Ein Urknall und seine Wirkung
Ein Urknall und seine Wirkung
Die Umsetzung des Vermächtnisses von Anneliese Brost in über 300 Projekten stand im Mittelpunkt des Stiftungstags 2026
Selten füllten Anneliese Brost und ihr Testament derart den Raum. Wenige Tage vor ihrem 106. Geburtstag erinnerte die Brost-Stiftung beim Stiftungstag 2026 an ihre historischen Wurzeln – und belegte faktenreich, was daraus gewachsen ist. Seit Beginn der Förderaktivitäten wurden 319 Projekte unterstützt, allein 32 in 2025 neu bewilligt. Ein Jahresüberschuss von 34,5 Millionen Euro in der Vermögensverwaltung schafft die finanziellen Grundlagen für nachhaltige Initiativen zum Wohl der Menschen im Ruhrgebiet.
„Unser ‚Urknall‘ war das Testament der Anneliese Brost“, blickte Professor Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands, zurück. Aus der „fortwirkenden Idee einer außergewöhnlichen Frau“ sei eine lebendige Stiftung entstanden, „nicht, indem sie nur verwaltet, sondern indem sie gestaltet – nicht, indem sie nur fördert, sondern Menschen, Ideen und Initiativen im Ruhrgebiet zusammenbringt. Sie ist kein Poesiealbum für gute Absichten. Sie ist ein Werkzeug für Wirkung.“
Der Abend im vollbesetzten Erich-Brost-Pavillon auf dem Dach der Zeche Zollverein machte diesen Stiftungsalltag lebendig, in bewegten Bildern und bewegenden Gesprächen.
Wir von Hier
Ein Videobeitrag rückte noch einmal die Vier von Hier in den Blickpunkt, seit der Auszeichnung mit dem Brost-Ruhr Preis gehören Peter Lohmeyer, Dietmar Bär, Joachim Król und Armin Rohde schon fast zur Familie. Der gleichnamige Film lockte zur Premiere mehr als 1000 Zuschauer in die Essener Lichtburg, demnächst startet die Kinotour durch ganz Nordrhein-Westfalen. Die vier Ausnahmeschauspieler mit Ruhrgebietswurzeln verkörpern in ihren Biografien das Lebensgefühl einer ganzen Region mit glaubwürdiger Intensität.
„Die Stiftung hat einen Widerwillen gegen ‚totes Kapital‘. Wir alle zusammen sorgen dafür, dass es lebendig wird. Wir warten nicht darauf, dass die Zukunft über uns kommt. Wir anerkennen und bearbeiten Realitäten.“
— Professor Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands der Brost-Stiftung
Wahr, weil es in der Zeitung steht!?
Als habe Anneliese Brost am Drehbuch des Abends mitgeschrieben, rückte die Herausforderung an qualitativ hochwertigen Journalismus im demokratischen Diskurs in den Mittelpunkt der Gespräche. Moderatorin Anke Plättner diskutierte mit Verlegerin Julia Becker sowie Chefredakteur Eric Gujer (NZZ) die Perspektiven von Informationsvermittlung in Zeiten von wegbrechenden Geschäftsmodellen und digitaler Reizüberflutung.
Becker knüpfte dabei an das Credo von WAZ-Gründer Erich Brost an, das seine Frau in einem legendären Interview 1990 so zusammengefasst hatte: „Der Mensch, ob Leser oder Schreiber, ist im Mittelpunkt. Es ging ihm um Qualität, Klarheit und Wahrhaftigkeit. Der Satz ‚Es stand in der Zeitung, also ist es wahr‘, soll für die WAZ-Gruppe immer gelten.“
Mit mehreren Förderprojekten will die Brost-Stiftung Qualitätsjournalismus nachhaltig unterstützen, dazu gehört der gemeinsame Podcast Machtspiele in Kooperation mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). „Es braucht in Zukunft vor allem etwas mehr Demut auf Seiten der Journalisten, die von Hause aus alle Welterklärer und Besserwisser sind.“ Glaubwürdigkeit basiere auf der Darstellung möglichst vieler Perspektiven zu einem Thema, „betreutes Denken“ müsse endgültig überwunden werden.
Menschliches und Unmenschliches
Der Abend des 15-jährigen Jubiläums lenkte die Aufmerksamkeit der Gäste aber auch auf jene Menschen, deren Schicksale ohne Hilfe der Gesellschaft kaum zu bewältigen sind. Dr. Stephanie Rebell und Thorsten Haase (Deutsche Kinderhospiz Dienste) schilderten eindrücklich die Situation von Eltern und Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern, die Brost-Stiftung unterstützt Betroffene im Projekt Die Unerreichten erreichen. Dabei geht es um die Einbindung von Eltern und Geschwisterkindern in bestehende Netzwerke zur Hilfestellung, die vielfach durch soziale Isolation oder Unkenntnis nicht genutzt werden. Rund 1.500 Kinder mit einer lebensverkürzenden Krankheit leben beispielsweise allein im Raum Dortmund/Bochum – nicht einmal zehn Prozent von ihnen werden von bestehenden kinderhospizlichen Angeboten erreicht.
Zum Finale schloss sich der Kreis zurück zu einem der Vier von Hier – Armin Rohde berichtete über intensive Begegnungen bei der Umsetzung des Fotoprojekts Gesichter des Reviers – Vom Ankommen und Dazugehören. Aus rund 10.000 Aufnahmen hat der Schauspieler und Fotograf 17 Porträts für eine Ausstellung zusammengestellt. Die Bilder zeigen Menschen mit Migrationshintergrund, die sich inzwischen im Ruhrgebiet zuhause fühlen. Bemerkenswert an der Begegnung ist die erkennbare Offenheit, mit der die Fotografierten der Kamera gegenübertreten. „Ich habe das Glück, dass die Menschen mir offensichtlich Vertrauen schenken“, so Rohde. Er selbst sei den Porträtierten immer mit „Demut, Respekt und Aufmerksamkeit“ begegnet.
Rohde führte in erfrischender Offenheit aus, dass er sich keinesfalls an gängiger Ruhrgebietsfolklore beteiligen wollte, der Blick auf die individuellen Menschen und ihre Lebenslinien liege in seinem Fokus. „In der aktuellen Welt grenzt es schon an tägliches Heldentum, jeden Morgen aus dem Haus zu gehen und sich durchs Leben zu schlagen.“
Am Ende eines denkwürdigen Abends setzte Armin Rohde einen nachdenklichen Schlusspunkt. Mit Blick auf die Themen und Fragestellungen, die im Laufe des Abends diskutiert worden waren, erinnerte er daran, wie wichtig demokratische Werte, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Bereitschaft zum Dialog sind. Zugleich warb er dafür, Ausgrenzung und Polarisierung entgegenzutreten und Offenheit als gesellschaftliche Stärke zu begreifen. Sein Appell für Respekt, Solidarität und ein konstruktives Miteinander wurde vom Publikum mit großem Beifall aufgenommen. Werte, die auch das Wirken von Anneliese Brost geprägt haben und bis heute Orientierung geben.