Zum Inhalt springen

Mit „Mini-Freundschaften“ und „Engagement-AG“ gegen Einsamkeit im Alter

Allein in den eigenen vier Wänden oder im Pflegeheim, gesundheitlich eingeschränkt, ohne Familie vor Ort, ohne soziales Netzwerk oder sinnstiftende Aufgabe. Tag für Tag. Einsamkeit im Alter ist ein handfestes gesellschaftliches Problem – und doch spielt sich das Leid einsamer Seniorinnen und Senioren meist still und hinter verschlossenen Türen ab.
Schon seit Längerem war es der Brost-Stiftung ein Anliegen, ein Projekt gegen die Vereinsamung älterer Menschen in Essen zu fördern. So entstand der Kontakt mit der Ehrenamt Agentur Essen e.V. und schließlich in Kooperation mit der Contigo-Ruhr gGmbH das Gemeinschaftsprojekt „Aufsuchende Beratung und ehrenamtliche Begleitung von Senioren“.

Ältere Menschen aus der Einsamkeit holen

„Es gibt viele Gründe, warum ältere Menschen sich einsam fühlen können“, sagt Sherille Veira, Geschäftsführerin der Contigo-Ruhr gGbmH. „Viele sind nicht mehr gut zu Fuß und trauen sich deshalb nicht zu, selbstständig am gesellschaftlichen Leben in ihrem Umfeld teilzunehmen. Oder sie bräuchten Unterstützung im Alltag, trauen sich aber nicht, um Hilfe zu bitten. Auch die Vereinsamung in Pflegeheimen nimmt zu: Viele Menschen dort erhalten selten Besuch und wären auf die Freizeitangebote der Einrichtung angewiesen. Aufgrund des Fachkräftemangels gibt es dafür aber immer weniger Ressourcen. Was fehlt, sind engagierte Menschen, die hier gegensteuern.“

 

Hier setzt das Projekt an, das seit Juli 2025 in Altendorf, Frohnhausen und Holsterhausen dazu beiträgt, ältere Menschen aus der Einsamkeit zu holen. Es gliedert sich in drei Teilprojekte. „Der erste Teil ist die aufsuchende Beratung in Privathaushalten“, erklärt Sherille Veira. „Menschen können sich bei uns melden und werden dann – je nach Wunsch – entweder angerufen oder besucht. Dafür gibt es die sogenannten Teilhabelotsinnen: Sie beraten die Seniorinnen und Senioren und finden heraus, welche Unterstützung oder Begleitung sie sich wünschen.“

Spazieren gehen oder einfach quatschen

Im zweiten Schritt werden die Seniorinnen und Senioren zusammengebracht mit passenden Ehrenamtlichen. Glenn Reich, Projektkoordinator seitens der Ehrenamt Agentur, beschreibt, wie so eine Begleitung aussehen kann: „Im Schnitt besuchen die Ehrenamtlichen die älteren Menschen einmal in der Woche. Der Kontakt kann aber auch häufiger oder seltener stattfinden – je nachdem, wie es für beide passt. Manche telefonieren auch zwischendurch. Wenn die Person noch mobil ist, besteht oft der Wunsch, rauszugehen zum Spazieren, oder um etwas zusammen zu unternehmen. Wenn die Mobilität fehlt, können schon ganz alltägliche Dinge helfen: vorlesen, gemeinsam die Post durchgehen – oder einfach quatschen.“

 

Das Schönste an diesen „Mini-Freundschaften“, wie Glenn Reich sie nennt, sind für ihn die wechselseitigen Synergieeffekte, die aus dem Kontakt zwischen Jung und Alt entstehen: „Es ist toll zu sehen, wie sich bei beiden Menschen durch die regelmäßigen Treffen etwas verändert. Unsere Ehrenamtlichen tun etwas Sinnstiftendes, die älteren Menschen fühlen sich wieder mehr gesehen – und bekommen teilweise sogar eine echte Aufgabe: Zum Beispiel haben wir einige Zugewanderte, die durch das Ehrenamt ihr Deutsch verbessern. Dieser Austausch ist sehr fördernd für beide Seiten!“

Netzwerken für mehr Sichtbarkeit

Damit das Angebot sich herumspricht, haben Contigo-Projektkoordinator Daniel Silbernagel und das engagierte Team der Teilhabelotsinnen seit dem Sommer viel Energie ins Netzwerken gesteckt: „Es braucht Zeit, bis die Menschen aufgeschlossen sind für ein neues Angebot“, sagt Daniel Silbernagel. „Das ist aber sozusagen unsere Grundvoraussetzung, denn die Initiative muss von den Seniorinnen und Senioren oder ihren Angehörigen ausgehen. Wir würden niemals von uns aus anrufen oder einfach an Türen klopfen.“

 

Aktuell gibt es 15 aktive Kooperationspartner, darunter das Jugendamt, verschiedene Stadtteilbüros, Kirchengemeinden, Stadtteilbibliotheken, den Sozialdienst des Elisabeth- und Krupp-Krankenhauses und das Zentrum 60plus in Frohnhausen. Auch ein Projekt mit einer großen Wohnungsbaugesellschaft ist in Planung. Zusätzlich wurden fast 100 Anlaufstellen mit Flyern und Informationsmaterialien ausgestattet, darunter Apotheken, Arztpraxen, Pflegedienste, Friseursalons, physiotherapeutische Praxen, Kirchengemeinden, Wohnanlagen und Quartiershausmeister. „Das Interesse an unserem Projekt war durchweg groß und die Bereitschaft hoch, uns als Multiplikator zu unterstützen“, freut sich Daniel Silbernagel. „Ein gutes Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Engagement-AG an Essener Schulen

Der dritte Teil des Gesamtpakets ist ein Projekt an Essener Schulen, das ebenfalls von der Ehrenamt Agentur betreut wird. Bei „Junge Paten für Senioren“ werden Schülerinnen und Schüler Schritt für Schritt an das Thema Ehrenamt herangeführt. In der „Engagement-AG“ im offenen Ganztag lernen sie, was ehrenamtliches Engagement bedeutet, warum es so wichtig ist, und sie erfahren am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, alt zu sein. „Die Kinder und Jugendlichen schlüpfen nach und nach in einen Altersanzug“, erklärt Mitarbeiterin Angie Landes, die das Projekt gemeinsam mit ihrer Kollegin Sara Mulatu koordiniert. „Das ist ein Ganzkörperanzug, der klassische Einschränkungen im Alter simuliert, z. B. Gelenkversteifung, Kraftverlust und Schwerhörigkeit. Zusätzlich gibt es verschiedene Brillen, die gängige Augenkrankheiten wie den grauen Star oder eine Makuladegeneration erfahrbar machen.“

 

Mit diesen Erfahrungen im Gepäck besuchen die Schülerinnen und Schüler dann einmal in der Woche ein Seniorenheim in ihrem Stadtteil, machen dort Angebote wie Spielen, Malen, Basteln, Singen oder unterhalten sich einfach mit den Menschen. Ein bereicherndes Projekt, findet auch Sara Mulatu: „Durch unsere Engagement-AG erfahren die Kinder und Jugendlichen, welchen gesellschaftlichen Mehrwert ehrenamtliches Engagement bietet. Sie wirken aktiv im eigenen Stadtteil und erweitern ihren Horizont. Das ist ein schöner Effekt für Jung und Alt.“