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„Unsere Stimmen werden nicht verstummen!“

"Unsere Stimmen werden nicht verstummen!"

Ausstellung HOLO-VOICES auf Zollverein eröffnet:

Ein neuer, europaweit einzigartiger Erinnerungs- und Lernort bereichert ab sofort das Essener UNESCO-Welterbe Zollverein. Am 27. Januar 2026, dem internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, wurde die neue Ausstellung „HOLO-VOICES – begegnen • fragen • weitersagen“ feierlich eröffnet.

Mit einem Förderbeitrag von knapp 190.000 Euro hatte die Brost-Stiftung sich für die Umsetzung des Projekts engagiert.

Lebendige Interaktion mit Hologrammen

HOLO-VOICES gibt Überlebenden des Holocausts eine Stimme für die Ewigkeit. Dafür wurden lange Interviews mit insgesamt fünf Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt, digitalisiert und aus den Aufnahmen fotorealistische, dreidimensionale Hologramme erstellt. Dank modernster KI können die Besucherinnen und Besucher den Hologrammen Fragen stellen. So werden die direkte Begegnung und eine lebendige Interaktion möglich. Die persönlichen Geschichten der Zeitzeugen bleiben für die Nachwelt mit einem klaren Auftrag erhalten: Nie wieder ist jetzt!

 

„Es ist ein unvorstellbares Leid, das den Jüdinnen und Juden in dieser Zeit wiederfahren ist. Eine gezielte, systematische Entmenschlichung der Opfer. Es wird unsere Verantwortung bleiben, daran zu erinnern, uns darüber zu bilden. Nur so kann das „Nie wieder ist jetzt“ Wirklichkeit werden.“ Mit diesen Worten gab Initiatorin Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, den Auftakt zur Eröffnungsveranstaltung in der gut gefüllten Halle 12 auf Zollverein. „Natürlich ist der echte Austausch mit den Menschen die beste Option. Aber wenn das – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr möglich ist, sind Hologramme die zweitbeste Lösung, diesen Dialog aufrecht zu erhalten“, sagte sie.

 

Im Jahr 2024 hatte Brandes auf einer Dienstreise in Chicago eine Hologramm-Ausstellung besucht. Schnell war ihr klar: Ein solcher Erinnerungsort soll auch in Nordrhein-Westfalen entstehen. Rund 1,5 Jahre später ist das Werk vollbracht: Dank zahlreicher Unterstützer, Förderer und Partner konnte ein Angebot gestaltet werden, das insbesondere für Kinder und Jugendliche ein wichtiger Ort der Bildung sein soll. „Wir haben jetzt schon über 160 Anfragen von Schulen, die das Projekt besuchen wollen“, freute sich Brandes.

 

KI wird streng kontrolliert: Zeitzeugenberichte und KI – besteht da nicht eine gewisse Gefahr, dass Erinnerungen verfälscht werden?

 

Auf diesen Punkt legte Ina Brandes besonderen Wert, denn die Künstliche Intelligenz werde strengstens kontrolliert: „Die KI hat keine Chance, zu halluzinieren. Wenn Sie das Hologramm etwas fragen, bekommen Sie eine Antwort, die die Person auch wirklich gegeben hat.“ Die Antworten werden von der KI lediglich zugeordnet, nicht aber verfremdet, zusammengeführt, gekürzt oder ergänzt.

 

Standing Ovations für Eva Weyl

Gespannte, ehrfürchtige Stille breitete sich aus, als Ehrengast und Zeitzeugin Eva Weyl die Bühne betrat. Als Tochter eines Textilkaufmanns aus Kleve kam die heute 90-Jährige im Jahr 1935 in den Niederlanden zur Welt. Ende 1942 wurde sie mit ihren Eltern ins Konzentrationslager Westerbork, ein Durchgangslager zu Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau und Sobibor, verschleppt und erst von kanadischen Soldaten befreit.

 

In Zusammenarbeit mit dem Verein ZWEITZEUGEN e. V. ist sie bis heute regelmäßig in Workshops an Schulen zu Gast, erzählt mit viel Energie ihre Geschichte, beantwortet Fragen und hilft so, die Erinnerung an den Holocaust – die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte – in die nächste Generation zu tragen. Auch war sie eine der ersten Holocaust-Überlebenden, die für HOLO-VOICES interviewt wurde. „Heute eröffnet hier eine besondere Ausstellung“, sagte Eva Weyl zufrieden. „Unsere Stimmen werden nicht verstummen! Sie werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene noch besser dabei unterstützen, heutige Formen von Antisemitismus zu erkennen, zu verstehen und ihnen entschlossen entgegenzutreten.“ Das Publikum lauschte Eva Weyls Rede ergriffen und verabschiedete die Zeitzeugin mit Standing Ovations und anhaltendem Applaus.

Erinnerungskultur für die Zukunft erhalten

Auch Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, nahm an der Ausstellungseröffnung teil. In seinem Grußwort lobte er HOLO-VOICES als wichtiges Mittel, um die Erinnerungskultur auch in Zukunft weiter aufrecht zu erhalten: „Jedes Jahr sinkt die Zahl derer, die sich erinnern. Jedes Jahr steigt die Zahl derer, die einen Schlussstrich fordern. Bald wird niemand mehr bei uns sein, um aus erster Hand von dem Gräuel und dem Schrecken der NS-Zeit zu berichten und uns zu warnen.“

Geschichten, Emotionen, Empathie

Auf einer Fläche von rund 700 Quadratmetern wurde die Ausstellung in Halle 8 auf Zollverein umgesetzt. Ein Kraftakt, aber auch eine wundervolle Symbiose, betonte Christoph Tesche, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein: „UNESCO-Welterbestätte zu sein bedeutet, etwas zu bewahren und künftigen Generationen zu vermitteln. Das geht nicht nur rational, dazu braucht es auch Geschichten, Emotionen, Empathie. Die Strahlkraft des UNESCO-Welterbes Zollverein soll dazu beitragen, dass die Ausstellung HOLO-VOICES auch selbst die Strahlkraft erhält, die sie verdient.“

 

 

„HOLO-VOICES macht keine Gedenkpose. Das Projekt macht Aufklärung. Hologramme reden weiter, wenn Zeugen längst verstummt sind. Das ist mehr als Technik, auch kein Mahnmal, das ist Widerstand gegen Ignoranz und Vergessen. Man muss wissen, was war, sonst merkt man nicht, was wieder kommen kann. Bildung ist Überlebenswissen.“

— Prof. Bodo Hombach, Vorsitzender des Vorstands der Brost-Stiftung

Ab sofort täglich geöffnet

Die Ausstellung HOLO-VOICES ist ab sofort täglich von 12–18 Uhr geöffnet, der Besuch ist kostenlos. Workshops für Gruppen können über die Website https://www.holo-voices.de gebucht werden.

Neben den Hologrammen wird die Ausstellung „Frag nach!“ zum Leben der Zeitzeugen Inge Auerbacher und Kurt Salomon Maier gezeigt, begleitet von der durch den Verein ZWEITZEUGEN e. V. kuratierten Ausstellung „Unter Tage – Unter Zwang“ zur Zwangsarbeit im Steinkohlebergbau.


Fotonachweise:

Titelbild © Land NRW / Bernd Thissen

Fotos Eva Weyl auf Podium, Eva Weyl & Hologramm, Ausstellung, Hologramm Dr. Inge Auerbacher © Land NRW / Bernd Thissen

Foto Eröffnungsveranstaltung Saal, Abraham Lehrer auf Podium © MKW NRW/ Lars Berg