Revolution Ruhrgebiet?
Revolution Ruhrgebiet?
Wir freuen uns, unseren Metropolenschreiber 2026 vorzustellen:
Dr. Peter Neumann!
Im Rahmen unseres Projekts „Metropolenschreiber/in Ruhr“ laden wir Autorinnen und Autoren ins Ruhrgebiet ein, um unsere Metropole aus ihrer ganz persönlichen Perspektive zu entdecken. Nach ihrem Aufenthalt entsteht ein literarisches Werk, das neue Blickwinkel eröffnet und Geschichten unserer Region lebendig werden lässt.
Dr. Peter Neumann wird uns im kommenden Jahr mit seiner besonderen Sichtweise und seinem feinen Gespür für die Geschichten des Ruhrgebiets literarisch begleiten. Seinen ersten Beitrag gibt es nun zu lesen – ein spannender Auftakt, der Lust auf mehr macht. Wir freuen uns auf seine Impulse und laden Sie herzlich ein, seine Texte zu lesen und mit uns ins Gespräch zu kommen.
Mehr Informationen zum Projekt finden Sie in unserer Projektbeschreibung Metropolenschreiber/in Ruhr.
Als ich Mitte der Nullerjahre an die Universität Jena kam, waren die Lehrstühle, bis auf eine Ausnahme, mit Professoren aus dem Westen besetzt. Die waren gern gekommen: Der Name Jena hatte einen Klang wie Oxford oder Cambridge. Hier, an diesem Ort der Frühromantik, war der Genius loci des deutschen Idealismus spürbar. Allerdings war das Fach Philosophie in der DDR durch die ideologische Überformung des Marxismus-Leninismus schwer beschädigt. Und so fiel es den westdeutschen Hochschullehrer nicht schwer, dem Ruf ins romantische Jena zu folgen.
So unvermeidlich der Elitenwechsel in vielen Bereichen war, er war zugleich Symptom des gesamten Transformationsprozesses. Die damit einhergehende Unsicherheit manifestiert sich bis heute in der ökonomischen Realität. Es stimmt ja, dass die Einkommen im Osten immer noch deutlich niedriger sind als im Westen. Es stimmt auch, dass Ostdeutsche über weniger Rücklagen verfügen, kaum Vermögen haben und in Spitzenpositionen, in Politik, Wirtschaft, Medien, Justiz und Universitäten weiterhin unterrepräsentiert sind. Dass also der Wohlstandspuffer im Westen um einiges größer ausfällt und die konjunkturellen Schwankungen viele Ostdeutsche ungleich härter treffen. Ebenfalls stimmt es, dass in den Jahren nach der Wende oft genug die Mängel des Ostens, nicht die gelungenen Momente im Vordergrund standen. Die Zumutungen der Nachwendejahre bilden bis heute den Basso continuo der ostdeutschen Protestkultur. Der Osten sollte so werden, wie sich der Westen selber sah. Und deshalb konnte er, als der Globalisierungsboom in den 1990er Jahren losging, nur das Nachsehen haben.
Der Umbruch im Osten ist oft beschrieben und ebenso häufig identitätspolitisch bearbeitet worden. In wütenden Essays, klugen Büchern, Kunstwerken und Theaterstücken wurde auf die Unwucht in den Erzählungen über den Osten aufmerksam gemacht, der Maßstab stammt meist aus dem Westen. Doch selten hat man bemerkt, was sich ebenfalls unter der Oberfläche abspielte: Nicht nur für die Ostdeutschen, auch für die Westdeutschen hat sich seither einiges verschoben. Auch hier ereignete sich ein Umbruch, auch hier gab es heftige Proteste, etwa wegen der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen, kam es zur Gründung der WASG, die vornehmlich aus enttäuschten Sozialdemokraten und Gewerkschaftern bestand, wurde der Ton immer rauer. Nur tritt der Wandel erst jetzt, wo die schwarze Null aus allen Löchern pfeift, deutlich zutage.
Was für die ersten drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall galt, hat eine Revolution erlebt, eine Umkehrung im buchstäblichen Wortsinn: Rechtspopulismus, kriselnde Wirtschaft, Auflösung der Parteibindungen – die Wucht, mit der die globale Transformation auch den Westen getroffen hat, ist inzwischen dort ebenso deutlich spürbar. Und nirgendwo zeichnen sich diese Verwerfungen so klar ab wie im Ruhrgebiet, dem industriellen Herzland der alten BRD. Hatte man bislang das Gefühl, in relativer Sicherheit zu leben, haben die weltweiten Turbulenzen eine neue Realität aufgezeigt. Deutschland kann sich schon lange nicht mehr als Exportweltmeister feiern lassen. Mit über 30 Jahren Verspätung scheint der Westen nun sein eigenes Post-89 zu erleben: die schrittweise Abwicklung seiner traditionellen Industrien, die plötzliche Entwertung einstiger Ikonen. Gerade deshalb möchte ich mich als Metropolenschreiber dorthin begeben – um vor Ort zu beobachten, wie dieser Umbruch das Selbstverständnis einer Region neu formt.
Titelbild: Peter Neumann | Bild: © Gudrun Senger