Die letzten Reflexionen eines Metropolenschreibers
Abschließende Worte aus dem Herzen des Ruhrgebiets
Nicht nur Hass ist ansteckend, Nächstenliebe ist es auch
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell ein Jahr vorbeigeht. Es ist eigentlich kaum zu glauben. Während ich das schreibe, ziehen im Zugfenster die Bäume und Böschungen neben den Bahngleisen an mir vorbei, ihr Grün an vielen Stellen schon mit herbstlichem Gelb und Orange vermischt. Und wie es sich für die Abschiedsfahrt aus dem Ruhrgebiet gehört, hat der Zug natürlich Verspätung. Auf dem Monitor an der Waggondecke leuchten eine Reihe roter Zahlen neben den Orten, an denen ich in den vergangenen zwölf Monaten immer wieder war, Essen und Bochum, beide fünfunddreißig Minuten zu spät. In Dortmund hält der Zug aufgrund einer technischen Störung gar nicht. Ein Teil von mir wäre fast ein wenig enttäuscht, wenn alles glatt gegangen wäre. Der Zug ist relativ leer und die Fahrt nach Berlin lang. Die ideale Möglichkeit, um diesen Text zu schreiben.
Ich habe schon in den vergangenen Wochen viel darüber nachgedacht, wie sie aussehen könnte, meine persönliche Bilanz des vergangenen Jahres. Und ich musste viel an die ersten Wochen meines Aufenthalts zurückdenken, als alles, was jetzt vertraut und völlig normal scheint, noch neu und ungewöhnlich war. Während dieses Nachdenkens, stieß ich immer wieder darauf, dass ich insgeheim das Gefühl habe, in einem gewissen Sinne gescheitert zu sein. Ich hatte zwei große Vorhaben, als ich ins Ruhrgebiet kam. Zum einen den persönlichen Wunsch, meine Burnout- und Long-Covid-Diagnose ernst zu nehmen und nicht nur zur Ruhe zu kommen, sondern mein Leben nachhaltig zu ändern und ihm eine andere Geschwindigkeit zu geben. Zum anderen, das war mein professioneller Wunsch, wollte ich das Zusammenleben im Ruhrgebiet erkunden, und überlegen, ob man all das, was hier diesbezüglich besonders gut gelingt, auf das Leben im ganzen Land übertragen könnte. Ich hatte einen Gemeinsinn hier vermutet, eine Form freundlichen Zusammenhalts. Das war etwas, das ich immer herauszuhören glaubte, wenn ich vor meinem Aufenthalt mit Menschen von hier sprach.
Den genauen Zeitpunkt, als mir das erste Vorhaben durch die Finger glitt, kann ich nicht benennen. Tatsächlich kam ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts, erzwungen durch meine chronische Erschöpfung, spürbar zur Ruhe in dem großen, stillen Haus, das mir zur Verfügung stand, und dem großen Wald von Mülheim-Uhlenhorst, der sich dahinter erstreckte. Und ich genoss diese Ruhe. Doch Stück für Stück ging meine Genesung auch mit der Häufung meiner Aufgaben einher, bis ich wieder genau das bewegte Leben mit seinen vielen Veranstaltungen und Verpflichtungen führte, dass ich schon vorher geführt hatte. Zu der Person, die sich so nach Ruhe sehnte, finde ich heute kaum noch Zugang.
Je länger ich im Ruhrgebiet lebte und je mehr Menschen aus der Region ich traf, desto deutlicher wurde mir, dass sich auch mein zweites Vorhaben nicht erfüllen würde beziehungsweise nicht erfüllen konnte. Ich stellte fest, dass meine Idee des Gemeinsinns, mit der ich gekommen war, meiner eigenen Sehnsucht entsprungen war, meinem Wunsch, genau diesen Gemeinsinn irgendwo noch intakt vorzufinden. Auch im Ruhrgebiet, wo dieser Gemeinsinn lange gewissermaßen zum mythologischen Selbstverständnis zu gehören schien, war er genauso in Gefahr wie an vielen anderen Orten des Landes. Auch hier waren die rechtsextremen Bewegungen auf dem Vormarsch, auch hier hatte ich das Gefühl, ein Revival jener Baseballschlägerjahre zu erleben, die ich noch aus meiner Jugend kannte. Auch hier merkte ich, wie das immer neoliberalere Regieren des Landes immer mehr Menschen bewusst im Stich ließ und in vielen Bereichen zu einem alltagspolitischen Versagen führte.
Doch das Gefühl des Scheiterns ist bekanntlich immer nur die eine Seite der Medaille. Schließlich geht mit ihm immer auch die Möglichkeit einher, etwas neu zu denken, die Chance, etwas besser zu verstehen. Besser als noch vor ein paar Monaten kann ich heute etwa sehen, dass es mir tatsächlich so viel besser geht, dass ich mehr Energie habe, mich gesünder fühle. Vielleicht ist das schon gut genug und vielleicht sind die großen Erweckungserlebnisse gar nicht nötig, die dazu führen sollten, dass ich mein Leben ganz neu, ganz anders und ganz gelassen gestalte.
