Reflexionen eines Metropolenschreibers im Juli
Eine Beitragsreihe aus dem Herzen des Ruhrgebiets
Vom Bilden einer breiten Koalition
Vor ein paar Wochen habe ich aus diesen Kolumnen, die im Laufe meines Jahres im Ruhrgebiet entstehen, im Literaturhaus Oberhausen gelesen. Vor dem Termin hatte mich eine gewisse Nervosität erfasst. Im Laufe der vergangenen Monate habe ich das Gefühl bekommen, das Ruhrgebiet besser kennenzulernen, doch mir ist auch klargeworden, dass ich wahrscheinlich nie eine wirkliche Insider-Perspektive auf das Leben hier bekommen werde, zumindest nicht innerhalb eines Jahres. Dazu muss man hier aufgewachsen sein, denke ich, oder ein paar Jahre hier gelebt haben. Mit meiner Außenperspektive kann ich zwar Impulse setzen und einen frischen Blick mitbringen, aber letztlich immer nur an der Oberfläche kratzen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr es mich genervt hat, wenn mir Leute während ihres einmonatigen Aufenthalts New York erklären wollten, als ich dort lebte, oder selbstbewusst lange, erklärende Artikel über das Leben dort veröffentlichen. Eine wesentliche Dimension des Alltagslebens an einem Ort erschließt sich erst, wenn man viele Zeit dort verbracht hat.
Doch der Abend in Oberhausen war letztlich eine große Freude für mich. Nicht, weil die Texte, die ich vortrug, kommentarlos abgenickt wurden, sondern weil sich echte Gespräche und Diskussionen ergaben, in denen eine Vielzahl von Positionen und Ansichten erkennbar wurden. Diese Gespräche nahmen ihren Anfang auf der Bühne, im Gespräch mit Hartmut Kawelke, entfalteten sich während der Publikumsdiskussion und gingen auch beim Abendessen nach der Veranstaltung weiter. Was meinem Eindruck nach alle Positionen einte, so unterschiedlich sie auch waren, war das Bewusstsein einer politischen Brisanz. Das Bewusstsein einer schon langanhaltenden fehlenden politischen Repräsentation vieler Bevölkerungsschichten, deren Folgen von Jahr zu Jahr dramatischer werden und sich in allen möglichen Facetten des Lebens im Ruhrgebiet zeigen, von der Überschuldung der Kommunen und dem damit einhergehenden Investitionsstau bis zur wachsenden Zustimmung für die extreme Rechte. Immer wieder mal, wenn ich im Laufe der vergangenen Monate, mit Menschen hier über Politik sprach, hatte ich den Eindruck, dass in dieser Hinsicht weitgehend Konsens besteht und dass nur wenige Menschen anderer Meinung sind, vor allem wenn sie sehr wohlhabend sind, das gesellschaftspolitische Mikroklima hier für sie also gut funktioniert. Doch an jenem Abend bestand zumindest in der grundlegenden Analyse Einigkeit, auch wenn die Lösungsansätze und die Sicht auf die Details unterschiedlich waren. Ich ging mit dem Gefühl nach Hause, dass es so etwas wie eine breite Koalition gab, über alle Parteizugehörigkeiten, politische Hintergründe und Schichtzugehörigkeiten hinweg. Es war ein gutes Gefühl.
Ich glaube, dass wir uns gerade an einem Wendepunkt unseres gesellschaftlichen Lebens befinden, an dem unser politisches Organisationssystem nicht mehr für die Mehrheit der Menschen funktioniert. Um zu verhindern, dass sich diese Situation weiter verschärft und von politischen Akteur*innen mit unlauteren Absichten zum eigenen Machtausbau und zur persönlichen Bereicherung ausgenutzt wird, braucht es genauso eine breite Koalition. Ob diese Akteur*innen nun politischen Hass verbreiten und aktiv daran arbeiten, die Funktionsweisen dieses Staates zu stören. Ob sie nun Gelder in Milliardenhöhe veruntreuen, die Untersuchungsberichte zu diesen Vorgängen schwärzen und von diesem Sachverhalt ablenken, indem sie gegen Bürgergeldempfänger*innen oder Migrant*innen hetzen. Ob sie das Hissen von Regenbogenflaggen und die damit verbundene gesellschaftliche Solidarität verhindern, da sie es für politisch nicht-neutral halten, wenn queere Menschen um ihre Existenz kämpfen und für ihre Menschenrechte auf die Straße gehen, auch wenn diese Rechte im Grundgesetz verankert sind. Ob sie auf dem ganzen politischen Spektrum eine Politik der Polarisierung und gesellschaftlichen Spaltung vorantreiben, die dafür sorgt, dass wir glauben, jeweils andere gesellschaftliche Gruppen hassen und zu Feinden erklären zu müssen.
Eine möglichst breite Koalition zu bilden, die sich tatsächlich für das Gemeinwohl einsetzt, an dem diese politischen Akteur*innen offensichtlich nicht interessiert sind, ist unsere einzige Möglichkeit, gegen diese Strategien der gesellschaftlichen Destabilisierung vorzugehen, die dafür sorgen, dass sich immer weniger Menschen politisch repräsentiert fühlen. Und ich habe den Eindruck, dass es tatsächlich möglich ist, diese Koalition zu bilden, und dass wir schon dabei sind, es zu tun. An jenem Abend in Oberhausen war das zumindest der Fall, auch wenn dort ein nervöser Autor Texte über das Ruhrgebiet las, obwohl er alles andere als ein Experte dafür ist. Ich werde noch lange an diesen Abend denken, weil ich etwas verspürte, das ich zurzeit viel zu wenig: Vertrauen in diese Welt und Hoffnung.