Der Osten, der Westen, das Revier und wir
Ines Geipel und Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann auf der lit.RUHR
Was verbindet Ostdeutschland und das Ruhrgebiet – und was lässt sich aus den Umbrüchen der Vergangenheit für die Gegenwart lernen? Bei der lit.RUHR diskutierten am 10. Oktober 2026 die Schriftstellerin Ines Geipel und der Autor und aktuelle Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann über Herkunft, historische Verantwortung und die Frage, wie neues Vertrauen in die Demokratie wachsen kann. Durch den Abend führte der Philosoph und Schriftsteller Wolfram Eilenberger, der im Jahr 2020 selbst als Metropolenschreiber die Ruhrregion erkundet hat.
Das Projekt „Metropolenschreiber Ruhr“ wurde mit der ersten lit.RUHR im Jahr 2017 ins Leben gerufen. Seitdem entdeckt jedes Jahr auf Einladung der Brost-Stiftung ein Autor oder eine Autorin die Region aus seiner oder ihrer ganz eigenen Perspektive. Mit ihrem Engagement ermöglicht die Stiftung damit nicht nur neue literarische Perspektiven auf das Ruhrgebiet, sondern auch Begegnungen wie diese: ein Gespräch, das Erfahrungen aus unterschiedlichen Regionen zusammenführte und vermeintliche Gewissheiten hinterfragte.
Zwei Regionen, gemeinsame Fragen
Wolfram Eilenberger gab die Richtung vor: Gemeinsam gelte es, darüber nachzudenken, wie wir uns die aktuellen Prozesse in Deutschland besser verständlich machen könnten. „Wir leben in ganz spezifischen Umbruchszeiten, vielleicht sogar in Zeiten eines Abbruchs. Menschen im Ausland fragen mich: ‚Was ist eigentlich los bei euch? Was passiert da in eurem Land?‘“ Der Blick auf den Osten und das Ruhrgebiet könne viel zu diesem Diskurs beitragen, so Eilenberger, da beide Regionen in der Vergangenheit tiefgreifende Veränderungen erfahren hätten – und die Herausforderung, sich nach dem Verlust vertrauter Strukturen neu zu orientieren.
Neumann, 1987 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, beschrieb seinen biografischen Ausgangspunkt mit einem Augenzwinkern: „Ich habe die DDR im Kinderbett verschlafen.“ Die Folgen ihres Endes prägen seine Auseinandersetzung mit Herkunft dennoch bis heute. Auch im Ruhrgebiet begegne ihm die Erfahrung eines Umbruchs, der deutlich spürbar, aber lange verdrängt worden sei. Der Westen habe damals über größere soziale und intellektuelle Reserven verfügt. Doch auch diese seien nicht unerschöpflich. „Diese Prozesse, die wir im Osten gerade erleben, ich bin mir nicht sicher, ob wir sie nicht auch hier im Westen schon haben oder spätestens zur Bundestagswahl 2029 sehr deutlich wahrnehmen werden“, so der Autor.
Erzählungen als Ausgangspunkt
Geipel lenkte den Blick auf die Geschichten, mit denen solche Erfahrungen erklärt werden: „Wir alle kennen die Erzählung, der Osten sei so stark gedemütigt worden. Ich glaube, dass die Demütigung vor 1989 nie eine Rolle gespielt hat, doch mit dieser Erzählung leben die Menschen dort bis heute. Sie sehen sich als Opfer, die kollektive Erzählung der DDR ist täterfrei.“ Und weiter: „Wenn wir in den Osten schauen, schauen wir auf 56 Jahre Diktaturgeschichte. Hier verzahnt sich ein nicht aufgearbeiteter Nationalsozialismus mit einer nicht aufgearbeiteten Diktaturvergangenheit.“
Und das Revier? Auch dort sehe man sich gern als Opfer, ergänzte Eilenberger und erinnerte an eine vertraute Erzählung: der vom Ruhrgebiet, das das Land aufgebaut habe und anschließend im Stich gelassen worden sei, weil „alles Geld in den Osten floss“.
