende brutal abgeschnitten wird – man nehme nur die Zeilen „Zweifellos / Ist aber Einer. Der / Kann täglich es ändern“ aus dem Gedicht Mnemosyne (1803) –, entsteht auch beim Gang durchs Revier ständig ein Vakuum, ein Sprung. Es ist die Wucht des Elementaren. Und so wie bei Hölderlin das Auge und die Stimme ständig in die nächste Zeile stürzen müssen, um den Sinn zu fassen, erzeugen auch der heterogene Wechsel, die völlig verschiedenen Elemente im Ruhrgebiet einen enormen Sog nach vorne. Unberechenbar, schroff, voller Bewegung. 

 

Die harte Fügung bei Hölderlin spiegelt das Gefühl wider, dass Heimat und Welt nicht mehr harmonisch erklärbar sind, sie sind buchstäblich aus den Fugen. Wenn die Sätze zerbrechen, zeigt das Hölderlins Ringen mit einer Sprache, die an ihre Grenzen stößt, in die Krise geraten ist, nicht mehr ohne Weiteres Einheit herzustellen vermag. Und doch ist es immer noch Sprache, ein Vollzug, es gibt etwas, das die Teile zusammenhält. Und genau deshalb bekommt man auch das Ruhr-Heartland überhaupt nur in seinem Drive zu fassen.