Berührende Lebensreise
Berührende Lebensreise
Gefeierter Film mit den "Vier von Hier" löste bei der Premiere vielfältige Emotionen und Erinnerungen aus
Wenn in der Heimat von Rot-Weiß Essen ein bekennender Fan von Schalke 04 mit stehendem Applaus gefeiert wird, muss etwas ganz Besonderes passiert sein – am Ende sangen die mehr als 1.000 Besucher in der Lichtburg, angestimmt von Peter Lohmeyer, sogar das Steigerlied, Vereinshymne des Fußballrivalen aus der Nachbarstadt Gelsenkirchen. Schlussakkord eines vielfach berührenden Kinoabends.
„Vier von Hier“, ein durch die Brost-Stiftung geförderter Dokumentarfilm von Christoph Rüter, füllte das Essener Kino am Premierenabend bis auf den letzten Sitz. Dabei kündigten Plakat und Einladung eher unaufgeregt einen Film „über Heimat und Demut“ an – im Mittelpunkt Dietmar Bär, Joachim Król, Peter Lohmeyer und Armin Rohde. Vier Schauspieler‑Ikonen, die, wie Moderatorin Bettina Böttinger anmerkte, auf eine lange Karriere zurückblicken.
An eben diesem Lebens- und Karriereweg dürfen die Zuschauer im Film teilhaben – und werden dabei immer wieder von der eigenen Biographie berührt.
„Wir sind doch alle mit „Ruhrgebietspädagogik“ erzogen worden. Nach dem Motto: „Ihr sollt es einmal besser haben. Aber wenn du dich nicht anstrengst, kommse inne Lehre!“
— Armin Rohde
"Man nennt sie Vorbilder, ich nenne sie Kraft."
Zur Kino‑Premiere von Vier von Hier nahmen der Vorstandsvorsitzende der Brost‑Stiftung, Prof. Bodo Hombach, und der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Dr. Boris Berger, die vier Schauspieler am roten Teppich in Empfang – begleitet von zahlreichen Fans, Zuschauern sowie Vertretern der Presse. In seiner Eröffnungsrede würdigte Prof. Bodo Hombach die Protagonisten als „Kraft“, als Persönlichkeiten, die „verbinden, was auseinanderfällt“ – „nicht Schmuck der Region, sondern Substanz“.
Regisseur Christoph Rüter hat Szenen aus Theaterstücken, Kino- und Fernsehfilmen gesammelt, deren Einspielung im Saal vielfache Reaktionen, von „Aaah“ bis spontanem Applaus auslösten. Persönliche Erinnerungen wurden wach, als Peter Lohmeyer nackt vom 10-Meter-Turm stürzt, Dietmar Bär im Tatort Köln von Armin Rohde niedergeschossen wird oder Joachim Król als Diener Sosias auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses beeindruckt. Im Film werden die Vier in der Retrospektive ebenfalls mit ihrem künstlerischen Lebenslauf konfrontiert. Ein Türöffner für die Seele.
„Ich habe jahrelang auf ein Lob meines Vaters gewartet. Held meiner Jugend war meine Mutter, die zu Hause alles zusammengehalten hat. So wie das die meisten Frauen heute noch tun.“
— Peter Lohmeyer
Emotionale Rückblicke
„Als wir vor 29 Jahren mit dem Tatort Köln begannen, konnte niemand ahnen, dass sich daraus ein Format von derart hoher Qualität entwickelt, dass immer noch Millionen Zuschauer in seinen Bann zieht“, so Dietmar Bär bewegt. Und auch Rohde macht den Lauf des Lebens am „Nachtschicht“-Dreh fest: „Ich war 48, als wir die erste Folge aufgenommen haben, gerade habe ich den 71. Geburtstag gefeiert.“ Die Großaufnahmen vom „Amphitryon“ machen Joachim Król in der Rückschau die Augen feucht, Peter Lohmeyer weint ungezügelt los, als die Filmszene aus dem „Wunder von Bern“ eingespielt wird, in der er seinen Filmsohn (auch im wahren Leben Sohn Louis) ohrfeigt.
Es sind vor allem die leisen Töne, mit denen der Film ans Herz geht. Die „Vier von Hier“ sind zugegeben Schauspieler der Extraklasse, die auf der Klaviatur der Gefühle spielen können. Im sehr persönlichen Ambiente der Dreharbeiten wirken die Emotionen aber nicht immer kontrolliert, etwa bei Rohdes Rückschau auf den Vater oder Lohmeyers Gedanken am Grab der Eltern.
Der Abend gewinnt seine Spannung und Eindringlichkeit aus den ständigen Perspektivwechseln. Die Vier von Hier schauen sich im Kino dabei zu, wie sie sich im Dokumentarfilm ihre früheren Filme anschauen und dabei beobachtet werden.
„Gefühle zeigen war bei uns zu Hause eher schwierig. Aber ich weiß, was meine Eltern geleistet haben. Seit ich mit 24 einmal mit meinem Vater in der Wurstküche stand, habe ich eine besondere Anerkennung für ihn.“
— Dietmar Bär
Einsatz für's Ruhrgebiet
Nach minutenlangem Applaus stehen sie dann auf einmal wieder leibhaftig vor dem Publikum, erkennbar gerührt. Und bereit, weitere Blicke ins Seelenleben zuzulassen. Unter der einfühlsamen Moderation von Bettina Böttinger weitet sich der Blick aber am Ende Richtung Zukunft, vor allem auf weitere Projekte mit der Brost-Stiftung. Vom 26. April – 07. Juni werden Armin Rohdes Porträts im Ruhrmuseum Essen in der Ausstellung „GESICHTER DES REVIERS – Vom Ankommen und Dazugehören“ gezeigt, Peter Lohmeyer wird zeitnah zu „Heimat Ruhr II“ nach Gelsenkirchen-Ueckendorf einladen. Dietmar Bär stellt wieder „Fragen eines lesenden Schauspielers“ im gleichnamigen Brost-Projekt. Und mit der Dotation des Brost-Ruhr Preises 2024 von Joachim Król konnte sich auch der „Circus Schnick Schnack“ für die Zukunft etablieren.
Darüber hinaus will das Quartett die Popularität und Bekanntheit nutzen, um sich in gesellschaftlichen Diskursen weiter einzubringen. „Wir sind eine Art Marke geworden und wollen die „Energie Prominenz“ nutzen“, sagt Bär. „Es kommen kalte Zeiten auf uns zu und dabei werden wir unseren Platz einnehmen, gegebenenfalls auch auf der Straße.“
Stürmischer Schlussbeifall für klare Sprache, klare Kante – und vier Typen, die nie vergessen haben, wo der Pott steht.
„Mein Vater hat als Hauer unter Tage gearbeitet, mit dem Beruf des Schauspielers konnte er nicht viel anfangen. Aber bei meiner ersten Premiere blieb er als Allerletzter im Publikum sitzen und legte den Finger auf die Lippen. Das war für mich das höchste Zeichen der Anerkennung.“
— Joachim Król








