Ein Ostblick nach Westen: Der Weg ist das Ziel
Ein Ostblick nach Westen: Der Weg ist das Ziel
Rückblick März: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet
Eines Nachmittags mache ich mich auf, ich fahre nach Kettwig, will den Panoramaweg hinauf, er führt am südlichen Ufer des Baldeneysees entlang. Ich habe Bilder gesehen: saftige Wiesen, aufsteigende Hänge wie Almen, dichte Wälder mit Burgruinen, als stammten sie aus dem Mittelalter. Ich brauche eine Auszeit vom Schreiben, muss raus, in die Landschaft.
Zuerst sind da allerdings die Stufen, die von der S-Bahn-Station steil hinaufführen. Ich komme auf eine Lichtung, ein paar Wanderer machen Rast. Ich erkundige mich, welchen Weg ich nehmen sollte, um nach Werden zu gelangen. Man empfiehlt mir, auf der Höhe zu bleiben und direkt in die Wälder hineinzugehen, es werde zwar etwas schlammig, hier und da, ansonsten sei der Weg aber in Ordnung. Ich schaue auf meine weißen Turnschuhe, wir lachen.
Bald kommt es mir vor, als verwandle sich das Ruhrgebiet in ein Märchenreich. Der Grund, warum südlich von Mülheim an der Ruhr so viele Burgen die Höhen säumen, liegt in dem Schutz, den sie dem Grafen von Berg einmal bieten sollten, gegen das Erzbistum Köln, das von Süden her seinen Einfluss ins Westfälische ausdehnen wollte. Von den meisten der Burgen sind kaum mehr als ein paar Steine übrig, die Grundfesten, häufig überwachsen, kaum noch erkennbar. Und dennoch geben sie dieser Gegend eine unerwartete Stimmung: Das deutsche Mittelalter mit seinen immer etwas zu groß geratenen Rittergestalten und heiseren Minnesängern scheint auf einmal viel präsenter als die Industriemoderne des 20. Jahrhunderts.
Der Weg ist das Ziel
Ich wage mich voran durch den Wald, Bäche sprudeln, ich muss weiträumig ein paar Schlammpfützen umschreiten. Einmal ist der Anstieg so steil, dass ich glaube, wieder zurückzupurzeln, es würde lange dauern, bis mich hier jemand findet. Aber irgendwann öffnet sich dann der Wald, Gehöfte werden sichtbar, Kühe, frische Felder und Wiesen, und auch die Wege sind plötzlich von anderen Wanderern, Wochenendausflüglern bevölkert. Vor mir erstreckt sich ein Golfplatz, auch er ist gut besucht, eine Gruppe rüstiger Rentner überholt mich. Ich lasse mich weiter zurückfallen, es kann mir nicht langsam genug gehen.
Ich gehe die Äcker hinauf und hinunter, durchs niederbergisch-märkische Hügelland. Von hier aus wird der Blick frei, nach allen Himmelsrichtung glaubt man in die Ferne zu schauen. Unwillkürlich muss ich an die legendäre Hottelstedter Ecke denken, in Thüringen. Die Hottelstedter Ecke war Goethes Happy Place in Weimar, sein Rückzugsort, am westlichen Rand des Ettersberges gelegen, ebendort, wo sich mehr als hundert Jahre später das absolute Grauen zutragen sollte. Goethe kam oft an diesen Ort, jedesmal glaubte er, es sei das letzte Mal gewesen, so melancholisch war er, ihn wieder verlassen zu müssen. Denn von dieser Ecke aus, schien es, ließ sich die ganze Welt überblicken, mit all ihren Herrlichkeiten. Am 26. September 1827 notiert sein Sekretär Johann Peter Eckermann, der ihn auf seinen Streifzügen begleitete: „Die Aussicht von dieser Stelle, in der klaren Morgenbeleuchtung der reinsten Herbstsonne, war in der Tat herrlich. Nach Süden und Südwesten hin übersah man die ganze Reihe des Thüringer Waldgebirges; nach Westen, über Erfurt hinaus, das hochliegende Schloß Gotha und den Inselsberg; weiter nördlich sodann die Berge hinter Langensalza und Mühlhausen, bis sich die Aussicht, nach Norden zu, durch die blauen Harzgebirge abschloß.“
Die Natur vor Augen
Die Hottelstedter Ecke war für Goethe nicht irgendein Ort, sie war schon gar keine Ecke, kein Winkel, sondern vielmehr ein Rund, eine Provinz, die hinaus in die Welt wies, sie war der ideale Beobachterstandpunkt, von hier aus öffnete sich das Panorama, die 360-Grad-Totale, God’s eye view. Es hätte einen sicher nicht gewundert, wenn Goethe von hier aus bis nach Frankfurt, Böhmen, Potsdam oder Neapel hätte blicken können. Und auch mir scheint in diesem Moment, in dem ich auf dem Panoramaweg angekommen bin, nichts mehr unmöglich, außer Reichweite zu sein. Essen, Wuppertal, Duisburg, alles glaube ich am Horizont bereits in Umrissen erkennen zu können: Wie heißt es bei Goethe: „Wir wollen künftig öfter hierherkommen. Man verschrumpft in dem engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei, wie die große Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.“