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Europa im Blick, Menschen im Fokus

Europa im Blick, Menschen im Fokus

European Forum Alpbach 2026: Teilnehmerin Rozhina Hadi über Europas Verantwortung und Zukunft

Vom 24. August bis 4. September 2026 kommen beim European Forum Alpbach junge Talente, Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie Expertinnen und Experten aus ganz Europa zusammen, um über die Herausforderungen der Zukunft zu diskutieren. Die Brost-Akademie ermöglicht mehreren Stipendiatinnen und Stipendiaten aus dem Ruhrgebiet die Teilnahme an dem renommierten Austausch- und Diskussionsprogramm.

 

In unserer Interviewreihe stellen wir einen Teil der geförderten Teilnehmenden vor. Dieses Mal gibt Rozhina Hadi von der Ruhr-Universität Bochum Einblicke in ihren akademischen Werdegang, ihre Erwartungen an das Forum und die Themen, die sie besonders bewegen. Im Mittelpunkt stehen Fragen der internationalen Zusammenarbeit, der Menschenrechte und der Rolle Europas in einer zunehmend komplexen Welt.

Im Gespräch mit Rozhina Hadi

Rozhina Hadi: Mein Name ist Rozhina Hadi und ich studiere Rechtswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum im elften Semester. Den staatlichen Teil der Ersten Juristischen Prüfung sowie meinen universitären Schwerpunkt habe ich bereits abgeschlossen und stehe nun vor dem Übergang in das Referendariat.

 

Mein besonderes fachliches Interesse gilt dem Europa- und Völkerrecht sowie dem internationalen Wirtschaftsrecht. In meiner Schwerpunktseminararbeit habe ich mich mit dem Verhältnis zwischen Wirtschaftssanktionen und dem Schutz der Menschenrechte beschäftigt. Dabei habe ich insbesondere untersucht, inwieweit wirtschaftliche Sanktionen mit dem Recht auf Gesundheit und dem Recht auf Nahrung aus dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vereinbar sind. Mich interessiert besonders die Frage, wie internationale und europäische Politik rechtlich gestaltet werden kann, ohne dabei die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf die betroffenen Menschen aus dem Blick zu verlieren.

 

Warum hast du dich für das European Forum Alpbach beworben?

 

Ich habe mich für das European Forum Alpbach beworben, weil seine internationale und europäische Ausrichtung sehr gut zu meinem bisherigen Studium und meinen beruflichen Interessen passt. Ich möchte auch zukünftig in einem international ausgerichteten Tätigkeitsfeld arbeiten und kann mir besonders gut vorstellen, mich im europäischen und internationalen Recht weiterzuentwickeln.

 

Das Forum bietet mir die besondere Möglichkeit, aktuelle europäische Herausforderungen nicht nur aus einer juristischen Perspektive, sondern auch aus politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Blickwinkeln zu betrachten. Besonders wertvoll finde ich den Austausch mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Fachrichtungen und Lebensrealitäten. Ich möchte dadurch neue Perspektiven gewinnen, meine bisherigen Kenntnisse vertiefen und zugleich meine eigenen Erfahrungen und Interessen in die Diskussionen einbringen. Für mich bildet das Forum damit eine Brücke zwischen meinem bisherigen akademischen Schwerpunkt und meinem zukünftigen beruflichen Weg.

 

Welche Themen oder Programmpunkte interessieren dich besonders?

 

Besonders interessant finde ich die Vielfalt der angebotenen Formate. Neben wissenschaftlich und fachlich ausgerichteten Veranstaltungen gibt es auch kreative und praxisorientierte Angebote. Dadurch können Themen nicht nur theoretisch untersucht, sondern aus unterschiedlichen Perspektiven erlebt und bearbeitet werden.

 

Für das Seminar „Geoeconomics and International Trade Policy“ habe ich mich entschieden, weil es unmittelbar an meinen Schwerpunkt im internationalen Wirtschaftsrecht und an meine Seminararbeit anknüpft. Während ich mich im Studium bisher vor allem mit der juristischen Seite internationaler Handelsbeziehungen und wirtschaftspolitischer Maßnahmen beschäftigt habe, möchte ich in Alpbach stärker die ökonomischen und politischen Hintergründe kennenlernen. Mich interessiert beispielsweise, welche Interessen das Verhalten von Staaten bestimmen und wie internationale Handelsregeln und WTO-Abkommen unter diesen Voraussetzungen entstehen.

