Ruhegebiet besser machen
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Zukunft gestalten – Ein Beitrag von Prof. Bodo Hombach

Verbinden – vernetzen – Zukunft gestalten. Unter diesem Leitmotiv befragt der Initiativkreis Ruhr aktuell seine Mitglieder zu ihren Impulsen für das Ruhrgebiet. Auch der Stiftungsvorsitzenden Prof. Bodo Hombach folgte der Einladung. Lesen Sie hier, welche Herausforderungen und Chancen er für das Ruhrgebiet sieht.

Worin sehen Sie die größten Chancen für einen erfolgreichen Strukturwandel im Ruhrgebiet? (z. B. Ansiedlung von Unternehmen mit intelligenten Technologien, Erhöhung der Attraktivität als Lebens- und Wohnstätte usw.)

Der tiefgreifenden Beschäftigungsabbau an der Ruhr wurde auf einzigartige Weise sozialverträglich gelöst. Wirtschaftliche Aufholprozesse sind erkennbar.

Es gibt wirtschaftliche Kerne mit hoher Spezialisierung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Das gilt besonders in den Feldern Gesundheitswirtschaft (inzwischen der größte - aber noch viel zu wenig gewürdigte - Beschäftigungsbereich mit rund 350.000 Beschäftigten), Digitalökonomie (wie IT-Sicherheit), Logistik und auch chemische Industrie.

Neben dem Wachstum im noch vergleichsweise schwachen Dienstleistungssektor weist inzwischen das produzierende Gewerbe wieder eine positive Bruttowertschöpfungsentwicklung auf. In den letzten Jahren lag da die Wachstumsdynamik über dem Bundes- und Landesdurchschnitt. Das kann man als positives Signal für den wirtschaftlichen Aufholprozess werten.

Die Debatte um den Strukturwandel an der Ruhr versachlicht sich. In der Studie des wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Veränderungen („Der Umzug der Menschheit. Die transformative Kraft der Städte“/2016) wird das Ruhrgebiet als eine post-industrielle Metropole bezeichnet, die durch ihre polyzentrische Struktur besonders zukunftsfähig sei. Dies läge neben der Vielfalt an kommunalen und regionalen Projekten, die sich durch eine Ausbalancierung von Tradition und Moderne auszeichneten daran, dass hier europaweit die dichteste Hochschullandschaft (mit rd. 275.000 Studenten) entstanden sei. Hinzu käme eine vielfältige Kulturszene. Genannt wurden auch „vorzeigbare ökologische Umbauprojekte“. Die ökologische Umgestaltung der Emscher, die durch die Internationale Bauausstellung Emscher Park (IBA) Impulse erhielt, wurde als ein Beispiel genannt.
Das Ruhrgebiet könnte sich statt einer Region mit dem „Pulsschlag aus Stahl“ eher als Wissensregion vorstellen. Es gibt mittlerweile ungewöhnlich viele Hochschulen und Forschungs- und Beratungseinrichtungen.
Dieser Wandel wird von den Bewohnern des Ruhrgebietes mehrheitlich positiv gesehen. Nach einer repräsentativen Befragung in 2019 meinten mehr als 50 % der Bevölkerung, das Ruhrgebiet hätte sich in den letzten Jahren zum Vorteil verändert. Nur 20 % sahen keine Veränderung und etwas mehr eher nachteilige Veränderungen (Güllner/Matuschek, Heimat Ruhrgebiet, in: Bodo Hombach (Hg.), Heimat Ruhr, Band 1, Essen 2020: Brost Stiftung, S. 151ff). Diese Akzeptanz des Strukturwandels ist ein positives Signal für weitere Umbau- oder Transformationsprojekte.

Über den Strukturwandel an der Ruhr ist viel geschrieben worden. Notwendig ist eine Bilanzierung.
Es gibt genug Bücher, Denkschriften, Strategiepapiere, Gesprächskreise etc. Jetzt müssen kon-krete Rückschlüsse gezogen und prioritäre Projekte definiert werden. Es gilt, deren konkrete Umsetzung zu kontrollieren und evaluieren.

