Der andere Blick im März: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet
Der andere Blick im März: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet
Inzwischen ist der kubanische Germanist Jesus Irsula seit mehr als sechs Monaten im Ruhrgebiet unterwegs. Nach einigen Berichten erlebter Ereignisse aus dieser Zeit wendet er sich nun dem Herzstück seiner Erkundung zu: Was ist eigentlich das Ruhrgebiet?
Der Begriff Ruhrgebiet ist semantisch irreführend, wenn man ihn rein geografisch liest. Er suggeriert eine Region entlang des Flusses Ruhr beziehungsweise ein Gebiet um diesen Fluss. Historisch, ökonomisch und kulturell ist das Ruhrgebiet jedoch weit mehr als nur ein Flussraum.
Der Begriff Ruhrgebiet
Die topografische Bezugnahme auf die Ruhr trifft in der ersten Phase des Steinkohleabbaus im 18. Jahrhundert tatsächlich zu. Die Ruhr ist ein etwa 219 Kilometer langer Nebenfluss des Rheins in Nordrhein-Westfalen. Sie entspringt im Rothaargebirge bei Winterberg im Sauerland auf rund 670 Metern Höhe und mündet bei Duisburg-Ruhrort in den Rhein.
Die ersten Bergwerke entstanden in Witten, Hattingen, Essen und Mülheim. In unmittelbarer Flussnähe wurde Steinkohle in kleinen, flachen Stollenzechen gewonnen und über die Ruhr per Schiff in Richtung Rhein transportiert. Die Zeche Nachtigall in Witten, die 1714 ihren Betrieb aufnahm, gilt als eine der Wiegen des Ruhrbergbaus und als einer der ersten systematischen Stollenbetriebe. Die oberflächennahen Flöze wurden direkt in die Ruhrhänge getrieben. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere frühe Bergwerke: die Zeche Theresia in Witten (1720), die Zeche Louisenglück in Hattingen (1730), die Zeche Friedlicher Nachbar in Bochum (1740), die Zeche Vollmond in Witten mit intensivem Stollenbetrieb (1750) sowie die Zeche Carl Funke im Ruhrtal bei Essen (1760), die für erste technische Modernisierungen steht.
Der frühe Kohlenbergbau im Ruhrtal war vollständig auf die Ruhrschifffahrt angewiesen. Die Ruhr bildete den wichtigsten Energie- und Handelsweg dieser Epoche und prägte die ersten industriellen Strukturen der Region. Sie machte das Ruhrtal zum Ausgangspunkt der Industrialisierung und verlieh dem entstehenden Kohlenrevier seinen Namen. Bereits im späten 18. Jahrhundert finden sich in bergamtlichen Akten und Handelskorrespondenzen Bezeichnungen wie „Kohlenbergbau an der Ruhr“, „Ruhrkohlen“ und „Ruhrkohlenrevier“.
Vom Ruhrkohlenrevier zum Ruhrgebiet
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begannen sich die oberflächennahen Kohlevorkommen im Ruhrtal zu erschöpfen. Der Bergbau verlagerte sich zunehmend nach Norden in Richtung Emscher und später bis in den Lipperaum. Parallel dazu vollzog sich der Übergang vom Stollenbergbau zum Tiefbau. Dieser setzte im Ruhrrevier in den 1830er Jahren ein und wurde in den 1840er Jahren zur dominierenden Förderform. Erst diese technische Umstellung ermöglichte die großräumige industrielle Expansion jenseits des Ruhrtals.
Im Emscherraum entstanden in rascher Folge neue Großzechen: Zollverein in Essen (1847), Hannover in Bochum (1857), Consolidation in Gelsenkirchen (1863), Shamrock in Herne (1868), Nordstern in Gelsenkirchen (1873) sowie die Zeche Zollern in Dortmund (1898), die seit 1969 als Industriemuseum erhalten ist. Entlang der Lippe als zweiter industrieller Achse folgten weitere Gründungen wie Fürst Leopold in Dorsten (1873), Preußen in Lünen (1875), Auguste Victoria in Marl (1899) und Westfalen in Ahlen (1912). Diese Anlagen bildeten den Kernraum der Hochindustrialisierung und markierten die endgültige Loslösung des Bergbaus vom ursprünglichen Ruhrtal. Das industrielle Zentrum verlagerte sich in den Emscherraum. Mit den Kohlenzechen gingen die Konzentration von Kokereien und der Aufbau großer Stahlwerke einher.
