Reflexionen eines Metropolenschreibers im August
Eine Beitragsreihe aus dem Herzen des Ruhrgebiets
Märchen der Gegenwart
Je stärker sich das Ende meines Aufenthalts im Ruhrgebiet ankündigt, desto stärker zweifele ich daran, ob ich das Projekt, mit dem ich angetreten bin, erfüllen kann. Ich hatte geplant, die hiesigen Formen des Zusammenlebens zu erkunden, die für mich aus der Ferne immer sehr besonders gewirkt hatten – und zu überlegen, wie man diese Formen des Zusammenlebens allgemein fruchtbar machen kann. In einer Zeit, in der eine Riege politischer Polarisierungsunternehmer den Ton angibt und uns zunehmend unseren Sinn von Verbundenheit raubt. Das ich Zweifel an der Erfüllbarkeit meines Projekts habe, hat vor allem mit einer grundsätzlichen Perspektivverschiebung zu tun. Während ich hier in kleineren Gemeinschaften, in bestimmten Nachbarschaften, Vereinen, Stiftungen und kulturellen Gruppen, immer wieder auf Formen des Zusammenlebens treffe, die mich mit Zuversicht erfüllen, habe ich insgesamt das Gefühl, dass die Folgen der Polarisierung auch den Ruhrgebietsalltag gekapert haben.
Von Uhlenhorst, dem Mülheimer Viertel, in dem ich wohne, dauert es ungefähr eine Stunde, um nach Bredeney zu kommen, dem südlichen Stadtviertel von Essen. Nicht nur aufgrund seiner alten Villen und seiner Jahrhundertwende-Architektur ist es besonders schön, sondern auch wegen seiner Lage an der Ruhr und dem malerischen Baldeneysee, wegen seines Stadtparks und der Villa Hügel. Wenn man mit dem Auto oder dem Bus dorthin fährt, führt einen die Reise von dem wohlhabenden bürgerlichen Viertel in Mülheim über dörflich anmutende Landschaften in diese hübsche Oberschichtswelt. Wenn man den Zug nimmt, macht man in der Regel am Essener Hauptbahnhof und seiner urbanen Umgebung halt, die man eher als rau bezeichnen würde. An all diesen Orten habe ich interessante und tolle Menschen getroffen, die aus verschiedenen sozialen Schichten kamen, deren Biografien sich kaum vergleichen ließen, die unterschiedlich auf die Welt schauten. Menschen, die einander eigentlich viel zu sagen haben, es aber nicht wirklich tun. Menschen, die immer weniger miteinander reden.
Das war an fast allen Orten, an denen ich bisher gelebt habe, der Fall, mit steigender Tendenz, würde ich sagen. In Berlin, London, New York. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Begegnungsstätten überall geschrumpft. Die öffentlichen Räume sind kleiner und separierter geworden. Eventuell fällt das im Ruhrgebiet ein wenig mehr auf, weil diese getrennten öffentlichen Räume hier näher beieinanderliegen. Und eventuell fällt mir das persönlich mehr auf, weil ich die Hoffnung hatte, dass das hier anders sein könnte. Doch das ist nicht der Punkt dieser Kolumne.
Der Punkt ist der, wie diese unterschiedlichen Schichten und Gemeinschaften übereinander reden, wenn sie schon nicht miteinander reden. Seit Wochen geistert nun schon ein Satz in meinem Kopf herum, den eine eigentlich sehr kluge und sympathische Frau aus Essen-Bredeney in einem Gespräch mit mir fallen ließ. Wenn sie am Hauptbahnhof in Essen ausstiege, sagte sie, fühlte sie sich als Christin verfolgt. Sie hatte schon ein paar Gläser getrunken, als sie das sagte, und ich war mir nicht ganz sicher, ob sie das tatsächlich glaubte. Aber auf Nachfrage von mir wiederholte sie ihre Empfindung, betonte aber, dass sie keine Rassistin oder Islamhasserin sei. Ich widersprach ihr, aber eigentlich war ich sprachlos. Ich hätte verstanden, wenn sie gesagt hätte, dass sie sich dort nicht sicher fühle oder Angst habe. Es ist beileibe kein einladender Bahnhof. Aber nicht, dass sie sich als Christin verfolgt fühle. Ich habe den Eindruck, dass ich solche Sätze seit einigen Zeit immer öfter höre, und zunehmend auch von Menschen, von denen ich es nicht erwarte und von denen ich auch glaube, dass sie sie bis vor kurzem noch nicht gesagt hätten. Natürlich werden Christinnen und Christen in Deutschland nicht verfolgt. Deutschland ist ein im internationalen Vergleich beeindruckend sicheres Land. Auch wenn es Dinge gibt, die man verbessern muss, sind die Kriminalitätsraten in den vergangenen Jahren in fast allen Bereichen gesunken. Die einzige wirklich besorgniserregende Entwicklung in der Kriminalitätsstatistik ist die schockierende Explosion rechtsextremer Straftaten. Straftaten also, die von der Rhetorik jener hasserfüllten Politikerinnen und Politikern befeuert werden, die auch das Märchen von der Verfolgung von Christinnen und Christen in Deutschland in die Welt gesetzt haben, das jetzt in den Köpfen von Menschen wie dieser Frau aus Bredeney seine Blüten treibt.
Sätze wie dieser sind ein gutes Anzeichen für die Zerrüttung unserer politischen Kultur, die zunehmend von Ressentiments und Hass geprägt ist. Sie sind ein gutes Anzeichen dafür, dass politische Akteure und Akteurinnen heute lieber eine Politik der kategorischen Veränderungsverhinderung betreiben, anstatt unsere realen Probleme in der Gesellschaft und der Welt anzugehen. Ein gutes Anzeichen dafür, dass sie um das zu tun, lieber Märchen erfinden, die uns dazu bringen sollen, einander mit Verachtung, anstatt mit Gemeinsinn zu begegnen. Dafür, dass wir heute lieber übereinander reden, anstatt miteinander zu sprechen, und dabei in Kauf nehmen, dass immer größere Gruppen der Gesellschaft nicht mehr zu Wort kommen. Dafür, dass diese verstummenden Gruppen mit so vielen verurteilenden Zuschreibungen überzogen werden, dass ihnen ihre Menschlichkeit und ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe irgendwann ganz abgesprochen werden. Dafür, dass wir auf dem Weg in eine Gesellschaft sind, die für die meisten von uns nicht mehr funktioniert – egal, woher wir kommen, egal, wo wir wohnen.