Die Außenwahrnehmung des Ballungsraums Ruhr ist von den ehemals dominierenden Montanindustrien Kohle und Stahl geprägt.

Sicherlich stellt die Schließung der letzten Kohlezeche Ende 2018 eine Zäsur dar. Die sozialverträglichen Umstrukturierungsprozesse haben eskalierende soziale Brüche abgefedert. Aber die gegenwärtigen disruptiven Wirkungen der umfassenden Digitalisierung dürfen nicht unterschätzt werden.

Die Agglomeration Ruhr besitzt einiges an Kompetenzen, um den Strukturwandel weiter erfolg-reich anzugehen. Gerade weil für Außenstehende noch vieles im Verborgenen liegt (etwa die kulturelle Vielfalt oder die breite Hochschullandschaft und die kompetenten Medizinzentren), kann positive Aufmerksamkeit durch neue Sichten und Einsichten geweckt werden.
Die heutige Metropole Ruhr kann als Laboratorium des postindustriellen Wandels bezeichnet werden. Und das, obwohl die Industrie nicht gänzlich verschwunden ist.
Anders als an vergleichbaren Standorten, an denen Schwerindustrie strukturprägend war – wie etwa um Manchester – , hat sich die Metropole Ruhr bis heute einen industriellen Kern mit rund 300.000 Beschäftigten bewahrt.

Eine abschätzige Gegenüberstellung von Industrie und Dienstleistungen ist überholt. Ob neue Tätigkeiten dem Industrie- oder Dienstleistungssektor zugeordnet werden, ist für erfolgreichen Strukturwandel irrelevant.

Ob Volkswagen-Infotainment mit stetig wachsender Beschäftigten-Zahl (derzeit über 500) in Bochum zum Dienstleistungs- oder Industriesektor gehört, ist nebensächlich.
Kreative Unternehmen in Kooperation mit Wissenschaftseinrichtungen sind gefragt. Es geht nicht allein um Industrie 4.0, sondern um systemische Verknüpfungen in Zukunftsfeldern wie der Mobilität, Logistik, der Energie, dem Wohnen, der Gesundheit.
Nachhaltige Produktentwicklungen entstehen an Schnittstellen verschiedener Kompetenzfelder (bspw. im Wohnquartier, wenn es sowohl um Energieeffizienz als auch integrierte Versorgungsstrukturen geht). Hier kann das Ruhrgebiet mit seinen verschiedenen Quartieren und großen Wohnungsunternehmen wie Vonovia und Vivawest und mehreren kommunalen „punkten“.

Im Feld des „Wohnens im Alter“ zeichnen sich interessante Verknüpfungen zwischen technologischen und sozialen Innovationen ab – etwa wenn es um die Anwendung technischer Assistenzsysteme („Smart Homes“) geht. Hier könnte eine Innovationsallianz aufgebaut werden: Bestehend aus der Wohnungswirtschaft, die einen möglichst langen Verbleib in der Wohnung präferiert, und den Kommunen. Die haben im Sinne der Daseinsvorsorge ein Interesse an einem möglichst langen Leben der Pflegebedürftigen im eigenem Haushalt. Bei stationärer Unterbringung fallen erhebliche Kosten und Personalprobleme an. Die Kosten für Hilfen zur Pflege sind in den Kommunen in den letzten Jahren dramatisch angestiegen. Da im Ruhrgebiet die Zahl der Pflegebedürftigen steigt und zudem bei einer wachsenden Zahl von Pflegebedürftigen eine zunehmende Diskrepanz zwischen Pflegebedarfen und aus eigenen Mitteln zu finanzierenden Pflegeleistungen besteht, ist das Interesse der Kommunen an Optionen zur Kostenreduzierung angewachsen. Die entstehenden Kosten für die Hilfen zur Pflege werden nach allen Erfahrungen geringer ausfallen, wenn man mehr Pflegebedürftige nach dem Prinzip „ambulant vor stationär“ versorgen kann. Die allermeisten Pflegebedürftigen ziehen das vor. Anstatt im vollstationären Bereich werden sie lieber durch ambulante Pflegedienste versorgt. Das unterstützten Geschäftsmodelle für die Untermauerung der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit von Investitionen in technische Assistenzen (bzw. AAL: Ambient Assisted Living) zur Sicherung eines selbstbestimmten Lebens in der eigenen Wohnung.

