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Der andere Blick im Dezember: Ein literarisches und künstlerisches Projekt über das Ruhrgebiet

Ein kubanischer Germanist und ein bildender Künstler begeben sich auf eine faszinierende Spurensuche durchs Ruhrgebiet

Ein Beitrag von Jesus Irsula - Teil 1

Ein Blick ins Ruhrgebiet, in das Wesentliche dieser Region, führt unweigerlich zum Fußball. Er ist hier weit mehr als ein populärer Sport.

 

Für den kubanischen Germanisten, der heute gemeinsam mit seinem Sohn das Revier erkundet, ist Fußball ein zentraler Fokus seines „anderen Blicks“. Zwar ist er in seiner Heimat mit Baseball aufgewachsen – oft reichte ein Holzstock und ein selbst gebastelter Ball, weil richtige Schläger nicht verfügbar waren. Baseball ist bis heute der Nationalsport Kubas. Dennoch hat der Fußball dort, durch seine weltweite Bedeutung, den Platz der zweitbeliebtesten Sportart erobert. 

 

Der Fußball kam Ende des 19. Jahrhunderts nach Kuba. Spanische Einwanderer, britische Ingenieure der Eisenbahn und Zuckerindustrie sowie Seeleute spielten in Havanna, Cienfuegos und Santiago. Das erste dokumentierte Spiel fand um 1901 statt. Zwischen 1902 und 1912 entstanden die ersten Vereine, darunter der Rovers Athletic Club, Hatuey, Hispano América FC und Atlético de Cuba. Gespielt wurde meist auf improvisierten Plätzen, oft sogar auf umfunktionierten Baseballfeldern. Die 1930er-Jahre gelten als das goldene Zeitalter des kubanischen Fußballs. International hatte der Sport in Europa und Lateinamerika längst Fahrt aufgenommen. 1938 nahm Kuba an der Fußball-WM teil, erreichte nach einem Sieg gegen Rumänien das Viertelfinale und unterlag dort Schweden – bis heute der größte Erfolg des Landes. 

Nach 1938 gelang kein dauerhafter Aufstieg. Baseball wurde ab 1940 offiziell zum Nationalsport, und die professionelle Baseballliga wuchs rasant. Nach der Revolution von 1959 erhielt der Fußball zwar mehr staatliche Aufmerksamkeit und verbesserte Strukturen, doch ein internationaler Durchbruch blieb aus. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1976 (Montreal) und 1980 (Moskau) war ein Höhepunkt – genau zu jener Zeit studierte Jesus Irsula in Leipzig und kam als Fan von Lok Leipzig erstmals intensiv mit deutschem Fußball in Berührung. Die Details der deutschen Fußballgeschichte erschloss er sich jedoch erst viele Jahre später nach mehreren Besuchen im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Der erste fand auf Einladung seines Mülheimer Freundes Wolfgang Hausmann statt, der überzeugt war: Fußball ist im Ruhrgebiet nicht nur Sport, sondern Teil der Identität und Alltagskultur. 

 

Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund dokumentiert die gesamte Geschichte des Sports in Deutschland: von den britischen Ursprüngen über die Weltmeisterschaften 1954, 1974, 1990 und 2014 bis hin zur DDR-Oberliga, zum Frauenfußball und zu Fankulturen. Es ist nicht zufällig im Ruhrgebiet angesiedelt – dort, wo Fußball seit über hundert Jahren Massenkultur, Arbeitertradition und Alltagsidentität bildet. 

 

Nach einer Reise durch Dortmund und das Revier wurde ein Leipziger Studienkollege des Autors so von der regionalen Fußballkultur begeistert, dass er im kubanischen Alumnikreis die Gründung eines Borussia-Dortmund-Fanclubs anregte. Ein weiterer Kommilitone erweiterte die Initiative: Man könne sowohl einen BVB-Fanclub als auch einen RB-Leipzig-Fanclub ins Leben rufen – letzterer passe sogar besser zur eigenen Studienzeit in Leipzig. Ursprünglich hätte die Gruppe wohl eher einen Lok-Leipzig-Fanclub bevorzugt, doch die Zeiten hatten sich geändert. RB Leipzig war inzwischen ein Spitzenverein, und Fragen der „finanziellen Etikettierung“ betreffen heute fast alle großen Klubs. So entstand vor acht Jahren der RB-Leipzig-Fanclub in Havanna. Seine Verantwortlichen unterstützten zugleich die Gründung des BVB-Fanclubs in Havanna. Beide Gruppen pflegen bis heute ein freundliches sportliches „Gegeneinander“ und ein herzliches Miteinander im Alltag – für Deutschland drücken sie gemeinsam die Daumen. 

