Mental gesund in der Schule: Digitale Hilfen für Lehrkräfte
Mental gesund in der Schule: Digitale Hilfen für Lehrkräfte
Leistungsabfall, Rückzug, Konzentrationsprobleme, Drohungen, Beleidigungen: Immer mehr Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen haben mit mentalen Schwierigkeiten zu kämpfen. Gerade das Leben in urbanen Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet – mit wenig Bewegungs- und Entdeckungsmöglichkeiten, beengtem Wohnen, Lärm und Luftverschmutzung – stellt viele junge Menschen vor psychische Herausforderungen. Lehrkräfte nehmen zwar oft wahr, wenn eine Schülerin oder ein Schüler mentale Probleme hat – doch wie lässt sich in solchen Fällen schnell und richtig handeln? Und wie lassen sich Resilienz und psychische Gesundheit von Anfang an stärken?
Dafür fehlt es im stressigen Lehreralltag meist an Zeit, Know-how und leicht verfügbaren, verlässlichen Informationsquellen. Nicht zuletzt, da auch die Lehrkräfte unter immer höherer Arbeitsbelastung leiden und eigentlich selbst mehr für ihre eigene mentale Gesundheit tun müssten.
Hier setzt das von der Brost-Stiftung geförderte Projekt „Mental gesund in der Schule: Digitale Hilfen für Lehrkräfte“ an, das aktuell vom Verein zur Förderung des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) an der Ruhr-Universität Bochum umgesetzt wird. Das Ziel ist eine digitale Plattform, die mithilfe umfangreicher Informationen und konkreter Handlungsanweisungen dabei helfen soll, die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Lehrkräften, zu stärken und zu verbessern.
„Von höchster gesellschaftlicher Relevanz“
„Unsere Recherche hat ergeben, dass es im deutschsprachigen Raum bislang kaum niederschwellige Angebote für Lehrkräfte gibt, die die mentale Gesundheit von Schülerinnen und Schülern und den Umgang damit thematisieren“, sagt Dr. Kathrin Schopf aus dem FBZ, die das Projekt noch bis Ende 2025 koordiniert hat. „Angebote, die die mentale Gesundheit von Lehrkräften miteinbeziehen, sind oftmals kostenpflichtig oder nicht evidenzbasiert. Und wir wissen aktuell von keinem Angebot, das beides kombiniert.“
Dabei sei die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen von höchster gesellschaftlicher Relevanz, betont Schopfs Kollegin Dr. Lukka Popp, die seit diesem Jahr die Projektleitung übernommen hat: „75 Prozent aller psychischen Störungen beginnen bis zum jungen Erwachsenenalter; mit 14 Jahren haben bereits 50 Prozent der Betroffenen die erste psychische Störung entwickelt. Im weiteren Verlauf entstehen daraus in vielen Fällen krankheitsbedingte Fehltage und spätere Frühverrentungen.“
Methodisch aufbereitetes Wissen und praktische Tipps
Die digitale Interventionsplattform soll als Web-App, also als browserbasierte Anwendung im Erscheinungsbild einer App, angeboten werden. So kann sie einfach und ohne Installation mit jedem Betriebssystem genutzt und jederzeit aktualisiert werden. Lehrkräfte sollen dort methodisch aufbereitetes Wissen zur Förderung der psychischen Gesundheit und zur Resilienzförderung finden, in unterschiedlichen digitalen Formaten. So erfahren sie schnell und fundiert, wie sie dazu beitragen können, Schule zu einem Ort zu machen, an dem die psychische Gesundheit ein hohes Gut ist, das geschützt und gestärkt wird. Interaktive Übungen sowie Selbst- und Wissenstests sollen dabei helfen.
Ein Ergebnis können u. a. zielgerichtete, kurze Interventionen in den Klassenräumen sein, um im Bedarfsfall praxisorientiert eingreifen zu können. Zusätzlich erhalten die Lehrkräfte auf der Plattform Tipps, um ihre eigene mentale Gesundheit zu stärken – ebenso wie die ihrer Schülerinnen und Schüler. „Wir sind überzeugt, dass sich dieses Vorgehen mittel- und langfristig positiv auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirkt“, betont Kathrin Schopf.
Umsetzung bis 2027
Aktuell befindet sich „Mental gesund in der Schule: Digitale Hilfen für Lehrkräfte“ in der inhaltlichen Ausarbeitungsphase. Viel Recherchearbeit hat das Projektteam des FBZ dazu bereits absolviert, berichtet Lukka Popp: „Zum Beispiel haben wir in einer Online-Umfrage Lehrkräfte zu ihren Bedarfen und Herausforderungen befragt. Die Auswertung hat gezeigt, dass wir mit der Entwicklung einer Art App auf dem richtigen Weg sind: Die Lehrkräfte wünschen sich Video-, Audio- und Textformate, die sie in kürzeren Einheiten vorzugsweise am Smartphone oder Tablet konsumieren können, gern auch mit interaktiven Elementen.“ Zusätzlich steht das FBZ-Team schon seit 2024 im Rahmen des Projekts „Urban Mental Health“ in Bochum-Wattenscheid im direkten Austausch mit Fachkräften, Kindern und Jugendlichen. Die hier gesammelten Erfahrungswerte fließen ebenfalls in die Entwicklung der neuen digitalen Plattform ein.
In diesem Jahr steht die digitale Aufbereitung der Inhalte, also z. B. die Erstellung von Videos sowie einer barrierefreien Nutzeroberfläche, im Fokus. Anschließend folgen die technische Umsetzung der Plattform sowie die Pilotierung. „Wir sind zuversichtlich, dass wir bis Mitte 2027 unsere Web-App einer breiten Öffentlichkeit präsentieren können“, freut sich Lukka Popp.