Der Aufbau einer integrierten Versorgungsstruktur im Quartier kann auch mit einer nachhaltigen Klima- und Stadtentwicklungspolitik gekoppelt werden. Nach dem neuesten Innovationsbericht für NRW (RWI/CEIT/Stifterverband/ZEW vom Februar 2021) zeigen sich hier folgende Stärken:

  • NRW ist wichtigster Technologiestandort in verschiedenen Feldern (u.a. Biotechnologie, pharmazeutische Technologien, Materialtechnik/Metallurgie/organische Feinche-mie/Polymertechnik, Bautechnologien).
Schwächen zeigen sich in folgenden Bereichen:
  • Geringe Patentbeantragung und -dynamik im Vergleich zu Bayern und Baden-Württemberg
  • Unterdurchschnittliche Patententwicklung u. a. in Transporttechnik, Photonik, Medizin-technik, IKT, Nanotechnologie, KI
Durch die Profilierung der vorhandenen Stärken im Ruhrgebiet (etwa in der IT-Security oder auch den „Wohntechnologien“) könnte ein Stimmungswechsel in der Beurteilung dieser Region vorangetrieben werden.
In einer globalen Wissensgesellschaft hängt die Wettbewerbsfähigkeit eines Wirtschaftsstandortes stark davon ab, wie attraktiv er sich als Wohnstandort präsentiert. Wenn die Attraktivität des Lebensumfeldes einer Region sinkt, wird dies zu einem Engpassfaktor für deren wirtschaftliche Entwicklung werden.
Die Ansiedlung neuer Unternehmen scheitert schnell an fehlender Bereitschaft von Mitarbeitern „mitzuziehen“. Lebensqualitätspolitik ist wichtiger Standortfaktor.

Das Ruhrgebiet hat im Vergleich zu anderen großstädtischen Ballungsgebieten einen niedrigeren Anteil an Hochqualifizierten. Neben der als technisch verstandenen Infrastruktur (zu denen auch ein gut ausgebautes digitales Netzt gehört, was noch nicht überall im Ruhrgebiet realisiert ist), geht es diesen Gruppen um die soziale Infrastruktur, die sich aus Gesundheits-, Bildungs-, Sozial-, Sport- und Kultureinrichtungen bildet. Bedarfsgerechte moderne Infrastruktur ist eben nicht nur Unterbau wirtschaftlicher Aktivitäten. Sie bestimmt die Lebenssituation. Da gibt es im Ruhrgebiet Verbesserungs- und Verschönerungspotential.

Historisch begründet gib es im Ruhrgebiet hinsichtlich des Wohnungsangebots sowie der Siedlungs- und Infrastruktur eine schwach ausgeprägte Orientierung an den Bedarfen bildungsnaher Mittelschichtfamilien. Es sind insbesondere diese Schichten, die durch ihr Bildungs- und Konsumverhalten, ihre politische Partizipation, ihr soziales Engagement sowie ihren Einstellungen zu Innovation und Selbstständigkeit eine Region prägen und ihre Anpassungsfähigkeit stärken.
Es ist für die wirtschaftliche und soziale Zukunft des Ruhrgebiets entscheidend, mehr Quartiere für die Mittelschicht, insbesondere für Familien mit Kindern, zu schaffen. Besserverdienende sind nicht nur für das Steueraufkommen interessant. Sie erheben nicht nur Ansprüche an ihr soziales, kulturelles, ästhetisches und sicheres Umfeld, sie finanzieren es auch.
Wenn gut ausgebildete junge Menschen die Rahmenbedingungen des Standortes Ruhrgebiet als gleichwertig zu anderen urbanen Räumen betrachten, steigt die Chance, den „Brain-Drain“ zu mildern (vgl. hierzu auch die „Zukunftsstudie“ der RAG-Stiftung von 2016). Vereinzelt finden sich derartige Quartiere. Sie sind eher die Ausnahme denn die Regel. Trotz mehr als 5 Millionen Einwohnern in der Region entwickelte sich nicht Flair und Lebensgefühl einer Metropole.

