„Alle 15 Minuten muss ein Kind in Obhut genommen werden“
„Alle 15 Minuten muss ein Kind in Obhut genommen werden“
In Essen fehlen Schutzplätze für Kinder in Not – der Kinderschutzbund Essen schafft mit Unterstützung der Brost-Stiftung neue Perspektiven.
Die Zahlen sprechen eine erschütternde Sprache: Immer mehr Kinder in Deutschland müssen vorübergehend aus ihren Familien genommen werden, weil ihr Wohl gefährdet ist. Gewalt, Vernachlässigung, Missbrauch – das sind traurige Realitäten, denen Kinder tagtäglich ausgesetzt sind.
„2023 hat die Anzahl der Kindeswohlgefährdungen erneut einen Höchststand erreicht: mindestens 63.700 Fälle. Vor allem die dramatischen Fälle steigen deutlich an. Etwa alle 15 Minuten müssen die Jugendämter ein Kind wegen Kindeswohlgefährdung in Obhut nehmen“, erklärt Prof. Dr. Ulrich Spie, Vorstandsvorsitzender des Kinderschutzbundes Essen.
„Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 35.300 Kinder in Obhut genommen; allein in Essen waren es 600 Kinder.“
Wachsende Nachfrage trifft auf knappe Schutzplätze
Der Kinderschutzbund Essen begegnet dieser Herausforderung bereits seit vielen Jahren mit seinen beiden Kindernotaufnahmen „Spatzennest“ und „Kleine Spatzen”. Doch die Nachfrage steigt weiter drastisch:
„Weil die Fälle von Kindeswohlgefährdung seit Jahren ansteigen, verzeichnen wir beim Kinderschutzbund Essen vermehrt Anfragen nach Schutzplätzen. Im Jahr 2024 erreichten unsere beiden Notaufnahmen so viele Anfragen wie noch nie zuvor. 58 Kinder konnten aufgenommen werden; 428 Anfragen mussten wir wegen fehlender Kapazitäten ablehnen“, beschreibt Spie die dramatische Situation.
Warum ein neues Kinderschutzhaus dringend gebraucht wird
Ein zusätzliches Kinderschutzhaus soll Entlastung bringen – sowohl für die Kinder als auch für die bestehenden Einrichtungen.
„Sechs Monate sollen die Kinder höchstens bei uns bleiben“, sagt Prof. Dr. Spie.
„Aber die juristischen Verfahren, zum Beispiel wegen des Sorgerechts, werden immer komplexer und langwieriger. Und nicht zuletzt fehlen schlicht Anschlussperspektiven für die Unterbringung der Kinder, die wir in unseren Notaufnahmen in Obhut nehmen. Das hat zur Folge, dass viele Kinder länger als ein halbes Jahr im „Spatzennest“ oder bei den „Kleinen Spatzen“ leben. Deswegen haben wir die Initiative ergriffen und bauen ein neues Kinderschutzhaus.“
Das geplante Kinderschutzhaus wird gezielt auf langfristige Unterbringung ausgelegt sein und bietet Platz für 14 Kinder, die aus rechtlichen oder therapeutischen Gründen eine längerfristige stabile Betreuung benötigen.
Neue Perspektiven für Kinder und Entlastung der Notaufnahme
Mit dem neuen Kinderschutzhaus wird nicht nur eine Lücke im Hilfesystem geschlossen – es entstehen ganz neue Perspektiven für die betroffenen Kinder.
„Im neuen Kinderschutzhaus erhalten gefährdete Kinder den Schutz und die Hilfe, die sie für ein kindgerechtes und gewaltfreies Aufwachsen benötigen“, erläutert Spie.
„Zum Team qualifizierter Fachkräfte zählen Sozialarbeiter, Psychologen, Pädagogen und Therapeuten. Die Unterstützung wird den speziellen Bedürfnissen der Kinder gerecht: durch eine von vornherein langfristig angelegte Unterbringung und durch eine intensive traumapädagogische Betreuung. Durch eine langfristige Unterbringung im Kinderschutzhaus können Kinder eine stabile Umgebung erleben, die ihnen Kontinuität und Sicherheit bietet. Dies ist besonders wichtig für Kinder, die in instabilen oder gewalttätigen Familienverhältnissen aufgewachsen sind“, sagt Prof. Dr. Ulrich Spie.
Darüber hinaus soll die Zusammenarbeit mit den Familien weiter ausgebaut werden: „Ziel ist es, die Eltern dabei zu unterstützen, ihre Probleme zu bewältigen, ihre Erziehungsfähigkeiten zu verbessern und letztlich eine sichere und stabile Umgebung für ihre Kinder zu schaffen“, so Spie. „Sowohl eine Rückführung in die Ursprungsfamilie als auch die Weitervermittlung in andere Hilfesysteme, wie Pflegefamilie, Erziehungsstelle oder Wohngruppe, werden intensiv begleitet.“
Die Brost-Stiftung als Partner für gelebten Kinderschutz
Die Brost-Stiftung unterstützt den Neubau des Kinderschutzhauses als wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Kinderschutzstrukturen in Essen. Die geplante Einrichtung füllt eine konkrete Versorgungslücke und schafft verlässliche Perspektiven für Kinder, die längerfristig Schutz und Stabilität benötigen.
„Durch das zusätzliche Kinderschutzhaus werden außerdem Schutzplätze in unseren beiden Kindernotaufnahmen frei. Sie stehen dann künftig wieder, wie ursprünglich vorgesehen, für akute Notfälle zur Verfügung“, berichtet der Vorstandsvorsitzende der Kinderschutzbundes Essen.
Mit dem Baubeginn im Frühjahr 2025 und der Inbetriebnahme im Herbst 2026 trägt das Projekt dazu bei, betroffenen Kindern frühzeitig geeignete Hilfen zu bieten und bestehende Notaufnahmen zu entlasten. Die Stiftung begleitet das Vorhaben partnerschaftlich und setzt sich damit gezielt für bessere Rahmenbedingungen im Kinderschutz ein.