Was bedeutet Freiheit heute?
Was bedeutet Freiheit heute?
Gesprächsabend mit Leslie Mandoki offenbart, dass Demokratie kein Selbstläufer ist
72 Prozent der befragten Deutschen sagen, sie vertreten ihre Meinung grundsätzlich frei und offen – aber 60 Prozent berichten in einer Umfrage der Friedrich-Naumann-Stiftung vom November 2025, inzwischen vorsichtiger zu sein, weil sie negative Reaktionen befürchten. Nur 41 Prozent glauben, man könne überall sagen, was man möchte, ohne Konsequenzen zu riskieren. Wie frei fühlen Sie sich persönlich in unserem Land? Lassen Sie die Frage in Ruhe auf sich wirken – und antworten Sie erst, wenn Sie den ganzen Text gelesen haben…!
Was bedeutet Freiheit heute? Wie prägen Erfahrungen von Unfreiheit, Flucht und gesellschaftlichem Wandel unsere Gegenwart? Und welche Verantwortung erwächst daraus für Demokratie und Zusammenhalt? Diesen Fragen widmete sich der Dienstagabend im Erich-Brost-Pavillon auf Zeche Zollverein, im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das gleichnamige Buch- und Filmprojekt „Sehnsucht nach Freiheit“. Herausgeber Leslie Mandoki verbindet darin historische Ereignisse wie den ungarischen Volksaufstand von 1956 und die politischen Umbrüche von 1989 mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen.
Freiheit nur für Gleichgesinnte?
Die Debatte des Abends, in die Professor Bodo Hombach, Vorstandsvorsitzender der Brost-Stiftung, mit klugen Denkanstößen einführte, offenbarte die Ambivalenz und individuelle Wahrnehmung des Freiheitsbegriffs. Hombach verwies auf den früheren amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson, der in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 das „unveräußerliche Recht auf Freiheit des Individuums“ formulierte – und gleichzeitig Hunderte von Sklaven hielt…
„Freiheit bemerkt man erst, wenn sie weg ist.“
— Moderatorin Désirée Rösch
Freiheit beziehe der überwiegende Teil der Bürger immer auf die persönlichen Spielräume, führte Publizist und Unternehmer Gabor Steingart aus. Tatsächlich begrenze die Freiheit des Anderen auf natürliche Weise die eigene. Eine Erkenntnis, der sich die öffentliche Debatte zunehmend verschließt – abweichende Meinungen werden etikettiert und stigmatisiert. Steingart: „Im freiheitlichen Deutschland werden so Barrieren aufgebaut, die wir nicht sehen. Unfreiheit beginnt mit Verhärtung im Diskurs.“
„Shitstorm ist ein anderes Wort für Tapferkeit.“
— Gabor Steingart
Während sich die aktuelle Standortbestimmung weitgehend an gefühlter Unfreiheit abarbeitete, beginnt Leslie Mandokis Buch mit dem Aufstand der Ungarn gegen die Sowjetdiktatur 1956. Hier kämpften Menschen gegen die Unterdrückung von demokratischen Rechten, viele bezahlten dafür mit dem Leben. Der Abend gab den Opfern ein Gesicht: Drei große Leinwände zeigten eine junge Frau mit Gewehr im Anschlag. Ihr Blick berührt auf besondere Weise, nachdem die rund 200 Zuhörer von Mandoki erfahren, dass sie kurze Zeit später von den Russen erschossen wurde…
„Und nun tritt mit der künstlichen Intelligenz etwas auf, das uns Denken nicht verbietet, sondern abnimmt. Verführerisch bequem und deshalb gefährlich.“
— Prof. Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands der Brost.-Stiftung
Das hohe Gut der Freiheit und der Preis für ihre Verteidigung steht für Mandoki im Mittelpunkt seines Projektes, das Buch „über Mut, Verantwortung, Erinnerung und Versöhnung“ sammelt Gespräche und Gedanken von zahlreichen Zeitzeugen, Historikern, Künstlern und Politikern, darunter der frühere Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. „Es wächst die Orientierungslosigkeit, und es wird immer enger in der Mitte der Gesellschaft“, so Mandoki. „Dagegen möchte ich wie ein Stachel im Fleisch der Anderen ankämpfen.“
Freiheit, so ein Fazit der Diskussion, werde aktuell (zumindest in Deutschland) nicht durch direkte Intervention unterdrückt. Vielmehr bedrohe die Verengung der Denkräume sowie eine auf Triggerpunkte reduzierte öffentliche Debatte das liberale Miteinander. Armin Laschet, früherer NRW-Ministerpräsident und Mitglied des Bundestages, führt als Beleg den Umgang mit Corona an: „Die Maßnahmen in der Coronazeit haben die Spaltung der Gesellschaft eingeleitet. Jede Kritik wurde als Leugnen der Krankheit ausgegrenzt. Heute wissen wir, dass vieles unnötig war, gerade was die Schließung von Schulen und Kitas betrifft.“
„Für die meisten Jugendlichen liegt der Mauerfall doch gefühlt so weit zurück wie die napoleonischen Kriege.“
— Armin Laschet, M.d.B.
Gemeinsam mit Mandoki richtet Laschet den Blick auf junge Menschen, die vielfach den Wert der Freiheit nicht zu schätzen wissen, weil sie nie Unfreiheit erlebt oder erfahren haben. Wie beschreibt Mandoki Jugendlichen den Zustand von fehlender Freiheit? „Ich frage immer: Wie groß bist du? Einer antwortet 1,80 Meter! Dann sage ich: Stell´ dir vor, du musst ein Leben lang in einem Raum wohnen, der nur 1,70 Meter hoch ist.“