Es geht auch um die Schaffung moderner Urbanität. Trotz unbestreitbarer Verbundenheit der Menschen zu ihrer Region, dämpfen Imageprobleme auch ihre Identifikation. Der hohe Anteil an Grün- und Freizeitflächen wird zwar wahrgenommen, spiegelt sich im Image aber nicht.
Teure Imagekampagnen „grünes Revier“ haben wenig bewirkt. Wir sehen Optionen für eine Profilierung als „Zukunftsquartier“ (auch mit Blick auf Energieeffizienz und die demografischen Herausforderungen und deren Wünsche an Lebensqualität)

Was sind die größten Risiken, die den Strukturwandel hemmen könnten? (z. B. schlechte Verkehrsinfrastruktur)

Auf die Verkehrsinfrastruktur sind wir bei Frage 1 schon eingegangen.

Bei einer zunehmend digitalen Gesellschaft sollten die Bildungsdefizite stärker in den Blick genommen werden. Es gilt, endlich Lösungen zur Behebung der Defizite auf lokaler Ebene umzusetzen. Nach dem Innovationsbericht NRW von 2021 sind hier folgende Schwächen markant:

  • Schulbildung/tertiäre Bildung; ungünstiges Verhältnis Lehrende/Schüler – Studierende
  • Digitale Transformation des Bildungssystems: Unterdurchschnittliches Niveau der MINT-Bildung bei den Schülern; Hinweise auf ein Aufholen; Nachholbedarf im Fach Informatik
  • Fehlender Berufsabschluss: Hoher Anteil an Beschäftigten ohne Berufsabschluss
Speziell für das Ruhrgebiet werden folgende Schwächen explizit genannt:

  • Ruhrgebietskreise: Vergleichsweise geringer Anteil von Akademikern an der Bevölkerung
  • Schulen: Bildungsbeteiligung und Übergangsquoten aufs Gymnasium sind tendenziell niedriger als in anderen Regionen
  • Ruhrgebietshochschulen: Geringe Anziehungskraft für Studierende außerhalb von NRW
Daraus ergeben sich negative Wirkungen für die Wachstumsdynamik. Erkennbar sind Desintegrationsgefahren für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Die sich als „abgehängt“ Definierenden werden in den Medien hervorgehoben, um auf das „alte“ Image des Ruhrgebietes zu stabilisieren.

Die Tatsache, dass sich echte Sicherheitsprobleme in Berlin und in Ruhrgebietsstädten bündeln und verschärfen, unterstützt das Negativbild des Reviers in den Tatortfilmen des subventionierten TV. Sozialintegrative Aufgaben vor Ort sollten professionelle Programme werden. Soziale Disparitäten im Ruhrgebiet treten geballt in identifizierbaren Stadtteilen großer Städte auf. Zum wirtschaftlichen Strukturwandel kommt der massenhafte Teil der Zuwanderung hinzu, der soziale Transferleistungen sucht und benötigt. Die seit langem bestehenden Bildungsdisparitäten sind durch politische Slogans wie „Kein Kind zurücklassen“ nicht verändert worden. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen sind symbolische Politikfloskeln nicht mehr hilfreich. Die lösen bei denen, die teilhaben und sich integrieren wollen, eher Wut aus.

Schwächen zeigen sich im Ruhrgebiet auch bei „Forschung und Entwicklung“ (FuE). Eine deutlich unterdurchschnittliche FuE-Intensität ist zu konstatieren. Ein unterdurchschnittliches Wachstum der FuE-Aufwendungen der Wirtschaft verstärkt eine abgehängte FuE-Quote. Die Ursache ist weniger bei der Wirtschaft zu suchen. Kritikwürdig sind die geringeren FuE-Aktivitäten von Hoch-schulen und Forschungseinrichtungen (selbst gegenüber dem Rheinland).

