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„Solidarität liegt in den Genen“

„Solidarität liegt in den Genen“

Sönke Wortmann beschreibt seine Prägung im Ruhrgebiet. Am 8. Juli trifft er Reinhold Messner zum Thema „Kindheit mit Kanten“

Die beiden Gesprächspartner trennt mehr als 15 Lebensjahre: Reinhold Messner (Jahrgang 1944) wuchs in den südtiroler Bergen auf, Sönke Wortmann (Jahrgang 1959) ist ein Kind des Ruhrgebiets. Wie prägt der Lebensraum den Menschen – freuen Sie sich unter dem Motto „Kindheit mit Kanten“ auf einen Abend voller Kontraste – und überraschender Berührungspunkte!

 

In der Essener Philharmonie erzählen der Extrembergsteiger und der Kultregisseur persönliche Anekdoten und Erinnerungen aus frühen Jahren. Von Momenten, die sie bis heute tragen, von ersten Aufbrüchen und davon, wie Neugier entstehen kann, wenn man sich mit dem Vertrauten auseinandersetzt oder darüber hinausgeht. Brixen meets Marl!

 

Wortmann ist gespannt auf den Berghelden, dessen Ausnahmeleistungen ihn lebenslang begleitet haben. Im Interview verrät er allerdings vorweg, dass er die Faszination „Bergblick“ nicht teilt…

Reinhold Messner hat als Junge aus dem Fenster auf die Dolomiten geblickt, so wuchs der Wunsch, diese Berge zu besteigen. Welche Gipfel wollten Sie als junger Mensch erobern.

 

Sönke Wortmann: „Aus dem Fenster meines Kinderzimmers hatte ich auf einen Förderturm geschaut. Abgesehen davon, dass der nicht zum Besteigen einlud, wurde mir bei diesem Anblick früh klar, dass ich dort nicht – wie mein Vater – meinen späteren Lebensunterhalt verdienen wollte. Ich wollte Abitur machen und studieren, obwohl das nur wenigen aus meiner Siedlung möglich war. Mit großer Unterstützung meiner Eltern hat das dann auch geklappt.“

 

Sie werden in der Philharmonie Essen über sehr unterschiedliche „Kindheit mit Kanten“ sprechen. Was hat Sie in dieser Zeit geprägt?

 

Wortmann: „Ich bin in einem Bergmannshaushalt in Marl aufgewachsen, grundsätzlich war meine Jugend nicht anders als die von Arbeiterkindern in Ludwigshafen oder sonstwo. Es gibt allerdings einen Unterschied:  Die Erfahrungen unter Tage, das ständige Aufeinander angewiesen sein, hat eine besondere Form von Solidarität entwickelt, die sich zumindest bis in meine Generation genetisch verankert hat.“

 

Haben Sie eine besondere Ruhrgebietsidentität?

 

Wortmann: „Den Begriff würde ich nicht überstrapazieren. Mir geht es wie vielen Menschen, dass ich mich in einer vertrauten Umgebung zu Hause fühle. Sprache spielt eine wichtige Rolle, ich fühle mich heimisch, wenn es um mich herum vertraut klingt. Aber auch da unterscheiden Menschen des Ruhrgebiets sich nicht von zum Beispiel Schwaben, die sich auf einer Urlaubsreise treffen und sich dank ihrer Mundart sofort erkennen.“

 

 

Bescheidene Ikonen

Bemühen wir ein weiteres Klischee: Menschen des Ruhrgebiets sind wenig selbstbewusst, vielfach zu bescheiden…

 

Wortmann: „Dem würde nur ich bedingt zustimmen. Es gibt Menschen aus der Region, die fast ikonisch berühmt geworden sind, wie etwa Hape Kerkeling oder Herbert Grönemeyer. Und beide sind normal geblieben, bei allem Selbstbewusstsein trotzdem eher bescheiden.

Oder schauen wir auf den Fußball, der 1. FC Köln beschrieb sich in der 60er Jahren und noch weit darüber hinaus als das deutsche Pendant zu Real Madrid. Die Ruhrgebietsvereine haben da schon ein anderes Selbstverständnis. Ich glaube aber, dass, auch über den Fußball hinaus, sehr viel Understatement bei den Ruhrgebietsmenschen mitschwingt.“

 

Sie haben den erfolgreichen Film „Das Wunder von Bern“ in die Nachkriegszeit des Ruhrgebiets verlegt. Hätte er nicht auch in der Pfalz, der Heimat von Fritz Walter, funktioniert?

 

Wortmann: „Schwer zu sagen, ich denke eher nicht. Zentrale Figur ist ja Helmut Rahn, ein enfant terrible seiner Zeit, der nun mal bei Rot-Weiß Essen spielte. Der kleine Matthias ist ebenfalls ein typisches Ruhrgebietskind. Letztlich trug auch zum Gelingen bei, dass ich mich an den Handlungsorten richtig gut auskannte.“

 

Was verknüpfen Sie mit der Person Reinhold Messner?

 

Wortmann: „Er war mir als Extrembergsteiger immer ein Begriff, ich habe aus der Vergangenheit zahlreiche Bilder vor Augen. Seine Begeisterung für die Berge kann ich leider nicht teilen – ich bin eher ein Nordsee-Fan und muss weit gucken können…“