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Der andere Blick im August: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet

Ein kubanischer Germanist und ein bildender Künstler begeben sich auf eine faszinierende Spurensuche durchs Ruhrgebiet

Ein Beitrag von Jesus Irsula - Udo Lindenberg und das Ruhrgebiet

Hatte ich mich kaum in meinem Wohnstift in Uhlenhorst eingelebt, erhielt ich eine Einladung für eine Vernissage von Udo Lindenberg in der Ludwiggalerie, Schloss Oberhausen, mit dem Titel „Kometenhaft panisch – Likörelle, Udogramme, nackte Akte & viel mehr“. Nicht nur, dass der Name mir etwas sagt. Es ist viel mehr. Es ist karibisches Meer, Kuba, Jesus und Udo in dem ikonischen Hotel Nacional, Hochburg der Mafia in den 50er Jahren und Bleibe der wichtigsten Persönlichkeiten; Präsidenten und Weltstars, die die karibische Insel besuchen; es ist eine bald 30-jährige Freundschaft mit Udo. Mit dem Namen Udo Lindenberg und seiner Musik war ich schon in den 1970er Jahren vertraut, als ich in der DDR in Leipzig Germanistik studierte. Trotz der Mauer konnte man Westfernsehen schauen, und das taten die Studenten auch gerne. Jahrzehnte später in meiner Heimat zurück – die Mauer war gefallen. Inzwischen hatte ich in einem 2. längeren Aufenthalt in Leipzig promoviert.  Nach dem Studium der Germanistik und neben einer Professur an der Universität in Havanna betreute ich als Dolmetscher und Führungskraft der UNEAC (Schriftsteller- und Künstlerverband Kubas) deutschsprachige Politiker und Persönlichkeiten, die nach Havanna kamen.   Das erste Treffen mit Udo war im Rahmen des Internationalen Filmfestivals Havanna (Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano) Mitte der 90er Jahre. Wir wurden vorgestellt von seinem „kulturpolitischen Agenten“, Michel Gaissmaier, der auch Berater und Wahlkampfhelfer von Willy Brandt war, und Udo 1983 zu seinem legendären Konzert im Palast der Republik nach Ost-Berlin brachte. Kuba, die exotische sozialistische Insel von Che Guevara und Fidel Castro, war dann an der Reihe. Am 22. Januar 2025 ist Michel Gaissmeier im Alter von 88 Jahren verstorben. Udo schrieb in die Kondolenz: „Thanx for all – Love Michel.  Hinterm Horizont geht’s weiter.“ Ich habe auch Michel Gaissmaier zu danken für diese langjährige enge Freundschaft mit Udo, die sich mit und ohne Zigarren in Havanna und Hamburg, zwischen dem Hotel Nacional und dem Hamburger Atlantic abspielte und ich hoffe, sich weiter abspielen wird.

Ich muss eingangs sagen, dass die Ausstellung im Ruhrgebiet eine Würdigung des Lebenswerks von Udo Lindenberg ist und zugleich ein Dank und eine verdiente Hommage seiner Ruhrpottsfans für seine Treue und sein Zugehörigkeitsgefühl zum Revier über sein ganzes Leben hinweg. Die Ausstellung und der Auftritt von Udo Lindenberg am 26. Juni 2025 im Innenhof des Schlosses Oberhausen waren die Initialzündung für das Kapitel „Udo Lindenberg und das Ruhrgebiet“ im Rahmen meines literarischen Projektes bei der Brost-Stiftung „Der andere Blick“. Udo sang live, begleitet von Jean‑Jacques Kravetz am Klavier – vor rund 450 Gästen – und streifte zwischen den Songs, Passagen aus den Revierstationen in seinen jüngeren Jahren. Als ich ihm im Publikum im Schloss Oberhausen zuhörte, merkte ich, wie tief die Kulturszene und die Lebensgeschichten der einfachen Leute des Ruhrgebietes zwischen Zechen, Kiosken und Kanälen ihn berührten. Einiges wusste ich nicht. Ich musste recherchieren. Heutzutage ist so etwas möglich, dennoch gibt es mehrere Blicke, mehrere Versionen, und man muss entscheiden, was man schreibt. Also ich bin immer noch dabei, die Verbindung, die Wirkung und die Stationen von Udo Lindenberg im Ruhrgebiet zu vertiefen. Vielleicht gelingt es mir bei einem Mojito im Hotel Atlantic, ihm persönlich ein paar Fragen zu stellen.