Ein in allen Wirtschaftsregionen in den letzten Jahren forciertes Thema ist: Existenzgründungen. Gründungsförderung hat auch im Ruhrgebiet an Bedeutung gewonnen. Es ist ein Netz an Innovations-, Technologie- und Gründerzentren entstanden. Dennoch produzierten die Bemühungen, die im Ruhrgebiet etablierte Hochschullandschaft als Nukleus für wissensintensive Gründungen und Spin-Offs zu nutzen, noch kein stabiles, breites und überzeugendes Erfolgsmodell. Natürlich gibt es großartige Projekte mit bundesweiter Ausstrahlung. Tatsächlich landen die Ruhrgebietsuniversitäten im Gründungsradar des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft nur im Mittelfeld oder auf den hinteren Plätzen, wenn es um die Qualität der Gründungsförderung geht.
Es gibt bemerkenswerte Schwerpunkte in der Hochschul- und Institutsforschung und eine forschungsaktive Startup-Szene um die Hochschulen, aber die Gründungsintensität im Ruhrgebiet bleibt gegenüber dem Landes- und Bundesdurchschnitt zurück. Lobenswerte Verbesserungen konnten diesen Rückstand bislang nicht kompensieren.
Gerade weil das Ruhrgebiet die Nähe zu großen Konzernen und zu vielen innovativen Mittelstandsunternehmen hat – gekoppelt mit einer forschungsstarken Universitätslandschaft – kann und sollte die Start-Up-Szene weiter belebt werden.
Innovationsschwächen hiesiger Unternehmen und Defizite bei High-Tech-Gründungen bedingen einander. In Zukunft muss also der Transfer des Wissens aus der vorhandenen Hochschulinfrastruktur verbessert werden. Die (regionale) Wettbewerbsfähigkeit steigt, wenn das Branchen-portfolio durch komplementäre, eher wissensintensive Dienstleistungsunternehmen ergänzt wird. Die müssen durch Qualität angelockt werden. Die Chance, unbürokratisch mit Hochschu-len und Forschungseinrichtungen eng zu kooperieren, ist ein Lockstoff.

Gleichwohl wird sich regionale Wirtschaftspolitik nicht ausschließlich auf die Generierung neuer Innovationen fokussieren. Die Umsetzung und Anwendung bestehender Innovationen gilt es anzuregen. Herausforderungen durch die Digitalisierung drängen gerade Klein- und Mittelunternehmen dazu, sich verstärkt an die „Wissenskanäle“ anzuschließen.

Die Organisation von Kooperationen kann dabei nicht an Verwaltungsgrenzen Halt machen. Eine stärkere regionale Abstimmung ist in vielen Fällen wünschenswert (z. B. zwischen dem Ruhrgebiet und Südwestfalen oder dem Rheinland). Eine intensivierte Abstimmung strukturpolitischer Programme über Ressortgrenzen hinweg ist zu fordern.

Moderne Regionalförderung muss der gestiegenen Komplexität in Wirtschaft und Gesellschaft Rechnung tragen, indem ihre Strategien Ebenen übergreifend interdisziplinär abgestimmt sind. In allen „Zukunftsbranchen“ zeigen sich wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Regionale Innovationssysteme mit Ausstrahlung realisieren sich aber nur, wenn sie eine gute Fachkräftesicherungsstrategie verfolgen.

Das Ruhrgebiet darf nicht zum „Bildungsexporteur“ werden. Früchte der eigenen Bildungsinvestitionen müssen selbst geerntet werden.

Es bedarf enger, langfristiger Kooperationen zwischen Land, Kommunen, Unternehmen, Schulen, Bildungsträgern, den Agenturen der Arbeit, Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern und daran interessierten Gewerkschaften. Nützlich sind Treiber, die als „Spinne“ in Wissensnetzwerken wirken.
Es reicht nicht, runde Tische oder Cluster zu bilden. Professionelle Prozesssteuerung ist notwendig. Aus runden Tischen dürfen nicht regelmäßig lange Bänke werden.
Gerade wegen der in einzelnen Branchen im Ruhrgebiet heftigen Fachkräftedefizite wäre das fatal. Erfolgreiche regionale „Fachkräftebündnisse“ können gute Anregungen liefern.

