Ein Katalog als Kunstwerk
Ein Katalog als Kunstwerk
Zur Fortsetzung der Nuhr-Ausstellung „Woanders ist Überall“ entstand ein eindrucksvolles Buch
Mehr als 200 Seiten mit 160 farbigen Abbildungen – die reine Statistik sagt wenig über den ungewöhnlichen Bildband, mit dem eine Wanderausstellung einen bleibenden Ort bekommt. Die vielfach berührende Alleinstellung dieses Katalogs entwickelt sich aus dem Dialog der gesammelten Werke von Dieter Nuhr mit dessen Gedanken zu Kunst, Kultur, Gesellschaft und Menschlichkeit. Diese werden im Dialog ausdifferenziert und durch Beiträge der Gastautoren zeitgeschichtlich eingeordnet sowie auf philosophisch-künstlerischer Ebene ergänzt. „Woanders ist Überall“ – wenn ein Katalog zum Kunstwerk wird…
„Dieter Nuhr offenbart in seinen Bildern eine stille, zugleich eindringliche Sicht auf die Welt. Seine Arbeiten vereinen Fotografie, Malerei und Zeichnung auf einzigartige Weise. In seinen Motiven beschäftigt er sich mit seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, sowie mit anderen Ländern und Kulturen. Mit feinem Gespür für Atmosphäre verwandelt er flüchtige Momente in Bilder von bleibender Wirkung, die Grenzen überwinden und neue Blickwinkel eröffnen.“
Der Klappentext beschreibt Deutschlands bekanntesten Kabarettisten als bildenden Künstler, der sich 2022 in Kooperation mit der Brost-Stiftung zu einem einzigartigen Ausstellungsprojekt aufmachte. Mit „Von Fernen umgeben“ gestaltete er zunächst einen Zyklus von Bildern, in dem die künstlerisch bearbeiteten Reisefotografien sich mit Eindrücken aus dem heimatlichen Umfeld mischten. Am 7. Mai 2022 wurden im Osthaus-Museum Hagen 67 Leinwände, die größten 4,85 x 3,00 Meter groß, neben 30 Handzeichnungen gezeigt. Mount Everest meets Hattingen.
„Entstanden ist die Idee im intensiven Austausch mit Professor Hombach und Dr. Boris Berger - aus der Frage heraus, was eigentlich passiert, wenn ich mein eigenes Lebensfeld so betrachte, wie ich Fremde betrachte.“
— Dieter Nuhr
Zwischen Pott und Tizian
Von Hagen ging die Kulturbotschaft aus dem Revier in die Welt. Unter dem italienischen Titel „Circondato di lontano“ hingen die Nuhr-Werke in der Biblioteca Nazionale Marciana von Venedig – eröffnet am Rande der 59. Biennale. Für diese Station hatte Nuhr den Bilderzyklus neu zusammengestellt und ergänzt. Künstlerisch bearbeitete Ruhrgebietsansichten, jeweils zwei mal drei Meter groß, teilten sich den Raum mit Wand- und Deckengemälden von Tizian, Tintoretto und Veronese.
„Entouré de Lointains“ im Musée Théodore Monod d’art africain, Dakar (26. November bis 17. Dezember 2022) wurde die erste Präsentation von Nuhrs Werken auf dem afrikanischen Kontinent mit 40 Unikaten. Den Katalog schmückte ein Gemälde vom Stauwehr am Essener Baldeneysee – ein historisches Stück Ruhrgebiet in Afrika.
28 Arbeiten, teils großformatige digital überarbeitete Fotografien sowie digitale Zeichnungen gestalteten die Werkschau in Rom, kuratiert und organisiert vom Düsseldorfer Galeristen Dirk Geuer für das Museum MAXXi (2023).
Mit der Rückkehr nach Deutschland (Koblenz, Ludwig Museum, 8. Oktober bis 12. November 2023) erweitert sich die künstlerische Perspektive, erkennbar bei der Vernissage von „Woanders ist überall“ 2024 in der Essener Kreuzeskirche vor rund 200 Gästen, eröffnet von Ministerpräsident Hendrik Wüst. Professor Bodo Hombach beschrieb das weiterentwickelte Konzept: „Die wirtschaftliche und kulturelle Dynamik der Ruhr-Region saugt auf und strahlt aus. Sie ist damit zwangsläufig Objekt im globalen Wandel. Von ‚Fernen‘ also nicht nur umgeben, sondern disponiert und befrachtet. Der neue Titel ist mehr Appell als Interpretation.“
Wo „Von Fernen umgeben“ die Welt im Raum aufspannte, arbeitet „Woanders ist überall“ mit autobiografischen und historischen Quellen – Zeichnungen von Menschen aus den 1950er Jahren mit ihrer sprichwörtlichen Arbeiterästhetik, ein Bild aus der Gegenwart, und dazwischen die digital erzeugten, in überwiegend wandfüllenden Formaten, auf Leinwand gezogenen Landschaften. Eine künstlerische Zeitreise statt einer Bilderfolge.
„Die Klarheit in seiner Sprache als Kabarettist, als Kommentator des Zeitgeschehens und als unabhängiger Geist findet sich auch in seinem kunstvollen Blick auf die Wirklichkeit wieder, die trotz seiner offenkundigen Liebe zum Revier nichts Verklärendes oder Nostalgisches hat.“
— NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst im Vorwort zum Katalog
Zeitreise und Europatour
Mit dem modifizierten Ausstellungskonzept setzte Nuhr seine Expedition als Kulturbotschafter des Ruhrgebiets fort: Bank Austria Kunstforum (Wien/10. Juli bis 4. August 2024), Bayerisches Nationalmuseum (München/7. November bis 8. Dezember 2024), Galleria delle Carrozze des Palazzo Medici Riccardi (Florenz/30. April bis 2. Juni 2025). Für den Künstler das (vorläufige) Highlight: „Florenz ist für mich unbestrittener Höhepunkt. Die Arno-Stadt ist ultimative und ewig blühende Kulturhauptstadt der europäischen Kunst. ‚Woanders ist überall‘, aber nirgendwo lebendiger als hier.“
Bevor die Ausstellung weiter wandert ein gedankliches Innehalten am 3. November in der Schauburg Gelsenkirchen. Nach der Begrüßung durch Prof. Bodo Hombach gibt Dieter Nuhr Einblicke in Entstehung und Hintergründe seiner Arbeiten, eine Auswahl ist vor Ort zu sehen. Im anschließenden Gespräch mit Dr. Peter Neumann (aktueller Metropolenschreiber der Brost-Stiftung) stehen Heimat und Fremde, kulturelle Vielfalt und der Dialog zwischen dem Ruhrgebiet und Bildern aus aller Welt im Mittelpunkt. Dann gehen die Bilder wieder auf Reisen.
Die Veranstaltung ist bereits ausgebucht. Auf unseren Kommunikationskanälen nehmen wir Sie natürlich mit.