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Kubaner, Kohle, Currywurst

In der Ausstellung „Der andere Blick“ stehen Ruhrgebietsmenschen plötzlich staunend vor Bildern aus der eigenen Lebenswelt

Um im gewohnten Sprachgebrauch der laufenden Fußball-WM zu bleiben: Der Abend in der Ruhr Gallery war für Ariàn und Jesus Irsula ein klassisches Auswärtsspiel. Eigentlich. Die beiden Kubaner wollten bei der Vernissage zur Ausstellung „Der andere Blick“ Erfahrungen und Eindrücke aus einem Jahr „Expedition ins Ruhrgebiet“ (Prof. Bodo Hombach) vorstellen.

Gäste und Gestaltung machten aus der Veranstaltung in Mülheim jedoch ein echtes Heimspiel: Zahlreiche Landsleute waren gekommen, die kubanische Botschafterin Juana Martínez González, Nachbarn, Freunde und Weggefährten sorgten für Gedränge wie auf Stehplatzrängen im Stadion. Dank Mariella und ihrer kubanischen Band, typischem Essen sowie dampfenden Cohiba-Zigarren wurde es am Ende sogar eine kubanische Party…

Ständiger Perspektivwechsel

Den Reiz des von der Brost-Stiftung initiierten Projekts „Der andere Blick“ liegt im Perspektivwechsel, der in den Räumen der ehemaligen Fabrikantenvilla um unerwartete Blickwinkel erweitert wurde. Dass die botanische Vielfalt der renaturierten Emscher eine kubanische Botschafterin beeindruckt, ist vorhersehbar. Gleichzeitig standen aber Ruhrgebietsmenschen fragend vor den Fotos ihres direkten Lebensraums.

Ariàn Irsula hat seine Eindrücke der Region in einer Serie von Aufnahmen unter dem Titel „Materia Pott“ verdichtet. „Ich wollte zeigen, wie reich das Ruhrgebiet ist, wenn man ganz nah herangeht“, erklärte er einer Besuchergruppe vor einem großformatigen Bild. „Viele sehen hier nur Industrie und Dreck. Aber in den Strukturen steckt Schönheit, Geschichte, Identität.“

Ein anderes Bild zeigt eine tiefschwarze, glänzende Oberfläche mit feinen Rissen. „Ist das Lava?“, fragt ein junger Mann. „Nein, Kohle“, erklärt Ariàn. „Aber so sieht man sie sonst nie. Sie ist hier nicht Brennstoff, sondern Material, fast wie ein Edelstein.“ Irsula arbeitet mit Mikrofotografie – einer Technik, die Alltägliches in abstrakte Bildwelten verwandelt. Die gelbliche Felsformation mit kristalliner Oberfläche erweist sich als Großaufnahme einer Frittenportion, darunter hat Irsula das Kultgericht Currywurst mit Pommes im Original aufgebaut. Für den Betrachter Anlass, dem Alltäglichen einmal wieder Aufmerksamkeit zu widmen

Ruhris, Ossis und Kubaner

Beeindruckend gelingt dies mit den Naturaufnahmen aus der Emscherregion, die Schönheit und Ästhetik der Blüten belegt im Detail die erfolgreiche Transformation der ehemaligen Kloake zu einem Naherholungsraum in einem gelungenen Jahrhundertprojekt.

„Der andere Blick“ bildet den Abschluss eines Projekts, das sich intensiv mit dem Ruhrgebiet, seinen Menschen und seinem Wandel auseinandergesetzt hat.  „Zwei Generationen haben aus zwei Perspektiven auf das Ruhrgebiet geschaut“, wie es Professor Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands der Brost-Stiftung, beschreibt. „Jesus und Ariàn Irsula entdecken Großes im Kleinen und umgekehrt. Neben den abstrakten Bildwelten dürfen wir das entstandene Buch als wohlgesinnten Beitrag zu unserer Region betrachten.“

In sechs Kapiteln (plus „Abschied vom Ruhrgebiet“) beschreibt der Germanist Jesus Irsula seine Begegnung mit der vorübergehenden Wahlheimat in der Begegnung mit ihren Menschen. Wechselnde Orte und Themen, die sich zu einem finalen Gesamteindruck ergänzen. „Am meisten beeindruckt haben mich die Menschen des Ruhrgebiets“, erzählt er Moderatorin Désirée Rösch. „Sie haben auffällig viele Ähnlichkeiten mit uns Kubanern, aber auch mit den Leuten, die ich während meiner Zeit in der früheren DDR in Leipzig kennengelernt habe.“ Zum Fazit des Aufenthaltes in Mülheim gehört für den kubanischen Germanisten auch: „Ich habe sehr viele junge Menschen mit Ruhrgebietsidentität kennengelernt.“

Folgt man dem „anderen“ Blick, ist der Pott in Bewegung, vor allem in den Köpfen seiner Einwohner. Aus Retrospektive wird zunehmend Aufbruchstimmung. „Das Projekt mag mit dieser Ausstellung formal zu Ende gehen – die Wirkung aber reicht weit darüber hinaus“ kommentiert die WAZ.  Die Werke von Ariàn Irsula und das Projekt „Der andere Blick“ bleiben noch bis Ende Juni in der Villa Artis zu sehen – „genug Zeit, um sich einzulassen auf ein Revier, das im Mikrokosmos seiner Materialien plötzlich überraschend poetisch wird“. Ein Heimspiel der besonderen Art auch für Ruhris…