Da sich wirtschaftlich nutzbare Innovationen immer stärker aus der Verknüpfung unterschiedlicher Themenfelder ergeben, müssen interaktive Lernprozesse systemisch vernetzter Akteure angestoßen werden. Grenzen bisheriger Clusteraktivitäten müssen dabei überschritten werden. Cross-Cluster-Strategien spielen eine wachsende Rolle. Enge Kontakte zu den realen regionalen ökonomischen Akteuren sind erforderlich. Räumliche Nähe begünstigt Wissensspillover.

Da sich im Ruhrgebiet demographisch die Alterung der Gesellschaft früher als in anderen Regionen zeigt, wäre auch das Feld ein Innovationsraum, um gesellschaftliche Herausforderung mit technologischen und sozialen Innovationen musterhaft zu bewältigen.
Für das Wohnen im Alter hat sich die Bedeutung digitaler Technologien gerade durch die Corona-Pandemie nachdrücklich gezeigt. Es gab einen Schub an Innovationen im Feld der Telemedizin und E-Health. Diese innovativen Aufbrüche können jetzt in der Praxis (in der Regelversorgung) verankert werden. Da die Erhaltung der Selbstständigkeit älter werdender Menschen von allgemeinem Interesse ist, können durch (mobile) Internetapplikationen neue Lösungsformate angeboten werden. Sensorgestützte Informations- und Kommunikationssysteme liefern individuell angepasste Servicefunktionen, die den konkreten Bedarf abdecken können (sowohl mit Blick auf Notfälle, als auch zur Steuerung der Energie im Haushalt sowie zur Aufrechterhaltung sozialer Kontakte durch Internetplattformen).

Welche Erwartungen und konkreten Anforderungen hat Ihr Unternehmen bezüglich der Gestaltung der Infrastrukturen und städtebaulichen Veränderungen im Ruhrgebiet, um die Zukunft Ihres Unternehmens in der Region zu sichern?

Wir haben das allgemeiner gehalten, weil eine Stiftung nicht so agiert wie ein Unternehmen…

Wachstumspotentiale der Wissensgesellschaft sind durch eine aktivierende Standort- und Innovationspolitik auszuschöpfen. Erforderlich sind Netzwerke zwischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie der Wirtschaft. Da können auch Stiftungen der Region eine nützliche Rolle übernehmen. Regionen können im Standortwettbewerb ihre spezifischen Stärken entfalten, wenn es starke, gut organisierte Kooperationen mit gleichen Zielen gibt.

Der IKR hat dabei eine gute Tradition und auch in Zukunft eine wichtige Funktion. Als regionaler „Treiber“ kann er den verschiedenen Innovationsmotoren durch Vernetzung gestaltende Bedeutung verschaffen. Die neuen Produzenten der IT-Branche und auch die Unternehmen aus den Wachstumsfeldern der Logistik- und Mobilitätsbranche, der Gesundheitswirtschaft oder der Energie- und Wohnungswirtschaft brauchen eine kraftvollere Lobby.

Eine „Spürnase“, welche Produkte gesellschaftlich relevant sind und vermarktet werden können, erweitert sich im Dialog. Durch wirkungsorientiertes Standortmanagement bilden sich regionale Kompetenzzentren.

Warum sind diese Anforderungen so wichtig für Ihr Unternehmen?

Unsere Stifterin hat uns zur Wahrung der Interessen der Region und seiner Menschen verpflichtet.

Gibt es Infrastruktur- oder städtebauliche Projekte aus dem In- oder Ausland, die aus Ihrer Sicht Vorbildcharakter für das Ruhrgebiet haben könnten?

Auf jeden Fall. Auch hier gilt: „Reisen bildet“ und „Nichts ist so überzeugend wie das gute Beispiel“

Es gibt eine Vielzahl vergleichender Studien, Präsentationen und Delegationsaustausche. Besonders ausführlich und vielfältig sind Berichte und Studien aus den ehemaligen Stahl- und Kohleregionen Pittsburgh, Manchester und der Wallonie. Die sollte man nicht wiederholen, sondern sichten, auswerten und Relevantes erneut präsentieren.