Wie empfindlich solche regionalen Selbstbilder sein können, zeigte Eilenberger am Beispiel Zollverein: „Ich habe selbst erlebt, was passiert, wenn man das Opfernarrativ des Ruhrgebiets bricht. Ich habe einmal gesagt: ‚Die Zeche Zollverein wird irgendwann kein Denkmal mehr sein, sondern ein Mahnmal. Ein Mahnmal des Karbonzeitalters. Ein Ort des Täterseins.‘ Natürlich regte sich dagegen sofort massiver Widerstand!“
Ines Geipel ergänzte ein weiteres Beispiel aus der Ost-Perspektive mit Blick auf ihr Buch „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“. Darin beschreibt sie eine Erinnerungskultur, die Buchenwald vor allem als Ort des Widerstands verstehe und die Auseinandersetzung mit deutscher Täterschaft erschwere. „Solange sich die Ostmentalität nicht auch als Tätervolk [im Sinne ihrer NS-Vergangenheit] beschreibt, wird nichts besser werden“, so Geipel.
Über Mentalitäten ins Gespräch kommen
Doch wie kann es einer Gesellschaft gelingen, neben Leistungen und Verlusten auch die eigene Verantwortung anzuerkennen? Wie lässt sich über Unterschiede sprechen, ohne neue Grenzen zu ziehen? Einen Ansatz bietet Peter Neumanns aktuelles Buch „Mentalitäten: Wie wir besser verstehen, was uns trennt und was uns eint“. „Die Mentalität ist das feinere Werkzeug als die Identität“, schreibt Neumann, und weist damit auf eine zentrale Unterscheidung hin: „Identitäten beruhen auf sehr bewussten Selbst- und Fremdzuschreibungen. Mentalitäten funktionieren anders. Wir müssen uns nicht erst als etwas identifizieren, um entsprechend zu handeln. Wir handeln, weil wir ein gewisses historisches Gepäck mitbekommen haben.“
Dabei gehe es Neumann nicht darum, Etiketten zu verteilen, betonte er. Vielmehr wolle er Dialog ermöglichen: Woher kommt jemand? Was hat ihn geprägt? Warum triggern einen bestimmte Dinge? So wurde der Begriff zum Gesprächsangebot – auch zwischen Ost und West.
Den Blick öffnen für das Positive
Wenn es also vielfach Erzählungen sind, die das Weltbild und die Einstellungen der Menschen beeinflussen, so ergab sich daraus die zentrale Frage des Abends: „Mit welchen Erzählungen schaffen wir es, aus diesem Zustand wieder rauszukommen, wenn wir die Demokratie erhalten wollen?“
Ines Geipel betonte, dass man als Gesellschaft wieder laut werden müsse: „Vor anderthalb Jahren kam bei einem AfD-Parteitag das Thema Remigration auf – und sofort waren Millionen von Menschen auf der Straße und haben demonstriert. Heute haben wir zwei Rechtsextreme im Landtag und der Protest ist deutlich leiser.“ Sie plädierte zudem dafür, den Blick wieder stärker zu öffnen für das Positive, z. B. für tolle Projekte an Schulen oder Universitäten: „Diese Kids wissen nichts von den Narben der Vergangenheit. Die wollen etwas bewegen! Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, was schon alles da ist, was gut läuft.“
Peter Neumann warb zusätzlich dafür, bislang weniger bekannte Regionen besser kennenzulernen, um Vorbehalte abzubauen: „Wenn man sich auskennt in den Regionen, entwickelt man auch eine gewisse Furchtlosigkeit. Ich kann dem Osten mit einer anderen Furchtlosigkeit begegnen als jemand, der nur von außen draufguckt.“
Was Erzählungen leisten – und wo ihre Grenzen liegen
Das Ganze sei ein echtes Arbeitsprojekt, gab Ines Geipel zu. „Arbeit klingt erstmal nicht gut, nicht verheißungsvoll. Und dabei war harte Arbeit doch nicht immer die schlechteste Tugend, gerade hier im Ruhrgebiet. Vielleicht können wir uns in wirklich gutem Sinne an uns selbst erinnern.“
Doch reichen neue Geschichten aus, um Vertrauen zurückzugewinnen? „Braucht man wirklich nur ein gutes Narrativ, oder muss man auch seine Miete bezahlen können?“, fragte eine Zuschauerin und rückte damit die soziale Wirklichkeit in den Mittelpunkt. Neumann lenkte ein: „Es gibt Erzählungen, die an den sozialen Realitäten abprallen. Wir leben in verkanteten Zeiten. Das ist ein Dilemma.“
Eine einfache Antwort auf die großen Fragen lieferte der Abend also nicht. Wohl aber Anstöße, wie Eilenberger es zum Abschluss formulierte: „Sie spüren die Ratlosigkeit auch bei uns. Nehmen Sie das hier als Anfang eines Gesprächs, mehr sollte es ja auch gar nicht sein. Sprechen Sie gerne weiter miteinander.“
Fotos: lit.RUHR/AnnaSpindelndreier