Nur keinen Streit vermeiden!
Der Weg zur Wahrheit führt nur über Auseinandersetzung. Aber die Philosophen Marie-Louisa Frick und Wolfram Eilenberger fordern im gesellschaftlichen Diskurs Regeln und Anstand ein
So schnell haben sich selten Thesen einer philosophischen Debatte in der Realität bestätigt...„Konstruktive Kontroverse: Muss Politik besser streiten?“ – zu dieser Frage hatten Professor Dr. Marie-Louisa Frick und Dr. Wolfram Eilenberger, der amtierende Stadtschreiber Ruhr der Brost-Stiftung, in einem moderierten Zweiergespräch bei der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP) kluge und eingängige Denkanstöße vermittelt. Dabei widmeten sich die beiden Philosophen über weite Strecken dem Phänomen der sozialen Netzwerke, die zur „intellektuellen Verflachung“ (Frick) der Streitkultur beitragen und gleichzeitig den öffentlichen Diskurs verhindern, indem sie den Andersdenkenden moralisch abqualifizieren und zur „Ächtung“ (Eilenberger) freigeben.
Am Tag danach sammelten sich Tausende Bauern zum Protest in Berlin, hier ein kleiner Auszug der Twitter-Beiträge:
„Interessant wie man unter dem Deckmantel #Bauernprotest gegen Großstädter und Verbraucher schießt. Also geht es nicht um Politik und Politiker, sondern um die scheiss Arschlöcher aus der Stadt! Danke für das Beleuchten.“
„Vielleicht sollten die Bauern lieber nicht die Arbeit schwänzen und tagelang auf subventionierten Traktoren subventionierten Diesel verschwenden. Nur um auf ihr angebliches Recht zu pochen Mensch und Umwelt zu vergiften und Tiere zu foltern.“
„Richtiges Streiten akzeptiert ein ‚sowohl als auch‘. Schlechtes Streiten leugnet hehre Absichten des Gegenübers. Eigene Vorurteile tun nicht weh, deshalb legt man sie auch so ungern ab!“
Professor Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie in seiner Begrüßung

Aber das Wesen der Auseinandersetzung habe sich in der modernen Gesellschaft nachhaltig verändert. „In der Nachkriegszeit gab es Sehnsucht nach Konsens“, führte Eilenberger aus. „Ziel jeden Streits war der Kompromiss. Heute erleben wir in Talkshows ein Absondern politischer Standpunkte, auf denen ohne Bemühen um Annäherung beharrt wird.“ Der aktuelle Stadtschreiber Ruhr weist aber gleichzeitig darauf hin, dass nicht jeder Streit durch Austausch von Fakten voran komme. „Ein Brexit-Gegner lässt sich nicht durch Argumente überzeugen, er rückt nicht von seiner Weltanschauung ab.“ Manche Debatte ende eben nach Austausch der Standpunkte. „Der Sinn von politischem Streit ist nicht die Überzeugung des Anderen, sondern Hilfe zur Meinungsbildung“, fügte Frick hinzu.
„Donald Trump streitet nie. Er nimmt Personen aus dem Spiel, grenzt sie aus, bevor Streit entsteht.“
Dr. Wolfram Eilenberger über den US-Präsidenten

Das habe auch zum Misstrauen gegen klassische Medien beigetragen, denen eine wichtige gesellschaftliche Rolle in der Mäßigung der öffentlichen Auseinandersetzung zukomme. Soziale Netzwerke, darin waren sich beide Philosophen einig, könnten Journalismus nicht ersetzen. Frick: „Aber sie können die klassischen Medien anspornen, besser zu werden.“
„Die relevante Frage für einen maßvollen Streit ist: Was kann ich tun, dass sich andere Menschen nicht von mir bedroht fühlen?“
Prof. Dr. Marie Louisa Frick

Eilenberger stellte am Ende die tatsächliche Bedrohung der Demokratie heraus, indem er auf historische Parallelen zum Beispiel in der Klimadebatte verwies: „Wenn der Überlebensbegriff in den Mittelpunkt des politischen Diskurses rückt, bedeutete das noch nie etwas Gutes für die Demokratie.“ Auch Frick warnte davor, die Werte der Gesellschaft in Frage zu stellen, weil man die Veränderung zum Besseren nicht mehr für möglich hält: „Rechtsstaat, Wohlstand und Aufklärung müssen abgesichert werden.“
Der wohl klügste Satz des Abends stammte von einem Philosophen, der nicht selber auf dem Podium saß. Eilenberger zitierte Professor Hans-Georg Gadamer (1900-2002), den er als junger Mensch mit der Frage konfrontierte, ob es nicht schnellere Lösungen in drängenden Zukunftsfragen brauchte. Gadamers Antwort: „Gibt es schnellere Lösungen als vernünftige?“ Selten war ein kluger Gedanke wertvoller für die aktuelle gesellschaftliche Debatte.
Fotos: copyright BAPP / Günther Ortmann