Keine andere europäische Region hat einen tiefgreifenden Beschäftigungsabbau so sozialverträglich gelöst wie das Ruhrgebiet. Aber aus und in Vergleichsregionen können wir viel lernen. Eine enge Vernetzung zwischen den Akteuren fördert den Anwendungsbezug der Forschung. Erfolg-reich sind breit angelegte Public-Private-Partnerships, welche Hochschulen involvieren. Erforderlich ist ein wirkungsorientiertes professionelles Standortmanagement.

Da kann man von ausländischen Beispielen lernen (etwa von vergleichbaren Standorten in den Niederlanden).
Bei unseren direkten Nachbarn ist großartiges und beispielhaftes geleistet worden. Da lohnen ein enger Kontakt und reger Austausch. Unser Verkehrsminister Wüst hält gute Arbeitsbeziehungen zu der exzellenten niederländischen Verkehrsministerin. Von deren Analyse und Praxis kann man lernen.
Unsere Stiftung pflegt einen regen Schüleraustausch Ruhrgebiet-Niederlande. Der ungewöhnlich engagierte und kluge deutsche Botschafter in den Niederlanden, Herr Dirk Brengelmann, würde idealer Ansprechpartner für einen organisierten Informationsaustausch und für Begegnungen sein. Auch die neue Landesregierung hat die nachbarschaftlichen Beziehungen wieder aufgenommen und pflegt sie. Von den Niederlanden und ihrem Konsensprinzip, aber auch von ihrem Pragmatismus und Lösungswillen, können wir viel lernen.

In Bezug auf die Niederlande wird zumeist auf die Randstad-Region verwiesen, also die Städte und das Umfeld von Amsterdam, Den Haag. Rotterdam und Utrecht . Hier ist in den letzten Jahren ein „Transition Management“ etabliert worden, das in verschiedenen Feldern (vor allem im Mobilitätssektor, der ökologischen Umgestaltung und der Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft) viele gelungene Projekte auf den Weg gebracht hat. Die niederländische Regierung hat sich in den letzten Jahren stark in der „Brückenbildung“ zwischen Wissenschaft, Unternehmen und der Zivilgesellschaft engagiert (Building bridges between science, enterprise and society). Verschiedene Studien haben – trotz der Digitalisierung - auf die Vorteile räumlicher Nähe hingewiesen, die direkte Interaktionen und vertrauensvolle Kooperationen gerade für Cluster ermöglichen. Viele global agierende Großunternehmen setzen verstärkt wieder auf räumliche Nähe (bspw. zwischen den „research and manufacturing employees“), um daraus innovative Geschäftsideen zu kreieren. Die „Stärke vertrauensvoller Bindungen“, die gerade Netzwerke auszeichnet, verlieren auch in der digitalisierten Wirtschaft nicht an Bedeutung. Sie werden aufgrund internationaler Vergleiche erfolgreicher Unternehmen als Zukunftsvision angesehen. Insbesondere Großunternehmen gehen diesen Weg, um „advanced technologies“ zur Marktreife zu bringen.

Dies wird am Beispiel einer anderen niederländischen Wirtschaftsregion sichtbar: Eindhoven. Die treibende Kraft hinter der Gründung des High-Tech Campus war Philips. Das Unternehmen hat Ende der 1990er Jahre die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im High-Tech Campus gebündelt. Der Campus beherbergt eine sich bereichernde Mischung. Der High-Tech Campus Eindhoven bezeichnet sich selbst als „die intelligentesten Quadratkilometer in den Niederlanden“. Heute sind dort mehr als 125 Unternehmen und Institute und über 10.000 Forscher und Entwickler tätig. Die Architektur ist anziehend, interessant, phantasievoll und praktisch. Technologien und Produkte in den Anwendungsfeldern Gesundheit, Energie und Smart Environments (Photovoltaik, Telemedizin etc.) konzentrieren sich auf dem Campus. Der gehört zu den größten Wissenschaftsparks der Welt. Er wirkt als Impulsgeber für Innovationen, auch indem ein einfacher Zugang zu Hightech-Einrichtungen (bspw. Labore) und internationalen Netzwerken ermöglicht wird. Der Campus mit seinen Unternehmen entwickelt fast 50 Prozent aller niederländischen Patentanmeldungen. Seit Frühjahr 2012 ist der Campus in eine neue Phase eingetreten, nachdem er von Philips an ein niederländisches Konsortium privater Investoren (Chalet Group) verkauft wurde.

