Ein Ostblick nach Westen: Das Ewige Revier begreifen
Ein Ostblick nach Westen: Das Ewige Revier begreifen
Rückblick April: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet
Die Aussicht vom Hochofen ist gigantisch. Ich bin mit M. in den Landschaftspark Duisburg-Nord gefahren, ein stillgelegtes Hüttenwerk. Wir haben uns nach meiner Antrittslesung in der Brost-Stiftung in Essen-Bredeney kennengelernt. „Kommen Sie doch zu uns an den Niederrhein“, hatte M. gesagt, und ich bin der Einladung nur wenig später gefolgt. Nun stehen wir hier auf dem ehemaligen Hochofen 5 des Thyssenwerks, 70 Meter über dem Boden, und blicken über mein Berichtsgebiet, das Ruhrgebiet. „Und das wird alles mir gehören?“, höre ich eine innere Stimme in meinem Kopf sagen. Aber so faszinierend die Aussicht ist, etwas irritiert mich. Beim Anblick der Schlote, Halden, Rangierbahnhöfe, Gasometer wird mir beinahe schwindlig, so überwältigend viel tut sich vor meinen Augen auf.
Die Weiten des Ruhrgebiets
Dabei habe ich keine Höhenangst, nur selten wird mir schlecht. Ich halte mich am Geländer fest, auch M. ist nicht ganz wohl, wie ich bemerke. Wir setzen einen Fuß vor den anderen.Wann immer wir in eine Landschaft schauen, suchen wir Bäume, Kirchtürme, Landmarken, die uns helfen, aus der Weite des Raums eine Tiefe zu machen, die wir mit den Augen durchwandern, durchmessen können. Auch ich hatte gleich nach meiner Ankunft in Mülheim das Bedürfnis, auf einen Berg zu steigen, ein Hochhaus zu erklimmen, mir einen Überblick zu verschaffen, hier Essen, da Oberhausen, dahinten Bochum – so ähnlich habe ich es mir vorgestellt. Aber im Ruhrgebiet ist das gar nicht so einfach: Es gibt einfach zu viel.
Ich will nicht übergeschnappt wirken, aber im Grunde kann man den Blick aufs Ruhrgebiet nur mit der Aussicht auf Rom vergleichen, wenn man auf der Terrasse der Villa Medici steht und über die Kuppeln der Ewigen Stadt schaut. Damit meine ich nicht nur, dass Maschinenhallen und Hütten auch so eine Art alte Steine sind, Ruinen, Tempelreste, ehemalige Kult- und Weihestätten des fossilen Zeitalters. Es ist vielmehr der Umstand, dass man es hier wie dort mit einer Überdetermination von Zeichen und Symbolen zu tun hat, mit einem inkommensurablen Reichtum der Anschauung. Eigentlich würde schon eine Kirche reichen, der Petersdom, daneben das Castel Sant’Angelo. Schon das ergäbe eine Silhouette, wie es sie nur einmal auf der Welt gibt. Wie viele Veduten sind davon gemalt worden!
Das Ewige Revier begreifen
Aber in Rom wie im Ruhrgebiet will man sich damit nicht zufriedengeben. Und so verliert man irgendwann die Übersicht, wird irr. Der Blick eilt hilflos hin und her, zwischen den Zechen, Kokereien, Stahlwerken, Chemiebetrieben, alten Arbeitersiedlungen. Irgendwo muss doch eine Struktur, ein Muster zu erkennen sein! Es ist alles zu viel, eine sinnliche Überforderung, eine Maßlosigkeit, wie sie keinem Herrscher, keinem Menschen je in den Kopf käme, sie kann nur wachsen, wuchern. Dort die Ewige Stadt, hier das Ewige Revier, auch wenn die Ewigkeit eher in Form von Ewigkeitskosten zu Buche schlägt: Wird das Grundwasser nicht regelmäßig abgepumpt, versinkt das Ruhrgebiet eines Tages im Meer.
Beim Historiker Per Leo, einem meiner Amtsvorgänger, stoße ich in den nächsten Tagen auf eine Unterscheidung, die meinem Schwindel begrifflich nahekommt. Leo zufolge ist nicht die Archäologie das geeignete Erkenntnisinstrument, um die Region zu erschließen, gegraben habe man im Ruhrgebiet schließlich schon genug. Die Analogie sei vielmehr in einer Geologie der Erdoberfläche zu finden, weil die Spuren der Geschichte für jedermann sichtbar seien: Man müsse sie nur wahrnehmen und deuten können. Der merkwürdige Verlauf einer Straße, die Zentrumslosigkeit der Städte, die Sperrzonen der Montangiganten, die scheinbar geschlossenen Welten der Siedlungen. All das, so Leo, gleiche „eher der Gestalt des Wattenmeeres oder der Formation einer Moränenlandschaft, sichtbaren Ablagerungen, als den fossilen Rückständen von Wäldern, die mit den Dinosauriern untergegangen waren“.
Als M. und ich schließlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, sind wir beide erleichtert, mir ist immer noch flau im Magen. Wir drehen eine letzte Runde durch den Park, vorbei am Möllerbunker, in dem die Kohle und das Erz gelagert wurden, dann kamen sie in den Hochofen. Von hier unten sieht der Turm ganz harmlos aus, wie eine abstrakte Skulptur.