Was gegen Einsamkeit wirkt: Zeit und echte Verbundenheit
Was gegen Einsamkeit wirkt: Zeit und echte Verbundenheit
Regelmäßige Besuche, persönliche Beratung und Begegnungen zwischen Jung und Alt: Seit gut einem Jahr gibt es das von der Brost-Stiftung geförderte Projekt „Senior:innen im Mittelpunkt“. Es wurde ins Leben gerufen, um Essener Seniorinnen und Senioren in den Stadtteilen Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen aus der Einsamkeit zu holen. Am 1. Oktober 2026 gaben die Beteiligten im Rahmen eines Pressegesprächs einen Einblick zum aktuellen Stand des Projekts. Neben Oberbürgermeister Thomas Kufen und Susanne du Bois, Mitglied des Sozialbeirates der Brost-Stiftung, nahmen zahlreiche Projektverantwortliche, Ehrenamtliche und auch eine 86-jährige Seniorin an dem Termin im Zentrum 60plus in Essen-Frohnhausen teil.
„Niemand muss in einer so großen Stadt wie Essen einsam sein.“
Mit diesen schlichten Worten eröffnete Thomas Kufen das Gespräch – und regte damit direkt zum Nachdenken an. Denn so plausibel die These in der Theorie klingt, die Realität sieht anders aus. Einsamkeit im Alter – und nicht nur im Alter – ist ein handfestes gesellschaftliches Problem, das nach Lösungen verlangt. Eine davon ist das Projekt „Senior:innen im Mittelpunkt“, das die Brost-Stiftung gemeinsam mit der Ehrenamt Agentur Essen e. V. sowie der Contigo-Ruhr gGmbH ins Leben gerufen hat.
„Einsamkeit ist das große Thema unserer Zeit“, sagte dazu Susanne du Bois. „Als Brost-Stiftung bieten wir Starthilfe für Projekte wie dieses. Ich bin sehr stolz darauf, dass wir so wunderbare, starke Partner gefunden haben, die ‚Senior:innen im Mittelpunkt‘ mit so viel Engagement, Kompetenz und Professionalität nach vorne bringen.“
Zudem übermittelte Susanne du Bois das Grußwort des Stiftungsvorsitzenden Prof. Bodo Hombach. Darin würdigte dieser die bisherigen Ergebnisse: „Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Dessen Lebenskreis ist größer geworden. Eine Gesellschaft zeigt ihre Stärke nicht daran, wie laut sie von Zusammenhalt spricht. Sondern daran, ob jemand klingelt, wenn es still geworden ist.“
Drei Wege zu mehr Teilhabe
Das Projekt gliedert sich in drei Teilbereiche: erstens die aufsuchende oder telefonische Beratung von Seniorinnen und Senioren durch speziell geschulte Teilhabe-Lotsinnen sowie zweitens – auf Wunsch – die Zusammenführung mit passenden Ehrenamtlichen. Der dritte Teil des Gesamtpakets ist das Projekt „Junge Paten für Senioren“, bei dem Schülerinnen und Schüler an das Thema Ehrenamt herangeführt werden. In einer speziellen „Engagement-AG“ lernen sie, warum Einsamkeit im Alter ein reales Problem ist und besuchen gemeinsam eine Senioreneinrichtung in ihrem Stadtteil.
Beratung braucht Zeit und ein offenes Ohr
Contigo-Projektkoordinatorin Manuela Riekhoff zog eine erste Bilanz: Mehr als 200 aufsuchende und etwa 250 telefonische Beratungen hätten seit Mitte 2025 stattgefunden, über 40 Kooperationspartner unterstützen mittlerweile das Projekt. „Die Anfragen nehmen spürbar zu, das Angebot spricht sich herum“, freute sich Riekhoff. „Oft sind es die Angehörigen, die bei uns anrufen, teilweise aber auch die Seniorinnen oder Senioren selbst. Die sind meistens sehr zögerlich, dann aber oft erleichtert, weil sie selbst entscheiden können, was passieren soll. Manche Menschen haben zum Beispiel Angst, das Haus zu verlassen und wünschen sich, dass jemand zu ihnen kommt – andere möchten gerade das nicht und treffen sich lieber an einem neutralen Ort. Wir gehen auf jedes Bedürfnis individuell ein.“
Bedürfnisse, das können ganz klassisch der Wunsch nach Nähe, Gesellschaft oder Alltagsbegleitung sein, aber auch Hilfestellungen seien oft gefragt, z. B. bei Wohngeld- und Pflegegeldanträgen, Schwerbehinderungsanträgen, Umzügen und vielem mehr, erklärte Teilhabe-Lotsin Ina Wolbeck: „Wer über 80 ist, hat eine Menge erlebt. Die Menschen haben viel zu erzählen, da reicht kein Beratungsgespräch von 45 Minuten. Die Beratung braucht Zeit und ein offenes Ohr für die Bedarfe, die sehr unterschiedlich und individuell sein können. Es gibt immer neue Herausforderungen. Aber wir bleiben so lange dran, bis das Problem gelöst ist.“
Sherille Veira, kaufmännische Geschäftsführerin von Contigo-Ruhr, hob zusätzlich die hohe Qualifikation der Teilhabe-Lotsinnen hervor: Viele von ihnen sind – wie Ina Wolbeck – selbst im Ruhestand und bringen darüber hinaus Erfahrung aus sozialen oder pflegerischen Berufen mit.