Fußballfangemeinde in Kuba

Mit der Öffnung zu globalen Medien erreichten die großen europäischen Ligen, Weltmeisterschaften und ikonischen Spieler auch die kubanischen Wohnzimmer. Maradona – der Kuba oft besuchte –, später Messi, Cristiano Ronaldo und andere Stars wurden zu Identifikationsfiguren jenseits der Baseballmythen. Staatliche Programme, improvisierte Spielfelder und eine wachsende digitale Fankultur verankerten den Fußball tief im Alltag der Jugend. Der Sport wurde zum Ausdruck globaler Teilhabe. 

 

Da die kubanische Nationalmannschaft selten Erfolge erzielte und die heimische Liga wenig attraktiv war, öffnete sich ein Blick in die globalen Fußballarenen. Spanien wurde zur wichtigsten Projektionsfläche, gefolgt von England und Italien. Im letzten Jahrzehnt gewann auch der deutsche Fußball an Bedeutung: Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig wurden in Kuba zu vertrauten Namen, und in Havanna entstand ein offizieller Fanclub von RB Leipzig. 

 

Genau mit dieser Offenheit nähert sich Jesus Irsula dem Fußball des Ruhrgebiets, der hier seit hundert Jahren Massenkultur, Arbeiterkultur und Alltagsidentität prägt. Das Ruhrgebiet ist eines der dichtesten Fußball-Ökosysteme Europas: Nirgendwo liegen so viele Traditionsvereine auf so engem Raum. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden rund um die Zechen unzählige Betriebssportgemeinschaften und kleine Vereine. Fußball war zugänglich und gemeinschaftsstiftend – ideal für Arbeiter, Lehrlinge und Migranten. 

Die Fußball-Pyramide

Um den Fußball im Ruhrgebiet zu verstehen, muss man die Struktur des deutschen Ligasystems kennen. Es gleicht einer Pyramide:

 

    • 1. Bundesliga: Höchste Spielklasse, organisiert von der DFL, mit großer internationaler Sichtbarkeit.

    • 2. Bundesliga: Ebenfalls professionell, sportlich nah an der Bundesliga, 18 Vereine. Zwei Direktaufsteiger sowie ein Relegationsteilnehmer konkurrieren um das Oberhaus.

    • 3. Liga: 20 Clubs, vom DFB organisiert, Schnittstelle zwischen Profi- und semiprofessionellem Fußball. Zwei Direktaufsteiger, ein Relegationsplatz, vier Absteiger.

    • 4. Liga (Regionalligen): Fünf Staffeln, 16–20 Teams, Mischung aus Nachwuchsmannschaften und Traditionsvereinen.

Borussia Dortmund ist der einzige Revierverein in der 1. Bundesliga und steht nach zwölf Spieltagen auf dem dritten Tabellenplatz. Der 1909 gegründete Klub gehört – bis auf ein Intervall zwischen 1972 und 1976 – seit 1963 ununterbrochen der Bundesliga an. Heute ist der BVB der zweitgrößte deutsche Sportverein und eine internationale Marke. Der Signal Iduna Park mit seiner „Gelben Wand“ ist ein Symbol für moderne Fußballkultur. Dortmund verbindet Tradition und globale Professionalisierung wie kaum ein anderer Klub.

 

In der 2. Bundesliga spielen Schalke 04 (Tabellenführer nach 14 Spieltagen) und VfL Bochum (Platz 12). Schalke ist einer der traditionsreichsten Vereine Deutschlands, geprägt von Bergbaukultur und Arbeitertradition. Seine glanzvollen Jahre (1930er bis 1950er) und später die UEFA-Cup-Erfolge 1997 prägen das kollektive Gedächtnis. Zugleich kämpft der Klub seit Jahren mit strukturellen Problemen, Schulden und organisatorischer Instabilität. Die Vereinsform als Mitgliederverein wird aus Identitätsgründen bewusst bewahrt – obwohl sie die Kapitalzufuhr, die moderne Profiklubs benötigen, verhindert.

 

An dieser Stelle beschreibt der Autor seine Begegnung mit Trompeter Willy, einer Identifikationsfigur der Schalker Fankultur. Willy holte ihn vom Bahnhof ab – sein Auto trug ein großes Schalke-Emblem. In seinem Haus in einem typischen Gelsenkirchener Arbeiterquartier begegnete Jesus Irsula einer Welt in Blau und Weiß: Räume voller Schalke-Symbole, Fotos, Erinnerungsstücke und humorvoll gesetzte Hinweise auf die Rivalität mit Borussia Dortmund. Willy erzählte seine Lebens- und Vereinsgeschichte mit großer Herzlichkeit. Der Besuch vermittelte ihm einen lebendigen Eindruck davon, was Schalke 04 für die Menschen bedeutet: Fußball als Lebensform.

