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Lebenszeit – Vom Wert der Vergänglichkeit

Lebenszeit – Vom Wert der Vergänglichkeit

Diane und Reinhold Messner bei der lit.RUHR

Bühne frei für die Jubiläumsausgabe der lit.RUHR. Zum zehnten Mal findet in diesem Jahr das Internationale Literaturfestival im Ruhrgebiet statt. Bereits seit ihrer Erstausgabe im Jahr 2017 unterstützt die Brost-Stiftung die lit.RUHR als Hauptförderin und initiiert dabei auch eigene Lesungen. Zum Auftakt am 7. Oktober traf Moderatorin Gisela Steinhauer das Ehepaar Reinhold und Diane Messner zum Gespräch über ihr neues Buch „Lebenszeit – Vom Wert der Vergänglichkeit“. Ein Buch über das Älterwerden und Jungsein, über Verlust und Glück, über große Expeditionen und die kleinen Abenteuer des Alltags.

Die letzte Expedition

Reinhold Messner: Seit den 1970er-Jahren steht dieser Name weltweit synonym für extremen Bergsport, für Abenteuer und Leben am Limit. Als erster Mensch bestieg Messner sämtliche Achttausender-Berge ohne Flaschensauerstoff, stellte sich immer neuen alpinen Herausforderungen, durchquerte die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi. Nun befindet sich der 82-Jährige auf seiner, wie er es selbst nennt, „letzten Expedition“ – auf dem Weg des Alterns. Stets an seiner Seite ist seit einigen Jahren Messners dritte Ehefrau Diane, mit 46 Jahren in einer völlig anderen Lebensphase. Und doch beschäftigen natürlich auch sie die Themen des Altwerdens, der Vergänglichkeit, der gemeinsamen Zeit, die noch bleibt.

Plädoyer für den Wert der Vergänglichkeit

Aus diesen individuellen Perspektiven, ergänzt um gemeinsame Erlebnisse, ist ihr neues Buch entstanden. Idee und Titel kamen von Diane: „Ich wollte ein Buch schreiben über die Zeit. Zunächst sollte es ‚Endlich‘ heißen, weil viele Menschen ihr Leben in einem ‚Endlich-Modus‘ verbringen: endlich Wochenende, endlich Urlaub. Dabei vergessen sie oft, auch die Zeit dazwischen, die eigentliche Lebenszeit, bewusst zu leben.“ Geschrieben haben beide getrennt, anschließend wurden die Teile zu einem Ganzen zusammengefügt.

„Lebenszeit“ ist kein Ratgeber. Es ist auch kein Wegweiser für ewige Jugend oder das künstliche Hinauszögern des Alterns, ganz im Gegenteil. Im Buch gehe es um „die Begrenztheit unseres Menschseins, um das Akzeptieren des eigenen Endes und um den Wert, den diese Auseinandersetzung mit unserer Vergänglichkeit für das Leben hat“, so Diane Messner. „Es ist ein positives Buch!“

„Dahin gehen, wo man umkommen könnte, um nicht umzukommen“

Der Tod war auf Reinhold Messners Expeditionen ein ständiger Begleiter. Ganz gleich ob Bergbesteigung oder Arktisdurchquerung – das Risiko, dabei zu sterben, war immer da. Und doch mache genau dieser Umstand das Abenteuer überhaupt erst aus, sagte der Bergsteiger: „Die Kunst des Abenteurers besteht allein darin, zu überleben. Dahin zu gehen, wo man umkommen könnte, um nicht umzukommen. Genau in dieser Absurdität liegt der große Reiz.“

Mehr als ein Mal machte Messner Nahtoderfahrungen, auch nicht all seine Begleiter überlebten. Nicht zuletzt sein eigener Bruder Günther, der bei der gemeinsamen Besteigung des Nanga Parbat im Jahr 1970 tödlich verunglückte. „Ich habe gelernt und akzeptiert, dass der Tod dazugehört. Es ist ein Unterwegssein zwischen Umkommen und Durchkommen, wobei das Durchkommen das Ziel ist. Durch diese Erfahrungen habe ich den Tod mehr und mehr als einen Teil meines Daseins empfunden.