Udo Lindenberg wurde am 17. Mai 1946 in Gronau (Westfalen) geboren – ein Ort, der zwar formal nicht zum Ruhrgebiet gehört, aber geografisch und kulturell nah dran liegt. Diese Grenzlage sorgte dafür, dass Udo sich schon früh von der Arbeiterkultur, der Kneipenlandschaft, dem Milieu der Malocher und der Musikszene des Ruhrpotts angezogen fühlte. In den 60er Jahren kam er ins Ruhrgebiet und lebte in der Mainstraße 43 in Duisburg Ruhrort. Die Wohnung war in der Nähe des Hafens und man erzählt, sie gehörte einer Witwe, die Mann und Sohn während des Krieges verloren hatte. Dort übte er intensiv Schlagzeug, hörte Jazzplatten und träumte von der großen Bühne. Über seinen Aufenthalt in Revier sagte Udo im Gespräch mit Frank Grieger vor der Eröffnung der Ausstellung in Oberhausen: „Mein Herz schlägt im RuhrgeBEAT, weißt du doch…“ mit 16 bin ich durch Duisburg gestreunt, über die Kohlenhalden bis zu Tante Olga im Ruhrort, (das war der Live – Musik Laden damals). War dort am Konservatorium, auch viel in Mühlheim und Gelsenkirchen unterwegs“. Der erwähnte Laden wurde von Udo scherzhaft als „St. Pauli im Pott“ umgetauft. Die Kneipe war damals unter dem Namen „Zur Krone“ bekannt und gehörte zu den markanten Treffpunkten der Beat- und Rockkultur in den 1960er Jahren. Apropos Konservatorium: Es handelte sich um das Konservatorium in Duisburg, das in den 60er Jahren Teil der Folkwang Universität der Künste war. Als sich Udo damals für ein Musikstudium bewarb, bemängelten die Aufnahmeprüfer „nur geringe Grundkenntnisse in Musiklehre“ und erklärten sein Gehör für nur „insgesamt befriedigend“.  Bei der Kneipe von Tante Olga lernte er den Schlagersänger Benny Quick kennen, bekannt als „Motorbiene“. Genau dort fragte er ihn, ob Popstar ein geiler Beruf sei. Benny Quick antwortete sinngemäß, dass man damit „Millionen verdient, lange Autos fährt und viele Frauen hat“. Es war eine Begegnung, die Udo nachhaltig inspirierte. Für den jungen Lindenberg war Benny Quick die Referenz des Erfolgs, Glamour und Pop-Leben.

Nach einem Jahr im Konservatorium von Duisburg, wo er sich mit dem Schlagzeug vertraut macht, bricht er die klassische Ausbildung ab und entscheidet sich für die „Straßenschule des Rock ’n’ Roll“.  Udo dazu: „Ich war mehr an Jazzklubs interessiert als an Theorieunterricht“.  So begannen seine Auftritte als Schlagzeuger mit Bands: „The Roadrunners“, „City Preachers“, „Free Orbit“, und „Passport“: Klaus Doldingers Jazzrockband, der ihn nach München einlädt.   

Ab 1971 wechselt Udo vom Schlagzeuger zum Sänger. Das erste Album „Lindenberg“, mit Steffi am Bass erscheint in August dieses Jahres. Hier singt Udo in englischer Sprache, was das übliche in dieser Zeit war- Ich weiß es aus eigener Erfahrung der siebziger Jahre in Leipzig - Deutsche Rockgruppen im Osten wie im Westen haben mit wenigen Ausnahmen Englisch gesungen. In Mai 1972 kam Udos erstes deutschsprachige Album „Daumen im Wind“. Udo singt Deutsch. Werner Grunemeyer sagte dazu: „Udo hat den Weg freigemacht – plötzlich war deutschsprachige Musik nicht mehr peinlich.“ Am 19. August 1973 wurde im westfälischen Münster das Panikorchester gegründet, mit Udo Lindenberg als Sänger. Sie spielten deutschsprachigen Rock ’n’ Roll. Im selben Jahr, am 15. Dezember kam das Erfolgsalbum „Alles klar auf der Andrea Doria“ heraus und bringt den Durchbruch für Udo und das Panikorchester. Im selben Jahr kommt der Song „Mädchen aus Ost- Berlin“. Ich war im Sommer 1973 auf den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Berlin und kannte die Problematik der deutsch-deutschen Grenze sehr gut.   

