Die Nacht von Sevilla – Fußballdrama in 5 Akten
Die Nacht von Sevilla – Fußballdrama in 5 Akten
War es ein Theaterabend im Zeichen des Fußballs – oder ein Fußballabend im Zeichen des Theaters?
In jedem Fall war es ein Abend der großen Emotionen. Und ganz gleich ob Anzug, Freizeithemd oder Fußball-Trikot – jede Garderobe hatte am 31. Mai im Grillo-Theater ihre Berechtigung. Denn mit dem durch die Brost-Stiftung geförderten Dokumentartheater „Die Nacht von Sevilla“ von Manuel Neukirchner verwandelte sich das Essener Schauspielhaus für einen Abend in ein Fußballstadion.
„Die Nacht von Sevilla überträgt Sportgeschichte in einen kulturellen Kontext und schafft so Räume für gesellschaftlichen Dialog im Ruhrgebiet“, fasst Prof. Bodo Hombach, Vorstandsvorsitzender der Brost-Stiftung, zusammen. „Mit der Förderung des Projekts unterstützen wir diesen Dialog und tragen dazu bei, ein prägendes Ereignis der Geschichte für ein breites Publikum zugänglich zu machen.“
Nach dem großen Erfolg der Inszenierung im Jahr 2024 brachten die Brost-Stiftung sowie die DFB-Stiftung Deutsches Fußballmuseum den legendären Fußballkrimi nun, pünktlich zur WM 2026, erneut auf die Bühne zurück.
Peter Lohmeyer in Höchstform
Eine kreisrunde Leinwand, leuchtende Anzeigetafeln für die Spielstände, ein Tisch mit reichlich Mikrofonen, dazu authentische Stadionklänge. Mehr Kulisse brauchte es nicht, um das Publikum für rund 90 Minuten mitzunehmen nach Sevilla – zu jenem legendären WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich im Juli 1982, das Fußballgeschichte schrieb und die deutsch-französische Freundschaft für ein paar Wochen außer Kraft setzte.
Rund 50 Personen kamen auf der Bühne zu Wort – Spieler, Trainer, Betreuer, selbst politische Beobachter. Verkörpert wurden sie allesamt von Schauspieler und Fußballfan Peter Lohmeyer. Mit großer Detailarbeit hatte dieser zuvor Dialekte und Sprechweisen der damaligen Protagonisten rekonstruiert und einstudiert. So verlieh er jeder Figur eine eigene sprachliche Identität und erzählte das Spiel nicht nur nach, sondern machte es neu erfahrbar. Sämtliche Dialoge und Monologe stammen übrigens aus Autobiografien, Interviews, Dokumentationen, Zeitungsberichten, Fernsehübertragungen sowie aus Gesprächen des Autors mit den Menschen selbst.
„Sobald du aus der Kabine rauskommst, hast du dein Superman-Trikot an – alles andere hat das Publikum nicht zu interessieren. Du darfst deine privaten Themen nicht mit auf den Platz nehmen, sonst bist du kein Profi.“
— Toni Schumacher
Hochspannung und große Emotionen
Brilliant und ungeheuer nahbar ließ Lohmeyer das Publikum an diesem spannenden Spiel teilhaben, das Neukirchner als „Blaupause für ein Drama in 5 Akten“ beschreibt: an der Nervosität beider Mannschaften vor dem Spiel, den nervenaufreibenden Ereignissen auf dem Platz, dem schrecklichen Zusammenprall von Torwart Toni Schumacher und dem französischen Stürmer Patrick Battiston, an der an Spannung nicht zu überbietenden Verlängerung und dem anschließenden Elfmeterschießen – übrigens dem ersten Elfmeterschießen jemals in einer Fußballweltmeisterschaft. Die Zuschauer wurden in das Geschehen förmlich hineingesaugt und fühlten sich, als stünden sie selbst an jenem schwülen Abend im Sommer 1982 auf dem Rasen im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán von Sevilla.
Eindrucksvoll erklangen auch die Pressestimmen aus beiden Ländern, die im Nachgang des Spiels veröffentlicht wurden. Insbesondere Kriegsanalogien seitens der Franzosen machten deutlich, welch große Emotionen das Spiel hervorgebracht hatte und welch hohe Wellen es noch Jahre später schlagen würde.
„Ich war total übermotiviert“
Eine besondere Rolle übernahm Toni Schumacher selbst: Als prägende Figur des damaligen Spiels sprach er sein Resümee als Schlussmonolog und setzte damit einen eindrucksvollen persönlichen Akzent. „Ich war total übermotiviert, um dieses Spiel zu gewinnen“, so Schumacher. „Ob ich aus einem Zweikampf heil rauskomme, darüber habe ich nie nachgedacht. Hauptsache: kein Tor! […] Nie hatte ich die Absicht, Patrick zu verletzen.“
Und weiter: „Ich war nie der Unmensch, zu dem ich nach diesem Spiel gemacht wurde. […] Bei einer Umfrage in Frankreich nach den schlimmsten Deutschen landete ich auf Platz 1 – noch vor Adolf Hitler.“ In der anschließenden Podiumsdiskussion im Café Central fügte Schumacher hinzu: „Ich hoffe, dass ich viele Leute überzeugt habe, dass ich gar kein so schlimmer Mensch bin.“
„Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“
— Jean-Paul Sartre
„Viel Theater in diesem Spiel“
„Es stand in keiner Relation, wie die Franzosen Toni beschimpft haben“, bekräftigte auch Ex-Nationalspieler Pierre Littbarski, der ebenfalls im Grillo-Theater zu Gast war. 1982 schoss er Deutschland in der 17. Minute zum 1:0 und landete zudem einen Treffer im Elfmeterschießen.
„Fasziniert hat mich an dem Stück, wie die Leute nicht nur einen Spielkommentar kriegen, sondern auch einen Eindruck, wie die Gefühle dabei waren. Wir Fußballer sind ja nicht diese Maschinen, die Geld bekommen und dann abliefern – wir erleben auch unsere Höhen und Tiefen. Es war ein wirklich außergewöhnliches Spiel. Da war schon so viel Theater drin – ich hätte nicht gedacht, dass daraus auch noch ein Theater gemacht würde.“
Mit der Verbindung zwischen Fußball und Theater beschäftigte sich auch Peter Lohmeyer auf dem Podium: „Während der Ausgang auf dem Fußballplatz bis zum Ende offen ist, ist das Ende im Theater ja klar. Darum ist es als Schauspieler unsere Aufgabe, jedes Mal so zu spielen, als wäre es das erste Mal. So bleibt die Spannung auch auf der Bühne bis zum Ende.“
Ob es aus seiner Feder weitere Stücke dieser Art geben werde? „Nein“, betonte Manuel Neukirchner, „dieses Stück ist einmalig. Es gibt kein vergleichbares Spiel, um daraus ein weiteres Theaterstück zu machen.“ Zudem habe er als Direktor des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund schließlich noch genügend weitere Aufgaben, so der Autor.
Alle Fotos: "Nacht von Sevilla" - Schauspielhaus Bochum © Carsten Kobow