Zum Inhalt springen

Wie laut sollte Journalismus sein?

Wie laut sollte Journalismus sein?

Kai Diekmann steht bei The Pioneer Rede und Antwort

Einordnen, aufdecken, provozieren: Was darf Journalismus – und was muss er leisten? Beim „The Pioneer Late Night Briefing“ am 3. November 2026 in der Essener Lichtburg sprach als Special Guest Ex-BILD-Chefredakteur Kai Diekmann über die Verantwortung der Medien, den Schutz des Privaten und den Wert leiserer Töne.

Journalistisches Handwerk im Mittelpunkt

Wer andere öffentlich hinterfragt, muss sich auch selbst Fragen gefallen lassen. Beim 8. Stopp der Deutschlandtour von The Pioneer rückte deshalb das journalistische Handwerk selbst in den Mittelpunkt des Abends. Seit drei Jahren unterstützt die Brost-Stiftung die Veranstaltungsreihe im Rahmen ihres Förderschwerpunkts Qualitätsjournalismus – für einen demokratischen, pluralistischen Diskurs. 

 

Durch den Abend führten wie gewohnt Jörg Thadeusz und Chelsea Spieker. Zum Auftakt gab The Pioneer-Gründer Gabor Steingart sein bekanntes Late Night Briefing zu aktuellen Themen aus Wirtschaft und Politik. Anschließend reagierte er auf Begriffe, die ihm aus dem Publikum zugerufen wurden. So bekamen die Zuschauer die Gelegenheit, aktiv eigene Themen einzubringen. Bürokratie? „Nur ein anderes Wort für Wahnsinn.“ Finanzbildung? „Im Moment stoßen die beiden Begriffe sich noch ab. Aber wir müssen das ändern.“ Klimakrise? „Ich würde zunächst von Klimawandel sprechen. Für manche mag es eine Krise sein, es kann aber auch die Chance sein, etwas daraus zu entwickeln. Das Gegenwort dazu ist also die Klimachance.“

Anfeindungen und Drohungen aushalten können

Ein großer Teil des Abends richtete den Blick auf die Medien selbst: Journalistin Alev Doğan sprach mit Ex-BILD-Chefredakteur Kai Diekmann über das Selbstverständnis des Boulevards und die Grenzen einer Berichterstattung, die Aufmerksamkeit sucht. Dabei ging es um prominente Schlagzeilen ebenso wie um die Frage, welchen Journalismus eine zunehmend aufgeregte Gesellschaft braucht. 

 

Diekmanns Verständnis seines Berufs ließ wenig Raum für Gefälligkeit: „Das, was Politiker nicht gedruckt sehen wollen, das nennt man Journalismus. Alles andere ist PR.“ Für ihn gehöre es zum Kern journalistischer Arbeit, auch gegen Widerstände zu veröffentlichen und Konflikte auszuhalten. Dass diese Haltung persönliche Folgen haben kann, beschrieb er anhand eigener Erfahrungen. Diekmann berichtete von Drohungen und Angriffen, die bis in sein familiäres Umfeld reichten. „Natürlich habe ich Sorge gehabt, Sorge um die Sicherheit meiner Familie. Und gleichzeitig habe ich gewusst: Das gehört dazu, wenn du diese Aufgabe annimmst, […] dann bist du das Gesicht einer Zeitung, die bewusst provoziert, die auch polarisiert und die im Zweifelsfall auch Gegenstand von Anfeindungen und Drohungen ist.“ Mit Blick auf die aktuelle Debatte um Elif Eralp in Berlin fügte er hinzu: „Das gehört dazu und das muss man in einer solchen Funktion aushalten.“

Wann darf Privates öffentlich werden?

„Wer mit der BILD im Fahrstuhl hochfährt, fährt mit ihr auch wieder runter.“ Mit diesem Spruch leitete Alev Doğan über zur Frage: Darf ein Medium über persönliche Krisen berichten, nur weil jemand zuvor private Einblicke gewährt hat? 

