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Unmoralisch, unverantwortlich, authentisch

Bei der Deutschlandpremiere seines Dokumentarfilms „Sturm am Manaslu“ vermittelt Reinhold Messner einen tiefen Einblick ins Seelenleben von Extrembergsteigern

Die Kamera blickt in Großaufnahme in die Gesichter zweier Männer. Zitternd vor Angst und Kälte der eine, während sich der andere, stoisch unaufgeregt, bemüht, den Kameraden zu beruhigen und zum gleichmäßigen Atmen zu bewegen. Draußen tobt hörbar ein Sturm, im Verlauf der Szene begräbt eine Lawine das flatternde Zelt…

Der Film „Sturm am Manaslu“ nimmt die Zuschauer mit auf über 7000 Meter, Bergsteigerlegende Reinhold Messner blickt gemeinsam mit den verbliebenen Teilnehmern auf die erste Besteigung des 8163 Meter hohen Himalayagipfels über die Südwand im Jahr 1972 zurück, bei der zwei Teilnehmer der Tiroler Expedition in einem Schneesturm starben.

„Es geht aber nicht darum, wie wir klettern oder der Sturm das Zelt zerreißt. Das ist eher sekundär“, erklärte Messner vor der Premiere im Essener Astra Theater am Dienstagabend. „Es geht um Ängste und Verzweiflung, genau 50 Jahre nach der Expedition liefert der Film einen Einblick in unsere Seelenwelt.“ Verknüpft mit der Frage, ob das Eingehen derartiger Risiken gegenüber Angehörigen und Familie am Ende verantwortbar ist. Messners klare Botschaft: „Es ist nicht zu verantworten und im Grunde unmoralisch.“ Im filmischen Rückblick aus dem Jahr 2022 sind lediglich zwei Passagen nachgespielt, neben der eingangs beschriebenen sehen wir einmal Reinhold Messner orientierungslos über ein Schneefeld stolpern. Am Ende findet er zufällig das rettende Zelt. Daneben stützt sich der Film auf Tonaufnahmen des damaligen Funkverkehrs sowie ein paar Dias. Sehens- und erlebenswert machen ihn (neben den gigantisch schönen Bildern vom Manaslu) die Aussagen der Expeditionsteilnehmer, die Messner anlässlich des 50. Jubiläums auf sein Schloss Juval in den Dolomiten eingeladen hat.

„Wir gehen freiwillig irgendwo hin, wo man umkommen könnte, mit dem Ziel, nicht umzukommen. Dieses Nicht-Umkommen ist die Kunst.“

— Reinhold Messner über die Risiken des alpinen Bergsteigens

Allen voran Horst Frankenhauser, junger Vater damals, zerrissen zwischen Ambition und Verantwortungsbewusstsein. „Mein Schweigervater hat meinen inneren Konflikt bemerkt“, erinnert sich Frankenhauser im Film. „Er hat mich ausdrücklich ermuntert, an der Expedition teilzunehmen. Sonst werde die ausgelassene Chance ein Leben lang zwischen mir und meiner Frau stehen. Er versprach, sich um Frau und Kind zu kümmern, wenn mir etwas zustoßen würde.“ Frankenhauser kehrte gesund zurück und sah seinen Sohn aufwachsen. Franz Jäger und Andreas Schlick hatten weniger Glück, sie verirrten sich im Sturm und kamen am Manaslu (übersetzt „Berg der Seele“) um. Fast zeitgleich mit der Nachricht über den Tod traf im Basislager Post aus der Heimat ein – Jägers Frau berichtete von der Geburt des ersten Sohnes. Einer der Gänsehautmomente des Films.

Die Brost-Stiftung hat neben dem gemeinsamen „Natur Ruhr“- Projekt auch die Vorstellung von Messners Film in Deutschland unterstützt, weil er seit vielen Jahren die Menschen nicht nur mit seinen beeindruckenden Expeditionen, sondern auch durch seine tiefgreifenden Gedanken zu Umweltthemen und Naturschutz begeistert, seine wichtigen Botschaften kommen so in den nächsten Wochen durch Aufführung in fünf Programmkinos in Essen, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg näher an die Menschen im Ruhrgebiet.

„Ohne Angst würden die meisten traditionellen Bergsteiger nicht mehr leben.“

— Reinhold Messner

Nahtoderlebnisse und Grenzerfahrungen

Gemeinsam mit seinen Weggefährten thematisiert Messner Entwicklungen im Bergsteigen („Heute gehen viele Kletterer wie an Mamas Hand in den Kindergarten auf den Gipfel des Mount Everest“), Nahtoderlebnisse und Grenzerfahrungen („Erst wenn man dem Tod ganz nah war, kann man bewusst das Leben genießen“). Während Messner allein den Gipfel des Manaslu erreichte, wurden an anderer Stelle des Berges 15 Teilnehmer einer koreanischen Expedition von einer Lawine in den Tod gerissen…

„Es ist eine tieftraurige Geschichte, aber am Ende wird der Film heiter“, versprach die Bergsteiger-Legende vorweg. Tatsächlich löst sich die Ergriffenheit der über 300 Premierenbesucher während der Schlussszenen in entspanntes Gelächter auf – wenn die Berghelden über den Tod und ihre bevorzugte Bestattungsart philosophieren. Ohne an dieser Stelle schon alle Details zu verraten, möchte Messner am liebsten von den Geiern gefressen werden. Die Tibetaner bezeichnen das Ritual als „Himmelsbegräbnis“, bei dem der Mensch am Ende wieder in den natürlichen Kreislauf zurückkehrt. Neugierig geworden? Bis zum 26. März ist der Film, in dem Messner seiner Frau Diane übrigens ganz beiläufig noch einen Heiratsantrag macht, noch im Ruhrgebiet zu sehen!