Mit leichtem Gepäck das Ruhrgebiet erleben
Mit leichtem Gepäck das Ruhrgebiet erleben
Vor wenigen Wochen ist Dr. Peter Neumann als neuer Metropolenschreiber für das Jahr 2026 in Mülheim angekommen. Seit knapp zehn Jahren lädt die Brost-Stiftung jedes Jahr einen Autoren oder eine Autorin ins Ruhrgebiet ein, um die Region mit dem „Blick von außen“ neu zu entdecken. Am 29. Januar fand Neumanns Antrittslesung im ehemaligen „Wohnzimmer“ der Eheleute Brost in Bredeney statt. Neumann las dabei aus seinem politischen Essay „Mentalitäten. Wie wir besser verstehen, was uns trennt und was uns eint“ und kam ins Gespräch mit Moderatorin Catherine Newmark sowie mit den Gästen – über sein Buch, seine Pläne als Metropolenschreiber, über Ost-West-Klischees und Nilgänse an der Ruhr.
„Das, was im Osten passiert, wirkt von hier aus wirklich sehr, sehr weit entfernt. Und der Westen wirkt für den Osten sehr weit entfernt. Umso wichtiger ist es, eben diese Erfahrungen abzugleichen und sich miteinander auszutauschen.“
— Dr. Peter Neumann
„Ostdeutschland hat mich geprägt“
Dr. Peter Neumann ist promovierter Philosoph und seit einigen Jahren Redakteur im Feuilleton der ZEIT. Trotz seiner publizistischen Tätigkeit möchte er sich selbst weiterhin als Lyriker verstehen: „Mein Sound ist von Lyrik geprägt. Ich bin im Herzen Lyriker, der sein Formenrepertoire erweitert und auf andere Felder überträgt.“
Geboren in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 1987, hat er von der DDR-Zeit nicht mehr viel mitbekommen. Dennoch lässt ihn der Osten nicht los: „Ich fühle mich nicht direkt als Ostdeutscher, aber Ostdeutschland hat mich definitiv geprägt“, so Neumann, der – wenn er nicht gerade in Mülheim weilt – in Berlin und Hamburg lebt.
In seinem aktuellen Buch beschäftigt er sich viel mit dem Thema Prägung sowie mit der Frage, wie die individuelle Prägung die eigene Mentalität formt und beeinflusst. Mentalitäten umschreibt Neumann dabei als das „historische Gepäck, das wir mit uns rumschleppen“. Oder auch als eine Art „Klimazonen der Gesellschaft“: Je nach Region, Stadt oder ländlicher Umgebung können sie sehr groß oder auch sehr klein sein.
Mentalitäten können Gespräch eröffnen
Starke Veränderungen in Ost und West
Wie kann man Mentalitäten erklären? Wie lassen sich Unterschiede feststellen und beschreiben? Und warum erleben Menschen aus Regionen, die eine Transformationsphase durchlaufen, eher eine „Veränderungserschöpfung“, die unter Umständen zu radikaleren Ansichten führt? Eine Fragestellung, die sich hervorragend von Ostdeutschland auf das Ruhrgebiet übertragen lässt. Denn beide Landstriche haben in den vergangenen Jahrzehnten starke Veränderungen erlebt. „Wie man es auch dreht und wendet: Die Unterschiede sind da, und sie verfestigen sich“, schreibt Neumann in seinem Essay. „Diese Prägungen werden nicht verschwinden. Eher verknöchern sie wie Knochen nach einem Bruch.“
Mentalitäten können Gespräch eröffnen
Wie lässt sich diese „Mentalitätenbrille“ nun aber anwenden auf Neumanns Zeit im Ruhrgebiet? „Um Mentalitäten zu spüren, muss man vor Ort sein“, bekräftigte der neue Metropolenschreiber. „Mentalitäten können etwas Abgrenzendes haben, aber es wird dann spannend, wenn wir uns den Erfahrungen anderer Leute öffnen, also Differenzen zulassen. Dann können Mentalitäten ein Gespräch eröffnen: Wie bin ich geprägt worden? Wie bist du geprägt worden? Darüber gelangt man unter Umständen zu Konflikten und kann es schaffen, sie zu überwinden.“ Alles in allem sei das Ruhrgebiet für Neumann ein schönes Untersuchungsfeld für die Frage: Wie leben Menschen zusammen? Wie gestalten sie Zukunft?
Klischees bewusst suchen und aufbrechen
Mit leichtem Gepäck ist Neumann nach Mülheim gekommen: „Ich brauche nicht viel, denn hier erwartet mich ja das Material“, sagte er in seiner Antrittslesung. Ost-West-Differenzierungen interessieren ihn sehr, ebenso – natürlich – der Unterschied zwischen den Mentalitäten. Doch anstelle von Unterschieden habe er bislang vor allen Dingen viele Gemeinsamkeiten entdeckt, so Neumann: „Ich bin ins Ruhrgebiet gekommen, weil ich dachte, ich könnte mich hier sehr ostdeutsch fühlen. Weil sich hier bestimmt alles so anders anfühlt – aber es fühlt sich eigentlich gar nicht so anders an. Beide Regionen sind Transformationsregionen und beide haben mit Klischees zu kämpfen. Diese Klischees möchte ich bewusst suchen, dann aber aufbrechen, um eine andere Perspektive auf das Ruhrgebiet zu werfen.“
Entstehen könnte aus Neumanns Erlebnissen und Erfahrungen im Ruhrgebiet eine Art erzählerischer Essayband aus der Ich-Perspektive. „Ich bin gerade wie ein Schwamm, der sich vollsaugt, um dann aber etwas ganz anderes daraus zu machen. Ich versuche, Netze auszulegen und mir einen Bildervorrat anzulegen. Das ist das poetische Material, mit dem ich dann weiterarbeiten kann.“ Als Beispiel für ein solches Bild nannte Neumann die erste Nilgans seines Lebens, der er ausgerechnet an der Ruhr begegnet ist. „Dass die Nilgans, eine invasive Art aus Afrika, sich wohlfühlt an der Ruhr, ist ein überraschendes Bild, auf das sich vielleicht aufbauen lässt.“
Begegnungen mit Rhein, Ruhr, Kohle und mehr
Auf die Frage nach geplanten Erlebnissen nannte Neumann unter anderem eine Schiffsreise von Duisburg nach Rotterdam, um den Rhein zu erleben. „Mit dem Rad an der Ruhr entlang rauf- oder runterzufahren bringt Sie dem Ruhrgebiet näher“, kam darauf prompt die Anmerkung eines Gastes. Auch diese Erfahrung sei schon fest eingeplant, erwiderte Neumann. Weiterhin wolle er in den Mythos Stahl und Kohle eintauchen, den man mit dem Ruhrgebiet assoziiert. „Ansonsten reizen mich die kleinen Geschichten und Begegnungen. Das sind Dinge, die man vorher nicht auf dem Zettel hat und die extrem bereichernd sein können.“ Gleich mehrere Einladungen wurden von Gästen daraufhin ausgesprochen.
Das Metropolenschreiberjahr 2026 kann also kommen!