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„Lieferando“ für Kultur

Portrait des Intendanten des Grillo Theaters Christian Tombeil

Schauspiel Essen bringt Ihnen das Theater mittels VR-Brille direkt ins Wohnzimmer

Die Idee folgt einer einfachen Logik: Solange das Publikum nicht ins Theater gehen kann, muss sich das Theater wohl zum Publikum bewegen...

Das Schauspiel Essen bringt die Bühne ab sofort auch in Ihr Wohnzimmer - per Virtual-Reality-Brille. Zu sehen gibt´s die erfolgreiche Inszenierung „Der Reichsbürger“, mit Unterstützung der Brost-Stiftung für das innovative Format von Intendant Christian Tombeil und seinem Team neu produziert. Entstanden ist ein VR-Film mit einmaliger 360°-Perspektive und räumlichem Klangerlebnis, der die Zuschauer*innen mitten ins Geschehen wirft. Im Interview spricht Tombeil über die Hintergründe der VR-Inszenierung und seine Vision für den künftigen Theater-Betrieb.
Herr Tombeil, viele Menschen sehnen sich in der aktuellen Situation nach Abwechslung und Unterhaltung. Thomas Krupas Inszenierung „Der Reichsbürger“ hat einen sehr ernsten Hintergrund und ist eher „schwere Kost“. Warum haben Sie gerade dieses Stück ausgewählt und nicht etwa auf eine Komödie gesetzt?

Tombeil: „Zum einen ganz klar aus inhaltlichen Gründen. Dieser Einblick in die Reichsbürger-Szene, dieses Warnen, erschien uns absolut relevant. Da entsteht gerade ein Konglomerat aus Verschwörungstheoretikern, die ja gerade Hochkonjunktur haben, Neonazis und anderen Gruppierungen, das auch für die Politik immer schwerer zu greifen ist. Es ist einfach ein latent wichtiges Thema.

Der zweite Grund ist, dass sich das Stück besonders gut für eine VR-Produktion eignet, weil es sehr immersiv ist. Als Zuschauer*in begleiten Sie den Protagonisten in seinen Bunker und Sie können sich dem auch nicht entziehen – es sei denn, Sie nehmen die Brille ab.“

Mir der VR-Brille schauen Sie dem Schauspieler über die Schulter

Das Stück stand eigentlich als Live-Inszenierung auf dem Spielplan und war auch bereits auf der Bühne zu sehen. Was ist jetzt anders als bei einer Live-Vorstellung?
Tombeil: „Man kann die VR-Produktion nicht mit einer abgefilmten Live-Inszenierung vergleichen, die man dann auf dem Fernseher streamt. Der Ton ist hier beispielsweise sehr bestimmend. An einer Stelle im Stück haben Sie das Gefühl, es bildet sich ein Bienenschwarm hinter ihrem Kopf, sie können das Geräusch aber nicht einordnen. Wenn hinter Ihnen vermeintlich der Abzug einer Pistole knackt, dann drehen Sie sich automatisch um. Die VR-Produktion ist um vieles emotionaler, weil Sie immer mitten auf der Bühne stehen. Selbst wenn Sie bei uns im Zuschauerraum einen Platz in der ersten Reihe haben, sitzen Sie bei manchen Szenen etwa acht Meter von Geschehen entfernt. Mit der VR-Brille schauen Sie dem Schauspieler über die Schulter.“

Die Produktion ist also sehr viel aufwändiger gewesen als die üblichen Proben für ein Bühnen-Stück?

Tombeil: „Aufwändiger nicht, aber ganz anders. Hier entwickelt sich gerade eine ganz eigenständige Kunstform – ähnlich wie in den 80er Jahren die Video-Kunst. Damals gab es die ersten Video-Installationen, heute sind sie in fast jedem Kunst-Museum zu sehen. So ähnlich ist es jetzt mit VR: Das Medium selbst ist schon alt, VR-Brillen gibt es seit gut 40 Jahren. Ursprünglich sind sie für militärische und medizinische Zwecke entwickelt worden und daher heute technisch zu Ende entwickelt und sehr zuverlässig. Bisher hat dieses Medium nur noch nicht Einzug in die Kunst gehalten, aber je mehr wir uns ihm anpassen, desto spannender wird es.“

Wir möchten junge Leute ansprechen, die solche Technik aus dem Gaming-Bereich kennen

Wie geht es weiter, wenn die Corona-Maßnahmen gelockert werden und der Kulturbetrieb wieder anläuft? Wird es weiterhin VR-Stücke geben?

Tombeil: „Wir haben die Chance der Pandemie genutzt, um etwas Neues auszuprobieren – eine Zeit, in der wir eigentlich wie gelähmt waren, weil wir nicht spielen konnten. Wir sind nicht die ersten, die mit VR-Technik arbeiten. Das Theater Augsburg hat hier Pionierarbeit geleistet und bietet inzwischen fünf oder sechs Produktionen in allen Sparten an. In NRW ist unser Angebot aber bisher einzigartig.

Wir wollen es auch in Zukunft parallel zum Spielbetrieb weiter betreiben, weil es uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet: Ich brauche nur die SD-Karte in der Brille zu wechseln und kann ohne Aufwand heute ein anderes Stück anbieten als gestern. Wir sind damit sozusagen der „Lieferando für Kultur“. Die Zuschauer bestellen das Programm, bekommen die Brillen per Stadtbote nach Hause geliefert und lassen sie anschließend wieder abholen.“
Ist es eher das Stammpublikum, das sich für die VR-Produktion interessiert oder erreichen Sie damit auch neue Zielgruppen?

Tombeil: „Das werden wir sehr genau evaluieren. „Der Reichsbürger“ ist bei uns bereits etwa zwanzig Mal live gelaufen und wird auch in Zukunft wieder aufgeführt. Spannend wird es sein, die Reaktionen der Menschen zu hören, die beides gesehen haben.
Die Inszenierungen sind sehr unterschiedlich, obwohl es derselbe Text ist. Wir möchten aber auch gezielt junge Menschen mit der VR-Produktion ansprechen, die die Technik eher aus dem Gaming-Bereich kennen. Wenn es uns gelingt, einen so komplexen politischen Sachverhalt, wie ihn das Stück thematisiert, in die Schulen zu bringen und sich die Jugendlichen das freiwillig 70 Minuten lang anschauen, dann haben wir viel erreicht.“

Buchungen für die VR-Vorstellungen „Der Reichsbürger (360°)“ laufen ausschließlich über die Webseite des Schauspiel Essen. Interessierte finden dort die aktuellen Vorstellungstermine sowie weitere Infos zum Stück. Kosten für eine Buchung inkl. Lieferung und Abholung der VR-Brille im Stadtraum von Essen: € 25,00.


Weitere Informationen zum Projekt:

Theater mit VR-Brille zu Hause erleben
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