Und ich kann heute auch so viel besser erkennen, dass mein Abschied von jenem Ideal des Gemeinsinns zu einer größeren Realitätshaftung geführt hat. Im vergangenen Jahr habe ich eine nachhaltige Politisierung durchlaufen. Nicht, dass ich vorher ein unpolitischer Mensch gewesen wäre. Aber immer wenn ich im Winter zitternd an einer Bushaltestelle auf eine nicht fahrenden Bus wartete, immer wenn mir Menschen hier von ihren Erfahrungen mit Rassismus erzählten, immer, wenn ich mich zurückversetzt in längst vergangene Zeiten fühlte, wurde mir klar, wie wichtig eine Politik wirklich ist, die sich nicht um die oberen zehn Prozent und diverse industrielle Lobbygruppen kümmert, sondern um die Mehrheit der Menschen, um die Grundlagen ihres Zusammenlebens, die Pflege ihres demokratischen Miteinanders. Mir wurde klar, wie viele Folgen es hat, wenn es Politikerinnen und Politikern gelingt, die Wählenden mit Volkstümeleien und dem Schüren von Verachtung für die Schwächsten der Gesellschaft abzulenken, um eine Politik durchzusetzen, die die Atmosphäre im Land kälter macht. Mir wurde klar, welche Trägheitsgesetze in Gesellschaften am Werk sind, die zum Beispiel dafür sorgen, dass sich so lange nichts ändert, bis es zu spät ist.
Was mir aber auch klar wurde: Wie viel wir alle daran etwas ändern können. Ich weiß, dass das zunächst etwas naiv klingt. Aber es ist die Realität. Ich bin im Ruhrgebiet so vielen Menschen begegnet, die so viel bewegen, die das Leben so vieler anderer Menschen besser machen und unser Zusammenleben wirklich pflegen, meist ungefragt und nicht selten gegen handfeste Widerstände. Ob es sich im die syrische Schriftstellerin aus Wanne-Eickel handelt, die mit ihrer Brillanz und ihrer herzlichen Art auch Menschen über Ausgrenzung und Migrantisierung aufklärt, die das eigentlich gar nicht wollen. Ob es sich um die Tennislehrerin aus Mülheim handelt, die mit so viel Leidenschaft und so großer Selbstverständlichkeit die Kultur ihres Tennisclubs prägt und immer mehr Menschen zu diesem Sport bringt. Oder um die Museumsdirektorin in Gelsenkirchen, die groß angelegte Projekte ins Leben ruft, die Kinder aus allen sozialen Schichten im Museum zusammenbringen, um Kunst zu machen und auszustellen. Um den Literaturhausleiter in Oberhausen, der mit wenig Mitteln, aber dafür mit der Unterstützung einer Truppe von begeisterten Mitmachenden ein tolles Programm auf die Beine stellt, das viele Menschen erreicht. Um die Theatermacherin und den Theatermacher in Moers, die in einem Theater mit nur hundert Sitzen Monat für Monat großartige Arbeit machen. Um den Mitarbeiter des Fitnessstudios, der die Seniorinnen und Senioren geduldig an das Training mit leichten Gewichten heranführt und sich dabei selbst für die Menschen, die nebenan trainieren, als motivierend erweist. Oder um die Nachbarin, die ungefragt die volle Papiermülltonne an den Gehweg stellt, wenn man nicht da ist und den monatlichen Abfuhrtermin verpasst.
Wir denken häufig, dass es wenig bringt, was wir im Kleinen bewegen können, das Große wirkt so machtvoll, unveränderbar und erdrückend. Doch es bringt mehr, als wir uns vorstellen können. Nicht nur Hass ist ansteckend, auch Nächstenliebe ist es. Auch Anstand und Empathie sind es. Wenn ich darüber nachdenke, was ich am Ruhrgebiet besonders vermissen werde, fallen mir diese Menschen ein. Diese und noch ein paar mehr.
Der Zug hat jetzt schon lange das Ruhrgebiet verlassen. Auch die fruchtbaren Böden und die hübschen Städte Westfalens liegen hinter uns. Während die Sonne untergeht, fahren wir durch Niedersachsen. Einfamilienhäuser mit roten Dächern, kleine Felder mit Heuballen und prächtig tragende Apfelbäume fliegen an uns vorüber. Ich schaue aus dem Fenster und weiß, dass ich bald wieder in einem Zug sitzen werde, der mich in die entgegengesetzte Richtung bringen wird. Auch wenn so ein Jahr vorbeigeht, ehe man es sich versieht, bleibt es immer sehr viel länger bei einem, als man sich vorstellen kann.