„Das ist keine Kirche“ – Und was dann?
„Das ist keine Kirche“ – Und was dann?
Rückblick auf 15 Wochen Manifesta 16 Ruhr
Nach 15 Wochen im Ruhrgebiet ist das von der Brost-Stiftung geförderte Kulturfestival Manifesta 16 Ruhr Anfang Oktober zu Ende gegangen. Seit dem 21. Juni 2026 waren im Rahmen der europäischen Biennale zwölf ehemalige oder wenig genutzte Nachkriegskirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen mit neuem Leben gefüllt worden. Die Fragen dahinter: Welche neuen Funktionen können leerstehende Kirchen in ihren Stadtteilen und Nachbarschaften übernehmen? Und welche Rolle können Kunst und Kultur bei diesem Wandel spielen? Fast 200.000 registrierte Besuche belegen den Erfolg der Veranstaltungsreihe.
Für die Brost-Stiftung stand bei der Förderung der Manifesta 16 Ruhr die nachhaltige Wirkung im Ruhrgebiet im Mittelpunkt – ein Ziel, das erreicht werden konnte, sagt der Stiftungsvorsitzende Prof. Bodo Hombach: „Die Manifesta hat hier im Ruhrgebiet einen Diskurs angestoßen, der bleiben wird. Wenn aus einst verlassenen Orten lebendige Begegnungsstätten werden, wenn der Blick auf die Vergangenheit sich vermischt mit aktuellen Bedürfnissen unserer Gemeinschaft, dann entstehen daraus Impulse, die unmittelbar auf die Zukunft der Region wirken. Im Kleinen sind diese Impulse bereits sichtbar: ein Teegarten, der bleibt, Installationen, eigens angefertigte Sitzgelegenheiten. Das große Ganze braucht Zeit, doch der Anfang ist getan: mit einem verstärkten öffentlichen Bewusstsein für das große Potenzial dieser geschichtsträchtigen Orte.“
200.000 Besuche und lokale Initiativen
Die Manifesta 16 Ruhr umfasste zwischen Juni und Oktober 2026 insgesamt 187 programmierte Veranstaltungen, darunter auch einige, die bereits vor dem offiziellen Beginn der Biennale stattfanden. Das Programm brachte 107 Teilnehmende aus 30 verschiedenen Ländern zusammen, während das Team der Manifesta 16 mit mehr als 100 regionalen Partnern im Ruhrgebiet zusammenarbeitete. Im Rahmen ihrer Ausstellungen, des öffentlichen Begleitprogramms sowie den Aktivitäten vor Beginn verzeichnete die Manifesta 16 knapp 200.000 Besuche. Der Eintritt war durchgängig kostenlos und ohne Tickets möglich, um eine offene Teilhabe für alle zu ermöglichen.
Ein integraler Bestandteil der Biennale war darüber hinaus Manifesta 16+, ein von der Manifesta 16 beauftragtes Grassroots-Programm, das von lokalen Gemeinschaften entwickelt und organisiert wurde, um ihre eigenen Kirchen zu transformieren. In zehn Städten des Ruhrgebiets, unter anderem in Bottrop, Dortmund, Herne und Oberhausen, unterstützte die Manifesta 16+ insgesamt 16 lokal initiierte Projekte mit jeweils 15.000 Euro. Mehr als 300 weitere Veranstaltungen sind aus diesen dezentralen Initiativen entstanden.
Ruhrgebietskirchen im Fokus der Öffentlichkeit
15 Wochen lang hat die Manifesta 16 den Blick auf das Ruhrgebiet gelenkt. Sie hat dazu beigetragen, die außergewöhnliche Architektur der Nachkriegskirchen stärker in den Fokus der Öffentlichkeit und der Fachwelt zu rücken und eine umfangreiche internationale, nationale und regionale Medienberichterstattung auszulösen. Mehr als 700 Artikel, Beiträge und Berichte in Print- und Onlinemedien sowie in Fernsehen und Radio beschäftigten sich mit der Manifesta 16 und den Fragen rund um die Zukunft dieser Gebäude und ihre Rolle innerhalb der Communities.
15 Wochen Manifesta – was bleibt?
Nun ist die Manifesta 16 Ruhr beendet – doch das Bild im Revier bleibt zumindest teilweise erhalten. Denn einige eigens in Auftrag gegebene Kunstwerke und Gemeinschaftsprojekte sollen auch in Zukunft an ihren Standorten verbleiben oder fortgeführt werden. Einige der neu in Auftrag gegebenen Arbeiten werden von Museen und lokalen Institutionen erworben oder ihnen geschenkt. Dazu gehört der Teegarten an St. Bonifatius – Ferdane Satır Teegarten in Gelsenkirchen –, der als Teil des Zukunftsgartens der IGA 2027 im Nordsternpark weitergeführt werden soll; weiterhin Installationen und Projektelemente, deren Erhalt, Schenkung oder Wiederverwendung durch lokale Kulturzentren, Museen und Partner geprüft wird. Von gemeinschaftlich genutzter Infrastruktur und Sitzgelegenheiten bis hin zu ortsspezifischen Arbeiten zeigen diese fortlaufenden Projekte, wie Elemente der Manifesta 16 dauerhaft in den Orten und Communities verankert bleiben können, für die sie entwickelt wurden.
Verbindungen und Wissen, die über das Festival hinaus wirken
Gleichzeitig ist es der Manifesta 16 Ruhr gelungen, die Zukunft der bespielten Gebäude zu einem breiteren öffentlichen und politischen Thema zu machen – das weitaus umfassendere Vermächtnis der Biennale. Mit ihren Ausstellungen, Installationen, Veranstaltungen und Treffpunkten und brachte die Manifesta 16 lokale Gemeinschaften, kirchliche Organisationen, Künstler*innen, Kulturinstitutionen, Forschende, junge Menschen und politische Entscheidungsträger*innen zusammen und schuf damit Verbindungen und Wissen, die über das Festival hinaus wirken.
So hat die Biennale dazu beigetragen, die Schließung von Kirchen nicht nur als Verlust zu betrachten, sondern als Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie diese Gebäude zu Orten demokratischer Teilhabe, kultureller Aktivität und gemeinschaftlichen Austauschs werden können. Die Ausgangsfrage hat sich damit verändert: Es geht nicht mehr nur darum, was geschieht, wenn eine Kirche schließt, sondern darum, was aus diesen Gebäuden als Nächstes werden könnte – und durch wen.
Bildnachweise:
Titelbild: Manifesta Designmarkt © Manifesta 16 Ruhr
Bild 1: Le Chant des Maisons, 2022 © Annika Kahrs. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Bild 2: Manifesta 16 Ruhr Urban Vision Presentation © Anton Vichrov
Bild 3: This is not a church pew, 2026 © Curro Claret. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Bild 4: Women in the Mines of All Kinds, 2010 © Mabe Bethônico. Photo. © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Bild 5: FailAgainFailBetter, 2026 © Cabosanroque Collective. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Rainer Schlautmann
Bild 6: St. Josef, Gelsenkirchen © Anton Vichrov
Bild 7: Manifesta16Ruhr © Anton Vichrov