Zum Inhalt springen

Ein Ostblick nach Westen: Die Wurzeln des Ruhrgebiets

Ein Ostblick nach Westen: Die Wurzeln des Ruhrgebiets

Rückblick Mai: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet

Ich bewege mich die Terrassen herunter. Etage für Etage lasse ich die Ruhr-Uni hinter mir, die Studenten, den Trubel, die Stadt, das Revier. Vor mir erstreckt sich das Lottental, ich kann die Ruhr sehen, sie fließt heute schneller als sonst. Es ist, als würde ich Stufe für Stufe in die Zeit hinabsteigen. Nicht nur zu den ersten Kohlezechen, die hier vor mehr als 200 Jahren, im Süden Bochums, im Ruhrtal, entstanden. Nein, noch tiefer, bald 300 Millionen Jahre, eine unvorstellbare Zeit. Damals gab es selbst die Saurier noch nicht, riesige Sumpfwälder bedeckten das Land, der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre lag bei 30 bis 35 Prozent, das Klima war feucht und heiß, Karbon nennt man diese Zeit. Das Ruhrgebiet lag damals noch am Äquator, Europa sah noch nicht wie Europa aus, und auch die übrigen Kontinente hatten ihre heutige Gestalt noch nicht. Alles war noch zu einer einzigen Landmasse vereint: Pangäa.

Unterhalb der langgestreckten Gebäuden der Uni, der Ozeandampfer, befindet sich der Botanische Garten mit seinen Schauhäusern, dem Wüsten-, Savannen- und Tropenhaus. Man kann an einem einzigen Ort durch die afrikanischen, amerikanischen, asiatischen und australischen Tropen schlendern, der Eintritt ist kostenlos. Es sind kaum Besucher da, jetzt unter der Woche.

 

Es ist eine schöne, verführerische Vorstellung: das Ruhrgebiet voller Palmen, wilder Feigenbäumen, Mangroven, Farnen, blühender Orchideen, tiefster Dschungel.

 

Tatsächlich wollte ich früher Dschungelerforscher werden, ich weiß nicht mehr, warum. Vielleicht weil ich Mogli und das Dschungelbuch liebte und zu viel Indiana Jones geschaut hatte. Vielleicht aber auch, weil ich im Sommer Geburtstag hatte und schon immer die tropischen Nächte mochte, die um meinen Geburtstag herum kamen. Ich spüre die Hitze im Tropenhaus, die Feuchtigkeit, eine Schildkröte sonnt sich auf den Steinen. Ich greife die Machete fester. Die Klinge liegt schwer in meiner Hand. Mit einem präzisen Hieb teile ich das dichte Geflecht aus herabhängenden Lianen, die mir den Weg versperren. Das Metall schneidet mühelos durchs saftige Grün. So naiv habe ich das mir als Kind immer vorgestellt.

Aber mit Dschungel hatten die Karbonwälder von einst wenig zu tun, sie waren zugleich mehr und weniger: Es gab keine einzige Blüte, keine Früchte, keine Kakaobohnen, Bananenstauden oder Kaffeesträucher. Die Wälder waren ein endloses, monotones Meer verschiedenen Grünpflanzen, meist Schuppenbäume, Schachtelhalme oder Farne. Als Geräusche gab es nur das Summen und Brummen gigantischer Insekten, meist Libellen, dem Wind in den Farnen und dem Platschen von Schlamm.

 

Wenn im Dschungel ein Baum umstürzt, wird er von Pilzen, Bakterien und Termiten innerhalb weniger Jahre zersetzt. Nicht so im Karbon: Die Natur hatte noch keine Mikroorganismen entwickelt, die den Holzstoff der damaligen Bäume abbauen konnten. Stürzte ein Baum um, blieb er einfach liegen. Die Wälder waren meterhoch mit unzersetztem, totem Pflanzenmaterial vollgestopft. Und so kam es, dass die Wälder im Moor versanken, mit Sand und Wasser überspült wurden und über Jahrmillionen hinweg komprimiert wurden, bis aus den Wäldern irgendwann Torf, aus Torf irgendwann Braunkohle und aus Braunkohle irgendwann Steinkohle wurde, reine Energie.

Das Ruhrgebiet muss ein paradiesischer, aber auch ziemlich unwirtlicher Ort gewesen sein. Den Menschen gab es noch lange nicht, der Homo sapiens existiert erst seit rund 300.000 Jahren. Selbst der berühmte Düsseldorfer Neandertaler, dessen Knochen man unweit von hier zwischen dem rheinischen Erkrath und Mettmann fand, lebte erst vor etwa 40.000 Jahren. Das ist nichts im Vergleich zur Kohle: Unter dem Druck der Jahrmillionen faltete sie sich hier zu einem gewaltigen unterirdischen Gebirge auf, das sich von den Niederlanden über Belgien bis nach Polen zieht. Nördlich der Lippe, tief unter dem Münsterland, taucht das Kohlegebirge in Tiefen von über 5.000 Metern ab. Erst jenseits des Ärmelkanals, im englischen Kent und den West Midlands, treten die Kohleschichten wieder an die Oberfläche.

Die Energie in der Tiefe ist nicht nur Teil der Erdgeschichte, es ist auch ein Bild dafür, dass man nicht nur an der Oberfläche herumkratzen sollte, darunter kann so einiges schlummern. Man ist im Ruhrgebiet sehr nah dran, an der Weltwerdung, in den Tiefenzeiten, in denen das Große und das Kleine, das Feuchte und das Trockene, das Warme und das Kalte, das Helle und das Dunkle noch unvermischt nebeneinanderstanden. Das Ruhrgebiet tritt nicht erst verspätet in die Geschichte ein, es ist von Anfang an da. Wenn es heute heißt, das Ruhrgebiet sei viel grüner, als man denkt, ist das kein neues Phänomen, sondern die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. In der Tiefe lagert das Grün von Jahrmillionen. Noch heute kann man im Bergbaumuseum in Bochum oder im Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein die Abdrücke der Pflanzen auf der Kohle sehen. Es sind die ersten Bewohner, Zeitzeugen einer Wildnis, die Äonen später den Rhythmus einer ganzen Industrieregion bestimmen sollte.