Süchtig nach Licht und neuen Horizonten
Süchtig nach Licht und neuen Horizonten
Reinhold Messner suchte nach Wegen aus der Enge des Tals. Und des Lebens. Über seine „Kindheit mit Kanten“ und eine gemeinsame Leidenschaft diskutiert er mit Sönke Wortmann am 8. Juli im Philharmonie Essen Conference Center.
Zwei unterschiedliche Lebenslinien formen den Spannungsbogen des Abends: Ruhrgebietsjunge Sönke Wortmann trifft in der Essener Philharmonie auf Reinhold Messner, DAS Kind der Berge.
Der Abend unter dem Motto „Kindheit mit Kanten – Wie Herkunft Neugier nährt“ hält aber auch Überraschendes bereit: Die beiden gegensätzlichen Charaktere verbindet eine gemeinsame Leidenschaft – das Filmemachen.
Im Interview erklärt Reinhold Messner, warum sein neuer Film gemeinsam mit Wortmanns „Das Wunder von Bern“ am gleichen Abend ins Kino gehört…
Ihre Begegnung mit Sönke Wortmann steht unter dem Motto „Kindheit mit Kanten“ – wachsen junge Menschen heute tatsächlich so ganz anders auf als Generationen vorher?
Reinhold Messner: „Auf jeden Fall. Für die ersten Nachkriegsgenerationen war verzichten selbstverständlich, es war völlig klar, dass nicht jedes Bedürfnis sofort realisiert werden konnte. Ich habe meine Kindheit dennoch als sorgenfreie Zeit in guter Erinnerung.
Die jungen Menschen heute sind verloren, weil sie nicht gelernt haben, zu verzichten. Sie haben nicht begriffen, dass die Ressourcen unseres Planeten endlich sind. Und dass nicht nur wir in der westlichen Hemisphäre das Recht auf angemessene Lebensbedingungen haben. Ich bezeichne die gesellschaftliche Realität um uns herum als eine dekadente Zeit.“
Kein Sonnenstrahl im Winter
Wie haben die Berge und die Natur Sie als jungen Menschen geprägt?
Messner: „Ich hatte eine für die Region eher untypische Kindheit, meine Altersgenossen waren in der Mehrzahl Bauernkinder, mein Vater arbeitete als Lehrer. Wir sind an einer besonders engen Stelle des Grödnertals aufgewachsen, in das den ganzen Winter kein Sonnenstrahl fiel. Der Himmel erschien als schmaler Streifen, wenn ein Flugzeug über uns flog, erschien es plötzlich und war nach wenigen Minuten verschwunden. Diese Enge hat mich Horizont-süchtig und gierig nach Licht gemacht.“
Mit welchen Folgen?
Messner: „Wir sind die Hänge um uns herum hochgestiegen, um ins nächste Tal schauen zu können. Bis heute brauche ich den Blick auf ferne Horizonte, auch im übertragenen Sinn. Meine Brüder und ich wollten nicht zuletzt aus der geistigen Enge des Tales heraus, mein Vater hat uns dazu immer ermutigt.“
Sie treffen auf dem Podium mit Sönke Wortmann auch einen Kollegen…
Messner: „Ja, ich habe inzwischen eine Reihe von Dokumentarfilmen produziert sowie Filme, die Geschichten erzählen. Bevorzugt nutzen wir dabei vorhandenes historisches Material und drehen dazu Szenen nach, an Stellen, wo die Kamera früher nicht hingekommen wäre.
Für mich ist wichtig, dabei Schlüsselfragen nachzugehen, wie etwa der Frage, ob Bergsteigen unter bestimmten Bedingungen noch zu verantworten ist.
Darüber hinaus finde ich es essenziell, dass der Filmemacher maximale Expertise in seinem Thema hat. Ein Historiker ohne Erfahrungen als Bergsteiger kann keinen glaubwürdigen Film über eine Erstbesteigung oder ein Bergdrama machen.“
Neuentdeckter Nationalstolz
Das hat Sönke Wortmann im Interview sinngemäß genauso erläutert. Zum Erfolgsrezept von „Das Wunder von Bern“ gehörte seine detaillierte Ortskenntnis des Ruhrgebiets und der Einblick in die Psyche des Fußballers…
Messner: „Zur Botschaft des Films gehört ja auch der wiederentdeckte Nationalstolz der Deutschen, die nach dem Krieg endlich wieder ein kollektives Erfolgserlebnis feiern konnten. Im gleichen Kontext arbeite ich gerade an einem Film, dessen Handlung ein Jahr früher 1953 spielt.
Damals bezwang zum ersten Mal eine deutsch-österreichische Seilschaft den Nanga Parbat, nachdem an diesem Schicksalsberg vorher schon 30 deutsche Bergsteiger ums Leben gekommen waren.
Dieser Erfolg hat ebenfalls das ganze Land beflügelt, Deutschland wie Österreich. Der Geist der Nazizeit wich einer neuen Form von Nationalstolz. Es wäre ein spannendes Projekt, beide Filme an einem Abend vorzuführen und mit den Zuschauern zu diskutieren.“