Der andere Blick im Juli: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet
Jesus Irsula über seinen Blick auf die Region
Ein kubanischer Germanist, der in den Siebziger- und Neunzigerjahren sein Diplom und sein Doktorat in Leipzig absolvierte, kommt ins Ruhrgebiet nach Nordrhein-Westfalen und nimmt sich vor, das mit 5,2 Millionen Einwohnern größte geschlossene Siedlungsgebiet Deutschlands zu erkunden.
Allein die Bezeichnung Ruhrgebiet assoziiert die Gegend mit dem Fluss Ruhr, der Richtung Westen in den Rhein fließt. Die Ruhr ist der Kern einer wunderbaren Landschaft und eine Wasserstraße, die die vier Großstädte Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund, die jeweils rund eine halbe Million Einwohner zählen, zusammenhält. Sie liegen so nah beieinander, dass Geographen leicht auf die Idee kommen, sie in eine einheitliche Metropole zu verwandeln. Dies wurde zeitweilig umgesetzt, als das Ruhrgebiet 2010 als „Metropole Ruhr“ mit dem Zentrum Essen Kulturhauptstadt Europas wurde. Die Ruhr war auch der Grund, warum der „Ruhrpott“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer riesigen Industrieregion zusammenwachsen konnte. Inzwischen spielt die Schwerindustrie jedoch nicht mehr die Hauptrolle.
Ehemalige Industrieanlagen wie Zechen, Gasometer und Stahlwerke sind heute Sehenswürdigkeiten anderer Art. Sie sind Teil des industriellen Erbes und werden in der Gegenwart für kulturelle Zwecke genutzt. Somit ist ein Teil der Schwerindustrie des Ruhrgebiets in den Bereich der Kulturindustrie übergegangen. „Der andere Blick“ recherchiert diese Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Bewohner literarisch. Der Fokus liegt darauf, die Gefühle von ehemaligen Industriearbeitern und ihren Nachkommen einzufangen sowie den Familienalltag an der Ruhr literarisch zu dokumentieren.
Zu berücksichtigen ist der vorhandene soziale, kulturelle und wirtschaftliche Rahmen, in dem Themen wie Industriekultur, Kreativität, Strukturwandel, Bildung, technische Innovationen, aber auch Probleme wie Arbeitslosigkeit, Verlust des Zugehörigkeitsgefühls und der Kampf um den Erhalt des architektonischen Erbes aus der industriellen Zeit von Interesse sind. Zur Untersuchung gehört auch ein Vergleich mit ähnlichen Umwandlungsprozessen in der Welt und im Heimatland des Autors. Im Fall Kubas ist der Zusammenbruch der Zuckerindustrie vergleichbar, die zur gleichen Zeit wie die Schwerindustrie im Ruhrgebiet auf der Insel blühte und leider bis heute nicht gerettet werden konnte. Zweifelsohne ist die Harmonisierung von Industrie, Umwelt, Bausubstanz, Erholung und Kultur erstrebenswert.
Die Ergebnisse der Recherchen, der Besuche von Einrichtungen, der Interviews mit Menschen aus dem Ruhrgebiet sowie die poetischen Inspirationen des Autors sollen in einem Buch zusammengefasst werden. Die Texte werden von einer Auswahl von Bildern und Fotos des kubanischen bildenden Künstlers Arian Irsula begleitet. Er schafft eine künstlerische Gestaltung des Ruhrgebiets, die von identischen Objekten der soziokulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 200 Jahre inspiriert ist. Die Werke werden sowohl in einem Katalog als auch in einer Ausstellung präsentiert. Vater und Sohn erkunden das Ruhrgebiet literarisch und künstlerisch mit einem eigenen Blick. Dieser andere Blick ist authentisch, aber nicht fremd, denn beide sind mit Deutschland und seiner Kultur identifiziert.
Arian Irsula über seine fotografische Reise ins Unsichtbare des Ruhrgebiets
Von der rauen Schönheit und der tiefen Geschichte des Ruhrgebiets inspiriert, wirft das künstlerische Projekt „Der andere Blick” einen neuen, ungewohnten Blick auf eine der prägendsten Regionen Deutschlands.
Zentrales Element ist eine Installation, die mikroskopische und makroskopische Fotografien miteinander verbindet. Zu sehen sind Aufnahmen von Materialien, Strukturen und Oberflächen, die sinnbildlich für Kultur, Wandel und Identität des sogenannten Ruhrpotts stehen. Ergänzt wird die Arbeit durch physische Fundstücke und eigens geschaffene Bildwerke des Künstlers.
Was auf den ersten Blick wie abstrakte Kunst erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als visuelles Archiv regionaler Geschichte, das durch spezielle Objektive eingefangen wurde und Verborgenes sichtbar macht. Das Ziel besteht darin, ein Kunstbuch zu gestalten, das als visuelle Landkarte dient: ein Verzeichnis von Städten und Dörfern des Ruhrgebiets, die jeweils durch mikroskopische Aufnahmen symbolträchtiger Materialien porträtiert werden – Spuren der Vergangenheit, verdichtete Erinnerungen, gespeicherte Identität.
Die Auswahl der Motive basiert auf intensiver Recherche, persönlichen Eindrücken und Gesprächen mit Bewohnerinnen und Bewohnern – eine künstlerische Annäherung, die Wissenschaft, Geschichte und Empathie miteinander verbindet.
Technik und Vision
Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt sich der Künstler Arian Irsula mit der Frage, wie sich utopische Bildwelten aus realen Strukturen erschaffen lassen. Ausgangspunkt ist die Serie „Baumeister der Welten” (2015), in der mithilfe von Mikro- und Makrofotografie, Kartografie, Kosmologie und Geografie neue Formen des Sehens entwickelt wurden. Der andere Blick knüpft an diese Bildsprache an und entwickelt sie weiter.
Durch verschiedenste experimentelle Techniken entstehen Oberflächen und Strukturen, die an Satellitenbilder, Planetenlandschaften oder fiktive Karten erinnern. Beispiele hierfür sind fraktale Muster, chemische Reaktionen und zersetzte Materialien. Der Maßstab verschwimmt. Was im Mikroskop sichtbar wird, kann wie ein Luftbild wirken. Was klein und vergänglich scheint, offenbart sich als universelle Formensprache.
So ergibt sich eine neue Perspektive auf das Ruhrgebiet – nicht als industrieller Ballungsraum, sondern als lebendige, vielschichtige Landschaft voller verborgener Schönheit. Dieser andere Blick lädt dazu ein, Bekanntes neu zu sehen und Unsichtbares zu entdecken.