The Pioneer on Tour: Ein Abend im Zeichen der Demokratie
Es war ein außergewöhnlicher Abend in der Essener Lichtburg: interessante Persönlichkeiten, spannende Interviews und Live-Musik, aber auch unbequeme Wahrheiten.
Mit „The Pioneer on Tour – Celebrating Democracy“ brachten Medienunternehmer Gabor Steingart und sein Team am 10.12.2025 Live-Journalismus ins Ruhrgebiet.
Eine Einladung zur aktiven Auseinandersetzung mit der aktuellen gesellschaftspolitischen Stimmungslage und dem Kern echter Demokratie. Mit dabei waren u. a. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, Schauspieler Jan Josef Liefers sowie Autorin Diana Kinnert. Bereits im zweiten Jahr unterstützt die Brost-Stiftung im Rahmen des Förderschwerpunkts Qualitätsjournalismus die Veranstaltungsreihe des Berliner Medienhauses Media Pioneer.
Komplexe Themen fundiert und unterhaltsam präsentiert
Woran krankt die deutsche Wirtschaft? Wie steht es um die Demokratie in unserem Land? Welche Rolle spielen dabei Mut, Glaubwürdigkeit und Einsamkeit? Und wie entsteht echte Zuversicht? Fragen wie diese – und mögliche Antworten – fundiert und dennoch unterhaltsam auf die Bühne zu bringen, dieser Aufgabe stellten sich die Journalisten bei der letzten Ausgabe von „The Pioneer on Tour“ im Jahr 2025. Verschiedene Gäste mit verschiedenen Hintergründen gaben ganz unterschiedliche Antworten. Zwischendurch sorgte die Pioneer Band für musikalische Atempausen.
„Wir müssen Systeme neu denken.“
Der Abend begann mit einer Einordnung Steingarts zur aktuellen wirtschaftlichen und politischen Lage in Deutschland. „Wir erleben eine zunehmende Verkrustung“, erklärte er dem Publikum. Dahinter steht das Bild einer (Welt-)kugel im Querschnitt: Im produktiven Kern wird Energie – also Wirtschaftsleistung – erzeugt, die dann in der Lage ist, die Kruste – also den unproduktiven Teil des Landes, wie z. B. Kinder oder Rentner – zu versorgen. „Der Kern schrumpft, während die Kruste immer weiter zunimmt“, fuhr Steingart fort.
Um diesen Prozess aufzuhalten und wieder ins Gegenteil zu verkehren, verwies er auf tiefsitzende strukturelle Probleme: „Unser System ist zu Teilen rund 200 Jahre alt. Bildung, Beamtentum, Sozialstaat, industrielles System – all das bräuchte dringend ein Update. Wenn wir unser Land zurück auf Spur bringen wollen, brauchen wir vor allen Dingen Mut. Wir müssen Systeme neu denken.“
Mehr Vertrauen – weniger Bürokratie
Um Mut ging es auch im darauffolgenden Interview. Journalistin Alev Doğan begrüßte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst auf der Bühne und sprach mit ihm über Führung und Verantwortung in turbulenten Zeiten. Einer seiner wichtigsten Standpunkte: „Politik muss Wort halten.“ Wer glaubwürdig sein will, müsse auch ehrlich sein, so Wüst. Ein sauberes Lagebild zeichnen und dann nichts Großes versprechen, sondern Stück für Stück vorgehen. „Dazu müssen wir aber lernen, mit Risiken anders umzugehen, weil wir uns sonst kaputtverwalten. Wir müssen Verfahren vereinfachen und brauchen den Mut, mehr zu vertrauen. Ein Staat, der so viel misstraut, darf sich nicht wundern, wenn er auch Misstrauen zurückbekommt.“
So brach Wüst auch eine Lanze für die aktuelle Bundesregierung: „Die Voraussetzungen sind unheimlich schwierig, die Regierung steht unter einem unglaublichen Druck von rechts und links. Lassen Sie die doch erstmal ankommen und sich zusammenfinden. Im Ruhrgebiet sagen wir: Gib sie eine Chance.“
Zuversicht schöpft Wüst aus dem unerschütterlichen Glauben daran, dass Politik einen Unterschied machen kann: „Fordern Sie uns Politiker, aber geben Sie uns dann auch den Raum, dass Veränderung gelingen kann.“
Gegen Einsamkeit – für die Demokratie
Wenn Zuversicht fehlt, wenn die Grundpfeiler der Demokratie wackeln, steckt nicht selten ein Grund dahinter: Einsamkeit.