 

Diekmann argumentierte, die öffentliche Aufmerksamkeit lasse sich nicht nach Belieben steuern. Wer das eigene Privatleben zur Selbstdarstellung nutze, müsse damit rechnen, dass die Medien auch dann berichten, wenn es im Privatleben vielleicht nicht so optimal läuft. „Man kann die Öffentlichkeit nicht dirigieren und dann aussperren, wenn es anders kommt.“  

 

Als Beispiel nannte er Bayerns Ex-Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der sich im Jahr 2007 nach außen hin bewusst als Familienmensch gab, während in Berlin seine Geliebte ein Baby von ihm erwartete. „Wenn ein Politiker versucht, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen, […] gibt es sogar eine Verpflichtung von Journalisten, dann auch über Dinge zu berichten, die möglicherweise aussehen wie eine Verletzung der Privatsphäre. Am Ende ist es immer eine Abwägung: Was wiegt hier schwerer? Ein öffentliches Interesse oder der Schutz der Privatsphäre eines Menschen.“ 

 

Doch natürlich gebe es auch Politiker, so Diekmann, die ihr Privatleben komplett aus der Öffentlichkeit heraushielten. Und die hätten dann auch unbedingten Anspruch auf den Schutz ihrer Privatsphäre.

 

Oft gerügt – aber auch oft entlastet

 

Alev Doğan sprach auch die vielen Rügen des deutschen Presserats an, die BILD seit Jahrzehnten begleiten: „Ungefähr 31 Prozent aller Verstöße seit 1991 gehen auf das Konto der BILD. Muss das so sein? Ist Boulevard so nah am Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte, dass man das einfach hinnehmen muss?“, fragte sie Diekmann.

 

Dieser verteidigte seine Arbeit: Der Presserat werde nur dann tätig, wenn sich jemand an ihn wendet. Und BILD bekomme zwar überproportional viele Rügen, der Presserat weise aber auch viele Anträge zurück. So zum Beispiel eine Beschwerde gegen die Überschrift „Miss Germany“, als Angela Merkel 2005 erste Bundeskanzlerin wurde (die Headline sei sachlich falsch, weil es doch gar nicht um eine Misswahl ging) oder „Wir sind Papst“ (die Headline sei grammatikalisch falsch und auch inhaltlich, da ja nicht alle Deutschen zum Papst gewählt worden sind).

 

Die grundsätzliche Frage blieb damit im Raum: Wie viel Zuspitzung braucht Boulevardjournalismus heute noch? In Zeiten, in denen Emotionalisierung, Personalisierung und starke Bilder längst auch soziale Netzwerke und andere Medien prägen, in denen eine grundsätzliche Boulevardisierung der Gesellschaft und der Berichterstattung zu beobachten ist – ist Lautstärke da überhaupt noch ein Unterscheidungsmerkmal für den Boulevard?

Mehr Orientierung, weniger Lautstärke

Tatsächlich sei es in der aktuellen Zeit schwer geworden für BILD, ihr Alleinstellungsmerkmal noch erfolgreich zu vertreten, stimmte Diekmann zu. Und er formulierte einen bemerkenswerten Wunsch an seine frühere Zeitung: „In Zeiten, die so aufgeregt sind, wie sie es jetzt sind, […] würde ich mir manchmal wünschen, dass die BILD eher ein Gegenentwurf ist, eher versucht, etwas zu ordnen, etwas einzuordnen und nicht versucht, noch das zu toppen, was eh schon an Lautstärke da ist.“ 

 

Zugleich zeigte er großes Verständnis für die Komplexität, in der aktuellen Zeit Journalismus gestalten zu müssen: „Zu meiner Zeit hatte ich noch immer die Gnade des Redaktionsschlusses, wir konnten uns noch eine Meinung bilden […]. Heute findet alles in Echtzeit statt. Es wird von allen Medien erwartet, dass sie in Echtzeit über das berichten, was soeben passiert ist und das auch sofort einordnen […]. Das ist wahnsinnig schwierig.“ So führte das Gespräch mit Kai Diekmann von der Schlagzeile zu einer zentralen Aufgabe des Journalismus: Orientierung zu geben. 

 

Zum Abschluss des Abends gab Gabor Steingart seinerseits dem Publikum etwas Orientierung mit auf den Weg. Er sprach sich aus für mehr Gelassenheit und eine so genannte „Look-through policy“ – also das Hindurchschauen durch Wörter, durch Aussagen. Erst dann könne man erkennen, was wirklich dahinterstecke. „Sie müssen eine gewisse Neugier mitbringen, sich aber auch nicht immer für alles zuständig fühlen. Lassen Sie doch mal für einen Moment den Gedanken zu, dass der Andere vielleicht recht haben könnte. Gelassenheit ist wichtig, damit Zuversicht eine Grundierung bekommt.“ 

 

Mehr dazu: „The Pioneer Late Night Briefing“

Fotos © Anne Hufnagl