1835 fuhr die erste öffentliche Eisenbahn in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth. Bereits in den 1840er Jahren erreichten bedeutende Bahnlinien das Ruhrrevier. Ost-West-Verbindungen durch Dortmund, Essen und Bochum sowie Strecken zum Rhein entstanden, ergänzt durch direkte Gleisanschlüsse an die Zechen. Um 1850 hatte die Eisenbahn den Flusstransport als zentrales Verkehrssystem der Kohleindustrie weitgehend abgelöst. Sie vernetzte die Region neu und wurde zum entscheidenden Motor der Hochindustrialisierung.
Die industrielle Expansion führte zu einem enormen Bevölkerungswachstum. Aus ehemals kleinen Städten wie Essen, Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg und Bochum wurden rasch wachsende Industriestädte. Obwohl sich Bergbau und Industrie nun weitgehend jenseits der Ruhr konzentrierten, blieb der Fluss als begrifflicher Ursprung erhalten. In preußischen Verwaltungsberichten und wirtschaftsstatistischen Veröffentlichungen tauchten weiterhin Formulierungen wie „Das Ruhrkohlenrevier liefert …“ oder „Die Produktion im Ruhrrevier …“ auf. Die Bezeichnungen meinten inzwischen nicht mehr nur den Flussraum, sondern einen zusammenhängenden industriellen Produktionsraum.
Erst im späten 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Bezeichnung Ruhrgebiet als Sammelbegriff für diesen Wirtschaftsraum durch. Sie ist zunächst in Wirtschaftsstatistiken und wirtschaftsgeografischen Publikationen nachweisbar. Eine frühe regionalökonomische Darstellung von 1892: „Das Ruhrgebiet bildet gegenwärtig den bedeutendsten Schwerpunkt der deutschen Kohlen- und Eisenindustrie.“ In den 1890er Jahren ging der Begriff in die Tagespresse über. Um 1900 war die Verwendung vollständig normalisiert. Überschriften wie „Bevölkerungsentwicklung des Ruhrgebiets“ oder „Industriezentren des Ruhrgebiets“ wurden selbstverständlich.
Synonyme des Ruhrgebiets: Revier, Ruhrpott, Pott, Metropole Ruhr
Im Laufe seiner Geschichte bildete der Raum mehrere synonyme Bezeichnungen aus, die je nach Kommunikationssituation verwendet werden. Besonders verbreitet ist der Begriff Revier, der aus der Bergbausprache stammt und ursprünglich den Arbeitsbereich eines Bergmanns oder eine Gruppe von Zechen bezeichnete. Als umgangssprachliche Kurzform für Ruhrrevier ist er tief in der regionalen Identität verankert. Wer sagt „Ich komme aus dem Revier“, drückt damit Zugehörigkeit zur Industriekultur und Mentalität der Region aus. Ein weiteres bekanntes Synonym ist Ruhrpott – oft liebevoll verkürzt zu „Pott“. Es ist das populärste umgangssprachliche Bild für das Ruhrgebiet und steht für Arbeiterkultur, Direktheit und Solidarität. Der Ausdruck Kohlenpott existiert ebenfalls, wird heute jedoch seltener verwendet. In jüngerer Zeit hat sich zudem der Begriff Metropole Ruhr fest etabliert. Dabei handelt es sich um eine strategische Neubenennung, die seit den späten 1990er-Jahren systematisch durch den Regionalverband Ruhr im Kontext des Strukturwandels nach der Montanindustrie aufgebaut wurde. Das historische Ruhrgebiet wurde kulturpolitisch neu gefasst und als zeitgemäße urbane Kultur- und Wirtschaftslandschaft definiert.
Die Auszeichnung zur RUHR.2010 – Kulturhauptstadt Europas, bei der Essen als repräsentative Hauptstadt fungierte, markierte den symbolischen Höhepunkt dieser Neuausrichtung. Mit der Internationalen Gartenausstellung Metropole Ruhr 2027, die vom 23. April bis 17. Oktober 2027 in der Metropole Ruhr stattfindet, erfährt die Bezeichnung „Metropole Ruhr“ eine erneute inhaltliche Aufladung und Zukunftsorientierung.
„Die kleine Ruhr, einst nur ein unscheinbarer Abfluss zwischen Hügeln und Stollen, gab einer ganzen Industrie- und Bergbaulandschaft ihren Namen – und behauptete sich als Identitätsanker im Gedächtnis der Region gegen die industrielle Emscher, die ferne Lippe und den gewaltigen Rhein.“
Glück auf, Ruhrgebiet!