Definition Ruhrgebiet: was Folklore, Eindrücke und Unschärfen verraten
27. August 2021
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Zehn Jahre Brost-Stiftung – Rückblick ist Ausblick!

Mit einigen Fremdprojekten nahm die Brost-Stiftung vor zehn Jahren ihre Arbeit auf, inzwischen unterstützt sie eine Vielzahl von Ideen im Ruhrgebiet. Der jährliche Stiftungstag ist stets Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und auf aktuelle Projekte zu blicken. In diesem Jahr stand das Jubiläum im Fokus der Traditions-Veranstaltung auf Zeche Zollverein. Ein ungezwungener Abend mit guten Gesprächen und – dank 2G-Regel – sogar ohne Masken …

Prof. Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands, nahm die Gäste in seiner Begrüßungsansprache mit auf eine kurze Reise zu den Anfängen. „Alle Projekte hatten und haben das Ziel, ‚das Ruhrgebiet besser zu machen‘. Nicht als ‚tümelnde‘ Nabelschau, sondern als ‚Wirkungsquantum‘ in einer sich tiefgreifend wandelnden Welt. Unsere Probleme sind interessanter als anderswo die Lösungen. Diese Region ist Lebensraum und Labor zugleich.“ Hier finden Sie die Langfassung der Rede.

Was das konkret bedeutet, analysierte Anja Bröker, die als Moderatorin eloquent durch den Abend führte, anschließend in einer Podiumsdiskussion mit Dr. Wolfram Eilenberger, Philosoph und Beststeller-Autor, Dr. Frank Dudda, Oberbürgermeister der Stadt Herne und Vorsitzender des Ruhrparlaments, sowie Anke Johannsen, Autorin, Musikerin und Komponistin aus Duisburg.
Kontrovers diskutierte das Quartett insbesondere Eilenbergers jüngst erschienenes Sachbuch „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“. Es ist das Fazit seiner einjährigen „Amtszeit“ als Metropolenschreiber Ruhr 2019 und bereits jetzt Pflichtlektüre im Diskurs um die Zukunft des Reviers. Der Autor kritisiert darin das rückwärts gerichtete Image und den rein männlich geprägten Mythos der Region. Als sinnfälliges Beispiel verwies er auf die Zeche Zollverein, die sich durch die Panoramafenster des Erich-Brost-Pavillons an diesem Spätsommerabend von ihrer schönsten Seite präsentierte: „Die stillgelegten Anlagen gelten heute als Denkmal, sie könnten aber bald zum Mahnmal werden und dann wird diese heroisierte Darstellung des Bergbaus kritisch umgedeutet zu einem Symbol für fossilen Kapitalismus“, so Eilenberger.
Dudda konterte kampflustig in Richtung des gebürtigen Freiburgers: „Ich werde Sie auch nicht schonen. Ich musste in meiner Jugend immer in den Schwarzwald. Bei mir ist nur kleben geblieben, dass ich dort nie wieder hinwill. Stereotype können wir auch, bis hin zur Schwarzwälder Kirschtorte, die ich seitdem nie wieder angerührt habe.“ Damit war der Ton gesetzt für einen unterhaltsamen Schlagabtausch auf der Bühne, in dem die Musikerin Anke Johannsen mit ihren Statements gekonnt die Mittlerrolle einnahm. Sie ist ebenfalls kein geborenes „Kind des Reviers“, lebt und arbeitet jedoch seit vielen Jahren in Duisburg. Nach ihren Zukunftsideen für die Region befragt, antwortete sie pragmatisch: „Es geht darum, einfach loszulegen und zu machen. Die entscheidenden Ideen entstehen im Tun!“

Medienpädagogik im Gertrud-Zillich-Haus

Sie lieferte damit das Stichwort für den zweiten Teil des Bühnen-Programms: Im Anschluss stellte Brökers zwei aktuelle Förderprojekte der Brost-Stiftung vor, wo TUN bereits vieles bewirkt hat. Im „Gertrud-Zillich-Haus“ und der Einrichtung „Hilfe zum Leben“ des Diakonie-Verbands Oberhausen e.V. konnte die digitale Infrastruktur mithilfe der Stiftung deutlich verbessert werden. Die Einrichtungen bieten Schwangeren und jungen Müttern vorübergehend ein Zuhause, die nicht in der eigenen Familie oder Wohnung leben können. Sie bekommen dort Unterstützung im Alltag und Hilfe bei der Pflege ihrer Kinder. Auch unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind dort zeitweise untergebracht. Groß war die Freude bei den jungen Frauen, endlich ein stabiles WLAN-Netz nutzen zu können. Geschäftsführer Stephan Gill berichtete: „Wir haben bereits neue Laptops und Software für das Homeschooling bekommen. Als nächstes werden wir noch einen Raum zum Arbeiten mit Schreibtischen und Bürostühlen ausstatten.“

MENSCHENMÖGLICHES e.V.

Susanne du Bois und Ralf Kuhlmann erklärten, was es mit ihrem Verein MENSCHENMÖGLICHES auf sich hat. Die Initiative arbeitet an den Evangelischen Kliniken Essen Mitte (KEM) und bietet Psychosoziale Kurzzeitbegleitung für Angehörige von Krebspatienten an. Ziel ist es, die Lebenssituation im Umfeld des Patienten zu stabilisieren und dabei zu helfen, Belastungssymptome der Angehörigen zu minimieren. „Darf ich mich um mich selbst kümmern?“ – das sei eine Frage, die viele Familienmitglieder von schwer Erkrankten umtreibe. „Die Angehörigen machen sich am meisten Sorgen um den Patienten und die Patienten sorgen sich nur um ihre Angehörigen. Aber keiner traut sich, das zu thematisieren“, erklärte Kuhlmann. Das Gespräch mit einem Familientherapeuten könne vielen Betroffenen durch die schwere Zeit helfen. Die Unterstützung der Brost-Stiftung ermöglicht es in diesem Jahr, das Angebot für ältere Angehörige zu erweitern.

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