Kindheit mit Kanten – Leben mit Weitblick
Kindheit mit Kanten – Leben mit Weitblick
Der Extrembergsteiger Reinhold Messner und Filmregisseur Sönke Wortmann blickten auf prägende Erfahrungen ihrer Jugend zurück und zeigten, wie unterschiedliche Wege zu einer gemeinsamen Haltung führen können.
Reinhold Messner hat als erster Mensch alle 14 Achttausender bestiegen, später die Antarktis und Grönland zu Fuß durchquert – hätten Sie geahnt, dass dieser Extremathlet nicht schwimmen kann?
„In unserem engen Tal gab es keinen Sportplatz und kein Freibad, deshalb habe ich als Kind nicht Schwimmen gelernt und kann es bis heute nicht“, erzählte Messner im Philharmonie Essen Conference Center. Mit Filmregisseur Sönke Wortmann plauderte der Abenteurer aus Südtirol über „Kindheit mit Kanten“, seine frühen Erfahrungen im Hühnerschlachten sowie die erste Besteigung eines Dreitausenders im Alter von fünf Jahren …
… während Sönke Wortmann die Zuhörer im gutbesetzten Saal mit an den Küchentisch der frühen Kindertage in Marl nahm, an dem er bereits als Zehnjähriger der Chef war. Und wie der Vater später versuchte, ihm im Schlaf die blonde Matte abzuschneiden. „Er hatte andere Vorstellungen von einem gepflegten Haarschnitt und dachte wohl, er könnte mich im Schlaf überraschen. Aber ich wurde wach und habe wochenlang kein Wort mehr mit ihm gesprochen“, beschreibt der Macher von Kultfilmen wie Der bewegte Mann oder Das Wunder von Bern den persönlichen Generationenkonflikt. Launige Geschichten mit einem hohen Wiedererkennungswert für das Publikum.
Im Laufe des von Sabine Heinrich (WDR) einfühlsam moderierten Abends beleuchteten Wortmann und Messner zwei sehr unterschiedliche Lebenslinien, an deren Kreuzungspunkten sich die Gäste im Saal immer wieder selbst entdeckten. „Wie Herkunft Neugier nährt“ – das Motto des Abends löste sich relativ schnell auf. Egal wo sie herkommen, Kinder sind grundsätzlich (neu)gierig auf das Leben und die Welt. Während es den Bergsteiger auch physisch aus der Enge des heimatlichen Tals zog, suchte der Regisseur seinen Weg aus dem Arbeitermilieu im Schatten des Förderturms.
„Jeder hatte daheim seine Aufgabe. Ich musste als Achtjähriger den Hühnerstall ausmisten. Und manchmal haben wir am Wochenende 50-100 Hühner geschlachtet und gerupft für die Gasthöfe im Tal.“
— Reinhold Messner
Traumberuf Taxifahrer
„Ich war eines von zwei Kindern aus der Siedlung, das aufs Gymnasium gehen konnte“, erinnert Wortmann sich. Nach der Schule folgte ein Zickzackweg über Universität, abgebrochenes Soziologiestudium und Taxifahrerjob zur Filmhochschule. „Ich arbeitete als Taxifahrer in München, eine Art Traumjob. Man konnte selbst entscheiden, ob man tagsüber oder nachts fährt, war weitgehend sein eigener Herr.“ Eines nachts trifft er beim Kaffee einen Produktionsleiter vom Film, der vermittelt ihn als Fahrer ans Set von Helmut Dietl. „Ich wurde Produktionsfahrer bei Monaco Franze, darauf bin ich noch heute stolz. Nebenbei habe ich den halben Tag Brötchen für die Schauspieler und Mitarbeiter geschmiert.“
Wortmanns weiterer Weg nach dem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München ist mit bekannten Filmen gepflastert. Sein Rat an junge Menschen: „Lasst alles auf euch zukommen. Wer kann mit 19 schon wissen, welchen Beruf er ein Leben lang ausüben will. Vielleicht kommt die Einsicht erst mit 25 oder 30 Jahren.“
Bei Messner stand die eigenwillige Lebensperspektive „Abenteurer“ deutlich früher fest: „Es ist eine Pflicht, uns selbst zu entsprechen, auch wenn Spießbürger und Moral Gegenwind erzeugen.“ Am Ende bestand die Herausforderung darin, dem selbstbestimmten Leben auch eine wirtschaftliche Basis zu geben. Dazu trugen auch seine mehr als 50 Bücher bei, die millionenfach verkauft werden.
„Mein Vater hat über 30 Jahre als Hauer unter Tage gearbeitet, davon 26 Jahre in der Nachtschicht. Trotz meines großen Respekts für seine Lebensleistung wusste ich schon sehr früh, dass ich einen anderen Weg gehen wollte.“
— Sönke Wortmann
Vertrauen in sich selbst
Trotz der großen räumlichen und kulturellen Distanz zwischen den Welten der Kindheit, liegen beide im analytischen Rückblick auf den Lebensweg oft eng beieinander. „Vertrauen spielt eine große Rolle, das hat uns meine Mutter immer gegeben“, so Messner. Und Wortmann ergänzt: „Ich habe mir dieses Vertrauen einfach genommen. Daraus entwickelt sich im Idealfall die Erkenntnis: Ich kann mich auf mich verlassen.“
Noch einmal zurück auf Anfang: Beide Männer erinnern sich noch an den Baum vor dem Küchenfenster daheim: In Südtirol wuchs ein Aprikosenbaum, in Marl eine Birke, die Wortmann zum Fan von Birkenwäldern gemacht hat. Für Messner war es ein Ausschnitt der vielfältigen Natur, mit der er sich bis heute im ständigen Austausch befindet. Von dieser intensiven Nähe profitieren im Projekt „Ruhr Natur“ aktuell sechs Schulen aus dem Ruhrgebiet und Südtirol in einem von der Brost-Stiftung initiierten Austauschprogramm. Sie treffen den Projektpaten im „Reinhold-Messner-Haus“ in Sexten im Pustertal. „Wir werden die jungen Menschen ans Handy und die digitale Welt verlieren, wenn wir sie nicht wenigstens für eine Woche in die Natur holen“, erklärt er. Kindheit mit Kanten hat sich tatsächlich sehr verändert – nicht überall zum Guten.