Mit „Mini-Freundschaften“ zu echter Verbundenheit
Glenn Reich ist Projektleiter bei der Ehrenamt Agentur und zuständig für die Ausbildung der Ehrenamtlichen. 57 Menschen hat er bereits geschult und für das Thema Einsamkeit im Alter sensibilisiert. Im zweiten Schritt bringt er die Ehrenamtlichen mit einer zu ihnen passenden älteren Person zusammen. Im Idealfall entsteht daraus – wie er es nennt – eine „Mini-Freundschaft“.
Eine Erfolgsgeschichte für eine solche „Mini-Freundschaft“ sind die Seniorin Elfriede und ihre ehrenamtliche Begleiterin Sabiha, die ebenfalls bei dem Pressegespräch dabei waren und von ihrem Kennenlernen berichteten. Die Ehrenamt-Agentur sei im selben Haus wie die Praxis ihres Schwiegersohns, erzählte Frau Müller. So sei sie auf das Angebot aufmerksam geworden – im Grunde also ein purer Zufall. Seit einem Jahr kommt nun einmal pro Woche die 34-jährige Sabiha zu ihr, eine gebürtige Inderin. Von Anfang an haben sich die beiden blendend verstanden. Sie plaudern, spielen Mensch ärgere dich nicht, manchmal essen sie zusammen Kuchen. Frau Müller lernt dabei Sabihas indische Kultur kennen, im Gegenzug bekommt auch Sabiha eine neue Perspektive: den Einblick, wie es ist, als älterer Mensch zu leben.
Susanne du Bois brachte den gegenseitigen Gewinn auf den Punkt: „Ehrenamt ist keine Einbahnstraße. Das Beispiel von Sabiha und Frau Müller zeigt eindrucksvoll, dass hier echte Verbundenheit entstanden ist. Das ist unser Ziel. Denn Verbundenheit ist das beste Mittel gegen Einsamkeit.“
Auch der dritte Pfeiler des Projekts, die ehrenamtliche Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern, ist gut gestartet: In bislang 28 Engagement-AGs an elf Essener Schulen haben sich bis zum heutigen Tag 280 Kinder und Jugendliche beteiligt und zusammen 580 Seniorinnen und Senioren erreicht. Auch die Kinder verändere die Auseinandersetzung mit dem Thema nachhaltig, sagte Angie Landes, Projektleiterin der Ehrenamt Agentur: „Kinder haben im Alltag oft nicht viel Kontakt zu älteren Menschen, viele haben auch Berührungsängste. Wir geben Hilfestellungen und unterstützen die Kinder dabei. Viele sind hinterher froh, diese Erfahrung gemacht zu haben.“
„Sie machen unsere Stadt menschlicher“
So machte der Termin im Zentrum 60plus deutlich, wie vielfältig die Unterstützung älterer Menschen sein kann und wie sehr beide Seiten davon profitieren. Ein starkes Netzwerk und eine gute Kommunikation auch seitens der Stadt seien die besten Voraussetzungen für den langfristigen Erfolg des Projekts, darin waren sich alle einig. „Senior:innen im Mittelpunkt“ wird in jedem Fall weitergeführt und zieht inzwischen auch über die Stadtgrenzen hinaus seine Kreise. „Erst kürzlich wurde ich gebeten, unsere Arbeit in Bochum vorzustellen“, so Manuela Riekhoff.
Zum Abschied dankte Oberbürgermeister Thomas Kufen den Beteiligten: „Sie alle machen unsere Stadt menschlicher. Sie bilden junge Menschen heran, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend ist, dass man etwas tut. Ich bin der Brost-Stiftung sehr dankbar, dass sie den Anschub dafür gegeben hat.“