Im Laufe des Jahres 1974 geben Udo und das Panikorchester einige Konzerte. Udo kehrt ins Ruhrgebiet zurück im Rahmen des German Rock Festivals und spielt in der Dortmunder Westfalenhalle und in Bochum in der Ruhrlandhalle. Der Udo der 60er Jahren kommt in seine „Heimat auf Zeitnun als ein gefeierter Musiker zurück. 1982 kommt er wieder nach Bochum tritt im Rahmen des Konzertes „Künstler für den Frieden auf.  Auch Konzerte in Essen, Oberhausen und Gelsenkirchen sind als Udos Auftrittsorte, aufgelistet. Seine Revierfans empfingen ihn mit Begeisterung.  Es war wichtig für ihn, für sein frühes Publikum im Ruhrgebiet aufzutreten. Der kurze Aufenthalt in Duisburg in den 60er Jahren hatte ihm neue Blickwinkel auf das Pottleben, die Kultur und das soziale Milieu gegeben. Udo: „Im Pott habe ich meine ersten echten Konzerte gespielt, wo die Leute gejubelt haben, weil sie verstanden haben, was ich meine.“ Im Gegensatz oder sogar als Antwort auf die Bewertung des Duisburger Konservatoriums hatte sich bei ihm ein feines Gehör für authentische Sprache, für den Sound des Alltags mit allen sozialen Schwierigkeiten und Träumen der einfachen Menschen entwickelt:Im Pott habe ich gelernt, wie man geradeaus redet und trotzdem poetisch bleibt.“ Im Jahre 1975, als ich zum Studium nach Leipzig kam, entstand im Album „Votan Wahnwitzder Song „Der Malocher“, – im Text der Malocher aus dem Ruhrgebiet der durch Udos frühe Zeit in Duisburg inspiriert wurde. Die Figur des Malochers steht symbolisch für die Menschen im Ruhrgebiet, die Lindenberg in seinen jungen Jahren bei seinen Begegnungen mit der Stadt und ihren Leuten beobachtete. Das Ruhrgebiet wurde bis in die Gegenwart immer wieder in seine Tourneepläne aufgenommen: 1981 – Essen “Udopia“ Tour in der Grugahalle, 1993 – Bochum Ruhrkongress, 2000 – Duisburg, Dortmund, Oberhausen, 2003 – Oberhausen – König-Pilsener-Arena, 2008 – Dortmund Westfalenhalle und in den letzten Jahren vor Corona: 2016 – „Keine Panik“ Tour mit Stopp in Oberhausen, 2019 – Dortmund Udo Lindenberg liveund 2022Udopium Live in der Westfalenhalle Dortmund. Immer wieder erzählte er die Anekdoten von Tante Olga. Fünfzig Jahre später sind die gleichen Gefühle bei Udo Lindenberg zum Revier geblieben: Ein gutes Stück meines Herzens blieb natürlich hier. „Dieser Ruhrpott-Klartext, charmant (aber auch schön direkt), und das kumpelmäßige Miteinanderumgehen haben mich beeindruckt und ganz bestimmt auch geprägt.“Udo Lindenberg. 

Nun komme ich zum letzten Punkt meiner Lektüren zu Udo Lindenberg im Ruhrgebiet. Die Ausstellung „Kometenhaft Panisch“ in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen ist eine Retrospektive seines künstlerischen Schaffens und seiner kritischen Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Themen. „Die Ausstellung hebt nicht nur Lindenbergs Malerei, sondern auch seine Musik und sein Engagement für das Ruhrgebiet hervor.“ Im Kleinen Schloss wird die musikalische Biografie Lindenbergs präsentiert, auf die ich mich in diesem Schreiben bezogen habe – von seinen Anfängen als Schlagzeuger hin zu seinem Hit „Komet“ mit Apache207 aus dem Jahr 2023. Das Udoversum exponiert Likörelle, Udogramme, Comics und Cartoons sowie frühe Zeichnungen und Skizzen, um die Entwicklung seines authentischen Stils nachzuvollziehen. Die bildnerische Seite Udos ist eine optimale Ergänzung zu seinem musikalischen Werk. Das Malen und Zeichnen macht ihm nicht nur Spaß, sie ermöglichen ihm, zum Beispiel seine Udogramme – eine Mischung aus Karikatur, Comic und Popart –, seinen Humor, den Humor seiner Liedtexte bildlich umzusetzen. Sie erleichtern den Kontakt, die Beziehung mit seinen Fans und Freunden. Ein Stift, eine freie Fläche, ein Plakat, ein Stück Papier, selbst eine Serviette oder ein Untersetzer, reichen aus, damit Udo ein Stück Udo weitergeben kann, das sich in Herzen, in einem Wohn- oder Arbeitszimmer verewigt. Mein Sohn Arian und ich besitzen mehrere Udogramme aus unseren vielen Begegnungen mit Udo in der Karibik und in Europa.   

Es gibt genügend Argumente, Udo Lindenberg und sein Werk als Teil der Kulturgeschichte des Ruhrgebietes zu betrachten. Das sagt nicht nur der fremde Germanist aus Kuba, daher beende ich diese Überlegungen zu Udo Lindenberg im Ruhrgebiet mit einem Zitat von Prof. Bodo Hombach bei der Eröffnung der Ausstellung in Oberhausen: Wir erleben ein Gesamtkunstwerk. Mensch und Ort haben sich gefunden. Nicht Gesäusel – Klartext statt Krawatte. Ort mit Geschichte – Mann mit Eigenschaften. Immer geradeaus. Immer mit Herz. Immer mit Augenzwinkern. Nicht aus dem Pott aber Bruder im Geiste. Gronau im südlichen Münsterland adoptieren wir als nördliches Ruhrgebiet. Der Künstler ist Weltbürger. Für ihn gilt: „Ich könnte nie nationalistisch sein. Die ganze Welt ist mir ja schon zu klein.“   

Mein anderer Blick fliegt mit Udos Komet nach Kuba und meine Gedanken und eigene Überzeugung führen zu José Martí, dem Nationaldichter Kubas: „Patria es Humanidad“: Die Menschheit ist unsere eigentliche Heimat. Udo würde sagen: „Willkommen in der bunten Republik Erde.“