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„Zukunft kommt von Zuversicht“

©Anne Hufnagl_20261014_Late Night Briefing Live Duesseldorf Hendrik Wuest

„Zukunft kommt von Zuversicht“

The Pioneer Late Night Briefing mit Hendrik Wüst

Wenn politische Analyse auf Unterhaltung trifft, dann ist es Zeit für das „The Pioneer Late Night Briefing“. Vor ausverkauftem Haus fand am 14. Oktober 2026 in den Düsseldorfer Rheinterrassen eine neue Ausgabe des Live-Journalismusformats statt. Mit abwechslungsreichen Beiträgen und viel Ausdauer brachen Gabor Steingart und seine Gäste eine Lanze für lebendige Demokratie, für Politik im ehrlichen Dialog – und für Zuversicht als Gegenpol zu den aktuellen Schwierigkeiten in unserem Land, in der Welt.

Mit von der Partie war erneut NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, durch den Abend führten The Pioneer-Urgestein Chelsea Spieker sowie Journalist und Moderator Jörg Thadeusz. Musikalisch begleitet und aufgelockert wurde der Abend routiniert von der dreiköpfigen Pioneer Band. Bereits im dritten Jahr unterstützt die Brost-Stiftung die Veranstaltungsreihe im Rahmen ihres Förderschwerpunkts Qualitätsjournalismus. Ziel der Förderung ist es, die Begegnungen zwischen Bürgern und Journalisten zu fördern und zur Kultivierung des demokratischen und pluralistischen Diskurses beizutragen.

Humor und Kritik im Late Show-Stil

Zum Auftakt nahm The Pioneer-Gründer Gabor Steingart im Stil einer Late Show die politische und wirtschaftliche Lage in den Blick. Seine Kommentare verbanden Kritik mit Humor: „Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt hinter den USA und China. Wie konnte das passieren? Trotz sieben Jahren politischer Stagnation? Ganz einfach: Die anderen haben auch Probleme.“

Auch mit Blick auf die politischen Entwicklungen in Ostdeutschland setzte Steingart auf Beruhigung. Für die Regierungsbildung zähle – mehr noch als das Wahlergebnis – die Fähigkeit, Partner zu gewinnen: „Man wird nicht Kanzler, weil man viele Stimmen kriegt. Man wird Kanzler, weil man anschlussfähig ist an eine andere Partei.“ Und weiter: „Düsseldorf und Berlin sind nicht die Vororte von Weimar.“

Toleranz sei dabei – und nicht nur im politischen Diskurs – ein wichtiges Gut, betonte Steingart. Tatsächlich gehe ihm der Begriff gar nicht weit genug. „Toleranz ist ein zu niedliches Wort. Dass jemand aufsteht und eine andere Meinung hat, ist der zentrale Fortschrittsmotor in unserer Gesellschaft. Wir sollten andere Meinungen deshalb nicht nur tolerieren, sondern zelebrieren.“

„Sagen, was man tut, und tun, was man sagt“

Um Vertrauen im politischen Alltag, um gute Zusammenarbeit und seinen Führungsstil ging es im Interview mit NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. „Wir sprechen seit Jahren über ein immer poröser werdendes Vertrauen. Wie schafft man es als Politiker, überhaupt Vertrauen aufzubauen?“, fragte Pioneer-Journalistin Alev Doğan. Wüsts simple Antwort: „Sagen, was man tut, und tun, was man sagt.“

Für Wüst gehört dazu eine offene Führungskultur, die vom Dialog geprägt ist. In einer komplexen Welt brauche es die Bereitschaft, andere Einschätzungen anzuhören und eigene Positionen zu überprüfen. „Ich muss ja nicht das tun, was andere Leute sagen. Aber zu glauben, dass ich zu jedem Thema […] der Schlauste bin, ist doch ein bisschen verwegen.“ Es geschehe eigentlich jeden Tag, dass er mit jemandem spreche und sich dadurch seine Meinung ändere, berichtete der Ministerpräsident.

Plädoyer für kooperative Zusammenarbeit – auch in Berlin

Auf die Frage nach seiner gesellschaftlichen Verankerung verwies Wüst zunächst auf die Begegnungen mit den Menschen im Land: „Ich mag Menschen einfach gerne. […] Das große Glück ist, dass es in Nordrhein-Westfalen so unglaublich viele unterschiedliche davon gibt.“ Es mache ihm Freude, mit all diesen Menschen zusammenzukommen und ihnen zuzuhören. Und wenn es mal Ärger gibt? Frust rund um alle fachlichen Fragen könne er jederzeit bei seinen Ministern „abladen“, lobte Wüst sein Kabinett. Und für persönlichen Ärger habe seine Frau ein offenes Ohr. „Die Definition von Einsamkeit ist, dass man keinen Menschen hat, mit dem man seine Sorgen teilen kann. Ich bin so froh, dass ich solche Menschen habe.“

Mit Blick auf Berlin riet der Ministerpräsident abschließend: „Wir sollten in den politischen Betrieb in Berlin laut und fröhlich reinrufen: Reißt euch am Riemen! In einer Regierung kriegen Sie nichts übereinander, wenn man nicht kooperativ und professionell zusammenarbeitet.“ Zudem erinnerte Wüst an die politische Verantwortung der Abgeordneten: „Wir sind in Verantwortung gewählt worden. Wir haben uns beworben, das zu tun, […] also arbeitet doch entsprechend.“

Gemeinschaft statt extremer Selbstoptimierung

Einen kritischen Akzent setzte anschließend Autorin Diana Kinnert mit ihrem Essay zum Longevity-Trend. Angelehnt an ihr aktuelles Buch „Die Achtsamkeitsfalle: Angriff auf Körper, Geist und Seele“ beschrieb sie, wie das übersteigerte Streben nach Gesundheit und einem langen Leben in Stress, Erschöpfung und Isolation umschlagen könne.

„All das führt zu einer Kultur, die längst eine politische Kultur geworden ist – eine Kultur von Einsamkeit und Isolation, von permanenter Überwachung, von Kontrolle“, sagte sie. Wo Selbstoptimierung den Alltag beherrsche, fehle Zeit für Nachbarschaft, Gemeinschaftssport oder ehrenamtliches Engagement. Damit berührte ihr Beitrag eine zentrale Frage des Abends: Wie bleibt eine Gesellschaft miteinander verbunden?

Zum Abschluss gab Gabor Steingart dem Publikum einen Gedanken mit, der über den Abend hinauswies: Wer hinter den Worten anderer deren Bedürfnisse und Beweggründe erkenne, schaffe die Voraussetzung für Verständigung. Sein Schlusswort war zugleich eine Einladung, die Gegenwart aktiv mitzugestalten: „Die Zuversicht ist kein naiver Optimismus, es ist die schlichte Erkenntnis, dass das unsere Zeit ist. Denn eine andere Zeit ist uns nicht gegeben.“