 

Auch das Seminar „Activist Filmmaking: Telling Stories of Resistance and Hope“ spricht mich sehr an. Menschenrechtliche und migrationspolitische Themen haben für mich sowohl fachlich als auch persönlich eine besondere Bedeutung. Aufgrund meines iranischen Hintergrunds beschäftigen mich insbesondere die Lebensrealitäten von Menschen im Iran sowie die Frage, wie ihre Erfahrungen sichtbar gemacht werden können. Film und Kunst können komplexe Geschichten auf eine unmittelbare Weise vermitteln, Hoffnung schaffen und Menschen zum Nachdenken und Handeln bewegen. Ich freue mich darauf, mehr darüber zu erfahren, wie gesellschaftliches Engagement und kreatives Erzählen miteinander verbunden werden können.

 

Welche gesellschaftliche Herausforderung sollte aus deiner Sicht auf europäischer Ebene stärker diskutiert werden?

 

Aus meiner Sicht sollte auf europäischer Ebene stärker darüber diskutiert werden, wie Europa in geopolitischen Krisen handlungsfähig bleiben und zugleich seinen menschenrechtlichen Grundsätzen gerecht werden kann. Außen- und wirtschaftspolitische Instrumente wie Sanktionen, Handelsbeschränkungen oder internationale Abkommen können legitime politische Ziele verfolgen. Gleichzeitig können sie jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung haben und beispielsweise den Zugang zu Nahrung, medizinischer Versorgung oder anderen lebensnotwendigen Gütern erschweren.

 

Europa steht deshalb vor der Herausforderung, politische Wirksamkeit und Menschenrechtsschutz miteinander zu verbinden. Besonders wichtig ist mir, dass in solchen Debatten nicht nur staatliche und wirtschaftliche Interessen berücksichtigt werden, sondern auch die konkreten Lebensrealitäten der betroffenen Menschen. Dafür braucht es einen stärkeren Austausch zwischen Recht, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Eine glaubwürdige europäische Außenpolitik sollte sich nicht nur an ihren Zielen, sondern auch an den Folgen ihrer Maßnahmen messen lassen.

 

Was können andere Regionen Europas möglicherweise vom Ruhrgebiet lernen?

 

Das Ruhrgebiet zeigt, dass tiefgreifender Strukturwandel nicht nur mit Verlust verbunden sein muss, sondern auch neue Möglichkeiten und eine neue regionale Identität schaffen kann. Die Region hat sich von einem stark durch Kohle und Stahl geprägten Industriestandort zu einem vielfältigen Wissenschafts-, Kultur- und Dienstleistungsraum entwickelt. Dieser Wandel ist noch nicht abgeschlossen, hat aber gezeigt, wie wichtig langfristiges Denken, Zusammenarbeit und die Einbeziehung der Menschen vor Ort sind.

 

Andere Regionen Europas können vom Ruhrgebiet lernen, wirtschaftlichen Wandel nicht isoliert zu betrachten, sondern ihn auch sozial und kulturell zu gestalten. Ebenso prägend ist die Vielfalt der Region: Menschen unterschiedlicher Herkunft leben hier seit Generationen zusammen und haben das Ruhrgebiet entscheidend mitgestaltet. Trotz bestehender Herausforderungen erlebe ich die Region als pragmatisch, offen und solidarisch. Das Ruhrgebiet zeigt, dass Vielfalt, industrielle Geschichte und regionale Verbundenheit keine Gegensätze sein müssen, sondern eine wichtige Grundlage für gemeinsame Zukunftsgestaltung bilden können.

Perspektiven aus dem Ruhrgebiet für Europa

Mit ihrem Engagement für das European Forum Alpbach unterstützt die Brost-Akademie junge Menschen dabei, europäische Debatten aktiv mitzugestalten und internationale Erfahrungen zu sammeln. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten bringen dabei nicht nur ihre fachliche Expertise ein, sondern auch die Perspektiven einer Region, die wie kaum eine andere für Wandel, Vielfalt und Zukunftsgestaltung steht.

 

Titelbild: EFA © Marko Risovic

Bild 1: Rozhina Hadi privat

Bild 2: EFA © Marko Risovic

Bild 3: EFA © Philipp Huber