Zum Inhalt springen

Ein Ostblick nach Westen: Vom Mutterwitz der Ruhris

Ein Ostblick nach Westen: Vom Mutterwitz der Ruhris

Monatliche Kolumne: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet

Ich hatte lange überlegt, was die Menschen im Revier, die Ruhris, eigentlich auszeichnete. Durfte man das überhaupt fragen? Durfte man so verallgemeinern? War ich nicht immer wieder darauf gestoßen, dass das Ruhrgebiet eher einem Archipel glich als einem homogen Raum, einem Gefüge aus Hunderten kleiner Inseln, mit eigenen Gesetzen, Übergängen? Gelsenkirchen war nicht Moers. Gelsenkirchen-Bismarck noch nicht einmal Gelsenkirchen-Ückendorf. Und zwischen Mülheim-Broich und Essen-Bredeney konnten Welten liegen.

Und trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, da war etwas, etwas, das sie alle vereint. Man konnte es vielleicht als „Mutterwitz“ bezeichnet, mit diesem schönen alten deutschen Wort. Der Mutterwitz hieß nicht so, weil er von der Mutter kam oder Mütter witziger wären als Väter. Mit Witz und Humor im engeren Sinne hatte er überhaupt wenig zu tun. Gemeint war eine Art angeborene, heute würde man sagen, früh erlernte Fähigkeit, schlagfertig zu sein: auf das Unvorhergesehene mit einem treffenden Wort zu antworten, mit einer Erfahrung, die saß. Eine Art lebenspraktische Klugheit, die man hatte – oder nicht.

 

Wenn man sich in der Begriffsgeschichte umsah, führte der Mutterwitz zurück zum englischen „wit“ bzw. zum französischen „esprit“, die im Zeitalter der Aufklärung häufig im Kontext mit „Genie“ und „Invention“ verwendet wurden und eine Art Erfindungskraft meinten. Mutterwitz bezeichnete die Gabe, geistreich zu sein, im richtigen Moment den richtigen Punch zu setzen. Genau das schien mir auch in dem schroffen, aber oft liebevoll gemeinten „Hömma!“ zu stecken, das einem im Ruhrgebiet ständig um die Ohren gehauen wurde. Den Ruhris konnte man nichts vormachen, kein Theater vorspielen. Ihr Mutterwitz war sofort zur Stelle. Die Verwurzelung in der Bergarbeiterkultur, ihre unverbrauchte Bodenständigkeit, hatte ihnen einen Erfahrungsschatz mitgegeben, wie man ihn früher vielleicht nur bei Johann Peter Hebel im Rheinischen Hausfreund oder in den Märchen der Brüder Grimm finden konnte: ein Wissen um die Menschen, ihre Schwächen und die kleinen Wahrheiten des Alltags, die sich in einem einzigen Satz, einer Szene verdichten konnten.

 

Mutterwitz hieß: Erzähl mir keine Märchen, ich kenne ohnehin die besseren Geschichten, also komm zur Sache. Und das war in Wattenscheid nicht anders als in Unna.

Weiterdenken im Dialog

Die Gedanken über den „Mutterwitz“ des Ruhrgebiets, über kulturelle Prägungen, Zugehörigkeit und die Frage, was Menschen trotz aller Unterschiede verbindet, stehen auch im Mittelpunkt der Lesungen von Dr. Peter Neumann. Im Rahmen seiner aktuellen Veranstaltungsreihe spricht der Autor, Philosoph und Journalist über die Erfahrungen und Überzeugungen, die unsere Sicht auf die Welt prägen, und darüber, wie Perspektivwechsel dazu beitragen können, gesellschaftliche Gegensätze besser zu verstehen. Am 3. Oktober 2026 war der aktuelle Metropolenschreiber Ruhr der Brost-Stiftung zu Gast im Schlosstheater Moers. Dort stellte er sein aktuelles Essay „Mentalitäten. Wie wir besser verstehen, was uns trennt und was uns eint“ vor und diskutierte mit dem Publikum über Identität, Zugehörigkeit und die mentalen Landkarten, die unsere Gesellschaft prägen.

 

Wer seine Beobachtungen zwischen Ost und West, zwischen Ruhrgebiet und anderen Lebenswelten weiterverfolgen möchte, findet diese Themen sowohl in seinen Lesungen als auch in seinen Essays und Kolumnen wieder. Sie laden dazu ein, genauer hinzuschauen, Gewissheiten zu hinterfragen und neue Perspektiven auf das Gemeinsame und Trennende unserer Gesellschaft zu gewinnen.

 

Mehr zum Projekt: Metropolenschreiber/in Ruhr