Dieses Thema adressierte anschließend Autorin Diana Kinnert in einem kurzen Impulsvortrag. Als Einsamkeit definierte sie „die gefühlte Diskrepanz zwischen der gewünschten sozialen Eingebundenheit und der Realität.“ Dabei denkt man oft an alte Menschen, die Tag für Tag allein aus dem Fenster sehen. Doch sie seien nicht die einsamste Altersgruppe, so Kinnert: „Studien haben gezeigt, dass junge Menschen im Durchschnitt noch einsamer sind als alte. Und das, obwohl sie quantitativ viele soziale Kontakte haben. Doch die Kontakte haben keine gute Qualität. In unserer durchindividualisierten, von Algorithmen gesteuerten Welt entstehen immer weniger soziale Punkte, weniger gemeinsame Medien, gemeinsame Wahrheiten.“ Diese Entwicklung sorge für Einsamkeit – und bedrohe unsere Demokratie, die auf sozialem Miteinander beruht.
Ihr bestes Gegenkonzept: Freundschaft! „Wir müssen wieder Freude dafür entwickeln, dass die Menschheit pluralistisch ist, dass wir eben nicht alle gleich sind.“ Oder, um es mit Lessing zu sagen: Wir müssen, müssen Freunde sein.
Eine Welt ohne Angst
Auch im Schauspiel geht nichts ohne echtes Miteinander. Unter dem Motto „Wie echt kann man sein?“ sprach zu guter Letzt Jan Josef Liefers mit Journalistin Pia von Wersebe über seine Arbeit, über Angst und Glaubwürdigkeit. Wichtig sei oft gar nicht so sehr, was man sagt, sondern viel mehr, wie man es sagt. „Egal ob auf der Bühne oder im Leben: Ein Gespräch macht man nie alleine.“ Glaubwürdigkeit entstehe dabei aus einem Quartett von Kriterien, so Liefers: Kompetenz, Konsistenz, Transparenz und Verantwortung.
Ob er immer noch manchmal Lampenfieber habe? „Am liebsten gar nicht“, sagte der Schauspieler bestimmt. „Ich bin ein großer, überzeugter Gegner von Angst! Menschen, die versucht haben, mir Angst zu machen, habe ich schon immer misstraut. Mein Wunschlebenstraum wäre eine Welt, in der jeder sein kann, wie er will, ohne Angst zu haben.“
Zukunft kommt von Zuversicht
Doch genau diese Angst werde in den Medien mehr und mehr geschürt, kritisierte Gabor Steingart. „Früher hieß es ‚sex sells‘ – heute gilt mehr denn je ‚fear sells‘. Wir finden das nicht gut. Journalismus sollte keine Angst verbreiten, sondern Platz schaffen für Zuversicht.“
Denn Zuversicht sei eine lebenswichtige Ressource, so Steingart zum Abschluss. Sozusagen das Gegenstück zur Angst. „Deutschland ist so reich und hat doch die größte Knappheit in Sachen Zuversicht. Doch wir brauchen sie, denn wo Zuversicht wächst, schrumpft die Angst. Also gehen Sie nach Hause, schauen Sie in den Spiegel und sagen Sie sich: ‚Ich bin der, auf den ich gewartet habe!‘ “
Fotos © Anne Hufnagel