Ein Ostblick nach Westen: Als Goethe nach Duisburg kam
Ein Ostblick nach Westen: Als Goethe nach Duisburg kam
Rückblick Juli: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet
Meist waren es nur Zufälle, die große Geister in die Region des heutigen Ruhrgebiets führten. Man streifte Duisburg auf einer Rheinreise oder passierte Westfalen auf der Durchreise. So auch im Fall Goethe, der im Spätherbst 1792 in Duisburg Station machte. Hoher Besuch also.
Goethe ist auf dem Rückweg von der Kanonade von Valmy und seiner Campagne in Frankreich, Ziel seiner Reise ist das Haus der Amalie Fürstin von Gallitzin in Münster, die dort einen illustren Kreis um sich versammelt. Goethe will auch das Grab des Philosophen Johann Georg Hamann besuchen, sein Weg führt ihn über Dorsten, Haltern am See. Und da er einmal in der Gegend ist, beschließt er, in Duisburg einen alten Bekannten, einen Freund aufzusuchen: den Philosophen und Universitätsprofessor Friedrich Victor Leberecht Plessing.
Ein Besuch mit Vorgeschichte
Goethe und Plessing verbindet eine bewegte Geschichte. Es ist Jahre her, da hatte sich Plessing als Briefschreiber an Goethe gewandt, die Lektüre der Leiden des jungen Werthers hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Er bittet den Dichter um Beistand. Goethe ist von den Briefen fasziniert, zugleich aber auch alarmiert. Im Dezember 1777 entschließt er sich zu einer Reise in den Harz. Er macht sich inkognito auf den Weg nach Wernigerode, wo Plessing damals bei seinen Eltern lebt. Niemand in Weimar – nicht einmal seine engste Vertraute Charlotte von Stein – weiß, wohin er mitten im eisigen Winter verschwindet. Sein Weg führt ihn über Nordhausen direkt in den Harz, hinein in jene sagenumwobene Hexenlandschaft.
Inkognito im Harz
Am Nachmittag des 3. Dezember sucht er die Wohnung der Familie auf, in der der Student der Theologie nach Abbruch seines Studiums wieder lebt. Goethe gibt sich als Kriegsrat aus, der sich in seiner Freizeit als Landschaftsmaler versucht. Er sei auf dem Weg zum Brocken, sagt er, und bittet Plessing um Rat für die Route. Plessing ahnt nicht, wer vor ihm sitzt.
Goethe lenkt das Gespräch auf die Literatur der Gegenwart, erwähnt beiläufig auch den Werther und dessen berühmten Autor – und siehe da: Plessing beginnt sofort, über seine eigene Seelennot zu erzählen, von der Erschütterung durch den Roman und seine Briefe an Goethe. Aber Goethe erkennt, dass er dem jungen Mann nicht wirklich helfen kann. Zu sehr kreist Plessing um die eigenen Gedanken, zu tief ist er in seine innere Welt verstrickt. Goethe verlässt das Pfarrhaus, zieht weiter nach Ilsenburg, besteigt am 10. Dezember im tiefen Schnee den Brocken und beginnt wenig später mit der Arbeit an seiner Harzreise im Winter.
Das Wiedersehen in Duisburg
Als Goethe Plessing nun fünfzehn Jahre später in Duisburg wiedertrifft, ist dieser längst von seinem Weltschmerz genesen. Aus dem verzweifelten Theologiestudenten von einst ist ein angesehener Professor an der Universität geworden. Goethe hatte ihm nach seiner Rückkehr nach Weimar das Rätsel um den geheimnisvollen Besucher bald aufgelöst. Seither standen die beiden in Briefkontakt. Plessing war über Goethes Täuschung nicht verärgert gewesen, sondern dankbar für den Besuch – und kam später sogar noch einmal nach Weimar.
Sieben Tage verbringt Goethe in Duisburg. Er logiert im Gasthof Zur Goldenen Krone in der Oberstraße 21 und rühmt das schwere Duisburger Schwarzbrot, das die französischen Adligen, die vor der Revolution in Paris geflohen sind, verschmähen. Die Begegnung mit Plessing scheint ihn in einer seiner tiefsten Überzeugungen zu bestätigen: Der junge Mann, so glaubt Goethe, hat seine Krise überwunden, indem er sich nicht länger im eigenen Inneren verlor, sondern sich der Wissenschaft, der Arbeit und der Welt zuwandte. Man dürfe nicht selbstsüchtig werden, man müsse sich an die Wirklichkeit halten, davon ist Goethe überzeugt.
Dann bricht er wieder auf. Es ist das letzte Mal, dass sich die beiden sehen. Aber noch in seiner Autobiographie Campagne in Frankreich (1822) kehrt Goethe zu den Duisburger Tagen zurück. Der beiläufige Abstecher war offenbar mehr als nur ein Zwischenstopp gewesen.
Metropolenschreiber im Ruhrgebiet
Das Projekt „Metropolenschreiber/in Ruhr“ ist eine Initiative der Brost-Stiftung. In regelmäßigen Abständen lädt die Stiftung Autorinnen und Autoren ins Ruhrgebiet ein und ermöglicht ihnen mit einer Residenz vor Ort einen besonderen Blick auf die Region. Ziel ist es, das Ruhrgebiet aus einer Außenperspektive neu zu erkunden, Gewohntes zu hinterfragen und bislang wenig beachtete Geschichten, Menschen und Orte sichtbar zu machen.
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten begeben sich auf eine „menschliche, kulturelle und historische Schatzsuche“ im Revier. Ihre Eindrücke und Erkenntnisse halten sie in literarischen Arbeiten fest, die zum Ende ihres Aufenthalts veröffentlicht werden und neue Perspektiven auf die Metropole Ruhr eröffnen.