Der Campus konnte nur deshalb so erfolgreich sein, weil alle beteiligten Instanzen (von der Regierung über die Kommune bzw. die Region bis hin zu den Hochschulen und Unternehmen) eine gemeinsam abgestimmte regionalpolitische Strategie entwickelt und umgesetzt haben. Diese „Regional Governance“ ist Vorbild auch für das Ruhrgebiet, in dem diese strategische Steuerung nicht gerade Alltag und Realität ist. Alle beteiligten Akteure hatten sich zum Ziel gesetzt, die Region Eindhoven als international anerkannte Technologieregion und den High-Tech Campus als zentralen Hightech-Hub zu entwickeln.

Vom Vorgehen her orientiert sich der Aufbau strategisch am Konzept der „offenen Innovation“ und geht davon aus, dass mit dem heutigen Stand der Technik eine einzelunternehmerische Lösung für die meisten wirtschaftlichen Herausforderungen überholt ist. Diese Sichtweise wird auch in der theoretischen regionalpolitischen Debatte in Deutschland unterstützt. Gerade in den zukunftsorientierten Wirtschaftsfeldern wie Energie, Mobilität, Gesundheit, Wohnen etc. handelt es sich um heterogen zusammengesetzte Sektoren mit viel angehäufter Kompetenz und Wissen. Deshalb ist es Aufgabe eines effizienten Standortmanagements, die Kernkompetenzen weiter zu entwickeln und andererseits den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen den verschiedenen Gruppen zu intensivieren.

Auch im Ruhrgebiet haben wir inzwischen eine große Zahl von Fachspezialisten im nahen räumlichen Umfeld, allerdings könnte die Vernetzung der Akteure besser funktionieren. In einigen Bereichen hat sich zwar eine gute Kooperation entwickelt (etwa im Feld der Wissenschaft durch die Allianz der Universitäten), aber für strukturpolitische Projekte könnte der Politikmodus generell in Richtung einer „net-work governance“ profiliert werden. Hierzu gehört auf Ebene der Region bzw. der Kommunen eine querschnittsorientierte Verwaltung und eine aktive Einbindung der relevanten Akteure. Bezogen auf das Ruhrgebiet bedeutet dies, dass es einer institutionsübergreifenden Strategie bedarf, die die Akteure aus den unterschiedlichen Bereichen zusammenbringt und ihnen den Mehrwert dieses gemeinschaftlichen Ansatzes näherbringt.

Stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 2032, die Olympischen Spiele finden an Rhein und Ruhr statt. Über welche positiven Entwicklungen und konkreten Veränderungen im Ruhrgebiet sollten z. B. ausländische Fernsehsender berichten, was sollte sich positiv verändert haben?

Das Projekt scheint sich ja nach der Aussage des IOC zu Brisbane erledigt zu haben (der Verweis auf 2032 erscheint mir vor dem Hintergrund der Olympiade im Jahr 1936 in Deutschland zwar schwierig aber auch emanzipatorisch zu sein). Die früher eingetretenen positiven infrastrukturellen Vorhaben (wie die U-Bahn in München oder andere Stadtentwicklungsprojekte wie in Barcelona) dürften heute in vergleichbarer Form nicht mehr zu realisieren sein …. Auch die damaligen Anstrengungen des Ministerpräsidenten Clement zur Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur im Ruhrgebiet sind kaum oder verkürzt und erheblich verspätet umgesetzt worden.

Deshalb: Wenn es noch zu einer Olympiabewerbung kommen sollte (was wir uns wünschen!), dann braucht es striktes Controlling, etappenweise begleitende Evaluation (von einem unabhängigen Gremium) und noch nicht vorhandenes modernes, unbürokratisches und professionelles Management. Aus der desaströsen Erfahrung von Großprojekten und –vorhaben in Deutschland muss gelernt werden. Wir dürfen der Welt nicht noch eine „Lachnummer“ präsentieren.

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