“Die Frage, ob er unter dem Altern leide, verneinte Messner: „Das Altern ist nur schwer für Hochstapler, Wichtigtuer und Machthaber. Die Aufmerksamkeit von außen wird im Alter immer weniger, ein allmählicher Verlust an Bedeutung tritt ein. Ich leide nicht sehr unter dieser Tatsache. Und dafür, was ich meinem Körper über so viele Jahrzehnte zugemutet habe, ist er noch in bemerkenswert guter Verfassung. Aktiv sein war für mich mein Schlüssel zum Glück.“

Von Südtirol ins Ruhrgebiet

So mag es kaum verwundern, dass die Messners nach wie vor sehr aktiv sind – sei es beim Reisen für ihre gemeinnützigen Projekte, für das Messner Mountain Museum oder das Reinhold Messner Haus, das seine Heimat in einer stillgelegten Seilbahnstation in Südtirol gefunden hat. Auch mit der Brost-Stiftung verbindet das Ehepaar Messner seit Jahren eine enge Partnerschaft. Im Rahmen des Jugendaustauschprojekts „Ruhr Natur“, für das die beiden als Projektpaten stehen, kommen jedes Jahr Jugendliche aus dem Ruhrgebiet nach Südtirol, lernen die Berge kennen und gehen gemeinsam wandern. Im Gegenzug reisen Jugendliche aus Südtirol ins Ruhrgebiet, um dort ihrerseits Neues kennenzulernen. „Der Austausch ist für die Jugendlichen eine wunderbare Erfahrung“, sagte Diane Messner.

„Besteige keinen Berg, der nicht der deine ist“

Drei Stellen aus ihrem neuen Buch las Diane Messner live vor. Darin ging es u. a. um den Menschen Messner, der lange Zeit viel mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Heute werde er zum Glück wieder anders gesehen, so seine Frau Diane: „Als jemand, der viel zu erzählen hat, […] der im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen kann.“ Und weiter: „Sind es nicht Reinholds Tugenden, die so viele Menschen inspirieren? Was daran ist falsch? Für mich ist nichts daran falsch. […] Vielleicht kommt die Kritik eher von Menschen, die sich selbst nie erlaubt haben, ihren eigenen Weg zu gehen.“

Den eigenen Weg zu gehen, auch davon handelte eines der Kapitel. Unter dem Titel „Der fremde Berg“ beschrieb Diane Messner die Kraft, die darin liege, jedem Menschen seinen eigenen Weg zu lassen und sich nicht in fremde Schicksale einzumischen. Oder, wie sie es in ihrer alpin geprägten Sprache formulierte: „Besteige keinen Berg, der nicht der deine ist“.

Tiefe Verbundenheit – bis zum Schluss

Doch das Buch ist nicht nur Plädoyer für bewusstes Leben und natürliches Altern, es ist auch das Manifest einer Liebe. Denn an ihrer tiefen Verbundenheit zueinander ließen die Messners keinen Zweifel. Auch wenn Reinholds Langsamkeit sie manchmal auf die Palme brächte, gestand Diane lachend. Dennoch habe sie gelernt, auch diese Momente anzunehmen. Einfach mal bewusst zu warten, durchzuatmen. Denn früher als ihr lieb ist werde es diese Momente nicht mehr geben. „Petersilienmomente“ nennt sie diese Akzeptanz der neuen Langsamkeit: „Einmal kam ich nach Hause, und auf dem Küchentisch stand eine Vase mit einem Strauß Petersilie“, erzählte sie. „Ich fragte Reinhold, was das soll und er meinte, ich würde doch Petersilie mögen, wir kochen ja viel zusammen. Seitdem ist die Petersilie meine Rose. Aber ich muss auch daran denken, dass da irgendwann keine Petersilie mehr stehen wird.“ Diane jedenfalls, die sich im Buch auch als „Partisanenbraut“ bezeichnet, steht fest zu ihrem Mann: „Unsere als obszön empfundene Liebe – 35 Jahre Altersunterschied – ist unser Lebenselixier.“ So zeugt auch das Ende des Buches von tiefer Verbundenheit: „Das Alter ist da. Wie das Sterben. Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. […] Mein geliebter Bergsteiger, noch haben wir Zeit. […] Ich werde bleiben – bis zuletzt.“ Und auch Reinhold bekräftigte: „Ich werde alles tun, um am Leben zu bleiben – allein schon, um weiter mit Diane zusammen zu sein.“