 

VfL Bochum ist ein traditionsreicher, bodenständiger Verein. Das Vonovia Ruhrstadion gilt als eines der stimmungsvollsten Stadien des Landes. Bochum operiert seit Jahrzehnten mit begrenzten Mitteln und setzt auf Kontinuität, Talententwicklung und stabile Vereinsführung – ein bewusster Gegenentwurf zu großen Revierklubs. Die Fanszene gilt als loyal und eng an die Stadt gebunden.

 

Der MSV Duisburg, Tabellenführer der 3. Liga, ist ein weiterer Traditionsverein des Reviers. Seine Geschichte ist geprägt von Auf- und Abstiegen, finanziellen Engpässen und einer robusten, lokal verwurzelten Fanbasis. Der industrielle Niedergang Duisburgs – insbesondere der Stahl- und Hafenwirtschaft – hat dem Verein die wirtschaftliche Basis geschwächt. Weniger Sponsoren, geringere Kaufkraft und strukturelle Probleme wirken unmittelbar auf die sportliche Leistungsfähigkeit.

 

Regionalliga West

In der 4. Liga spielen zwei traditionsreiche Reviervereine:

Rot-Weiss Essen (RWE) – aktuell auf Platz 5 – verfügt über eine der stärksten Fanszenen außerhalb des Profifußballs

Rot-Weiß Oberhausen (RWO) – auf Platz 3 – ein Klub zwischen Profi- und semiprofessioneller Struktur

 

Jesus Irsula besuchte ein Spiel von RWO gegen den 1. FC Bocholt, das RWO 3:2 gewann. Dort erlebte er die regionale Fanlandschaft, die Arbeit des Vereinsvorstands, das Engagement der Mitarbeiter des Stadions und die Besonderheiten der Ultras.

 

Amateurfußball

Die Fußballpyramide reicht bis zu den Ligen 5 bis 9 und mündet im Amateurfußball. Im Ruhrgebiet hat dieser Bereich eine enorme Bedeutung. Er kompensiert die Schwäche vieler früherer Profivereine, schafft soziale Bindung und erhält die Fußballkultur lebendig. Tausende Ehrenamtliche tragen Jugendförderung, Integration und Vereinsleben. Die Amateurvereine übernehmen Funktionen, die früher Zechen und Hüttenwerke erfüllten: Gemeinschaft, Orientierung und Solidarität.

Jesus' Fazit

Fußballprojekte und Brost-Stiftung:

Das Ruhrgebiet ist ein Hotspot für soziale, integrative und bildungsorientierte Fußballprojekte. Sie reagieren auf Armut, Migration, Bildungsbenachteiligung und soziale Fragmentierung. Die Brost-Stiftung spielt eine zentrale Rolle: Sie fördert Straßen- und Quartiersfußballprojekte, Bildungsinitiativen und integrative Programme in Duisburg, Gelsenkirchen, Essen und weiteren Städten. Ihr Ansatz versteht Fußball als soziales Bindemittel – als moderne Form des Gemeinschaftsstiftens.

 

Zusammenfassung:

Fußball bleibt das kulturelle Herz des Ruhrgebiets. Er verbindet Tradition und Zukunft, Migration und Verwurzelung, lokale Eigenheiten und globale Einflüsse. Gleichzeitig ist die „Deplatzierung“ vieler Traditionsvereine in die unteren Ligen Ausdruck tiefgreifender wirtschaftlicher und struktureller Veränderungen. Doch der Weg nach oben ist nicht versperrt. Mit stabiler Vereinsführung, wirtschaftlicher Konsolidierung und der Nutzung des enormen kulturellen und sozialen Potenzials – insbesondere des Amateurfußballs – können Reviervereine wieder erstarken.

Wie Sisyphos zeigt: Der Weg zur Spitze ist nicht alles. Entscheidend ist, was man unterwegs für die Gemeinschaft schafft.

 

Im zweiten Teil dieses Berichts führt Arian Irsula eine spannende bildliche Erkundung durch. Dabei beleuchtet er die Makro- und Mikroaufnahmen charakteristischer Elemente von Sportstätten und zeigt, wie Details eine ganz neue Perspektive eröffnen.