Zum Inhalt springen

Ein Ostblick nach Westen: Eine Ode an den Niederrhein

Ein Ostblick nach Westen: Eine Ode an den Niederrhein

Rückblick Februar: Metropolenschreiber Dr. Peter Neumann unterwegs im Ruhrgebiet

Man kann das Ruhrgebiet nicht ohne den Niederrhein verstehen, nicht ohne den Übergang, die allmähliche Veränderung der Landschaft. Man muss sehen, wie die Halden, Kühltürme, Kraftwerke ausfaden. Mühlen stehen da, Deiche ziehen sich entlang des Rheins, man würde sich nicht wundern, auf eine Herde Schafe zu treffen, die genau dort grasen, wo die Kohle, das Erz aus Rotterdam, aus Übersee ankommen, Kolumbien, Brasilien, Australien, rußschwarze Umschlagplätze. 

 

Aber irgendwann lässt man das hinter sich, sieht nicht mehr die Schienen, Industrienanlagen, sondern nur noch die Kopfweiden, die Alleen. Es gibt sogar ein spezielles Licht, das man nur am Niederrhein findet, ich nenne es das Rembrandt-Licht. Man muss dieses Licht gesehen haben, um es zu begreifen: Das Rembrandt-Licht ist ein Ton-in-Ton-Licht, es besteht aus einem einheitlichen Grundton, dem Rostbraunrot, man kennt es vom Erz, der schützenden Oxidschicht des Stahls, den dunklen Klinkern, aus denen die Häuser am Niederrhein gebaut sind. Das alles sind nur Abstufungen, unterschiedliche Modifikationen ein und derselben Substanz. Der Philosoph Georg Simmel schrieb einmal, dass das Licht bei Rembrandt keine äußere Lichtquelle sei, sondern aus den Figuren selbst komme. Und tatsächlich treten auch die Dinge am Niederrhein erst aus der Schwärze des metallischen Grundtons hervor, der über der Landschaft liegt. Sie werden hell, beginnen Funken zu sprühen, wie flüssiges Roheisen aus dem Hochofen. Vor der Hacke ist es duster, sagt der Bergmann. Aber hier wird auf einmal alles ganz weit. 

Ode an den Niederrhein

Xanten ist da, das niederrheinische Troja! 

Schenkt man dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus Glauben, soll Odysseus auf seinen Irrfahrten bis hierher, an den Niederrhein, gelangt sein. „Übrigens glauben einige“, so schreibt er im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Germania, „dass auch Ulixes, auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in jenen Ozean verschlagen, die Küsten Germaniens betreten habe und dass das am Ufer des Rheins gelegene Asciburgium, das noch heute bewohnt wird, von ihm begründet und benannt sei“. Ist das zu glauben? Odysseus, der aus dem brennenden Troja flieht und auf seiner zehnjährigen Irrfahrt den Rhein hinauffährt, bis nach Moers-Asberg, dem erwähnten Asciburgium? Odysseus in Moers, in Duisburg, im Ruhrgebiet! Ein verlorener 25. Gesang, der von seinen Abenteuern auf der Brautmeile in Marxloh, in der Trinkhalle in Alt-Hamborn, auf der Zeche Walsum berichtet, mehr als 1000 Meter unter Tage, Glück auf, Kumpel. Oder kam Odysseus womöglich nur deshalb so spät nach Hause, zu Penelope nach Ithaka, weil er auf der A40, dem Ruhrschnellweg, mal wieder im Stau stand?  

 

Tacitus’ Schilderung sollte wohl vor allem der Romanisierung des Niederreihns dienen, der Verbreitung der römisch-griechischen Sagenwelt. Zugleich war sie aber auch Ausdruck eines völlig neuen Raumgefühls: Von hier aus öffnete sich die atlantische Welt, ein anderer Okeanos. Wer es bis hierhin geschafft hatte, durfte sich tatsächlich als alleserduldener Held fühlen. Die Wege müssen damals Prozessionsstraßen geglichen haben, überall Weihaltäre, Votivsteine, die die römischen Legionäre, die es so viele hunderte Kilometer hinauf in den Norden geschafft hatten, nach Germania inferior, den Olympiern Zeus, Hermes, Ares, aber auch keltischenorientalischen Göttern errichtetenGermanien, das barbarische Land, plötzlich eine heilige Stätte. 

 

Hinter Xanten kommt Kleve, das, wie man wissen muss, für die Klever Romantik berühmt ist, die praktisch nur aus einem einzigen Maler bestand: Barend Cornelis Koekkoek, einem Niederländer, der sich im 19. Jahrhundert bis hierher an die Grenze verirrt hatte. Es würde einen nicht überraschen, wenn findige Forscher eines Tages auch den Klever Barock ausriefen, den großen Gegenspieler des Gelsenkirchener Barocks, Eiche, mundgebissen. So breitet sich die Sehnsucht hinter Duisburg aus. Der Niederrhein legt sich in die Landschaft wie ein Text, der ständig nach etwas zu greifen versucht, sich lang macht, ganz lang. Man kann das Ruhrgebiet nicht ohne den Niederrhein verstehen, nicht ohne diese immer wiederkehrende Verheißung.