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Heimatgefühle sind im Fluss

Neues Buch beschreibt den Wandel der Ruhrregion als Industrie-, Natur- und Lebensraum

…und noch ein Ruhrbuch!? Auch noch so ein Wälzer von über 800 Seiten – was soll da noch drinstehen, was nicht jeder schon mal irgendwie gehört hat? Wenn Ihnen bei der Ankündigung des zweibändigen Werkes über „Die Ruhr und ihr Gebiet“ spontan diese Gedanken kommen, beantworten Sie doch kurz die folgenden kleinen Testfragen.
Wem gehört eigentlich die Ruhr? Wo wird an der früheren Schlagader des Industriezeitalters Wein angebaut? Warum ist das Wasser heute so sauber, dass Sie sich an bestimmten Stellen im Fluss sogar taufen lassen können?
Sollten Sie nicht alle Antworten parat haben, sich aber dennoch als echter „Ruhri“ im Gespräch mit Freunden oder Besuchern behaupten wollen, gehört das von der Brost-Stiftung in Kooperation mit der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets herausgegebene Buch zwingend in Ihr Regal.
Inhaltlich sortiert nach acht Themenschwerpunkten (vom „Naturraum“ bis zum „Sport- und Freizeitraum Ruhr“) haben die Macher abwechslungsreichen Lesestoff zusammengetragen. Wissenschaftliche Beiträge wechseln sich ab mit Interviews, Reportagen und Erzählungen. Mittendrin begegnen Sie im „Wohnraum Ruhr“ den Menschen, die am und mit dem Fluss leben.
Lucas Vogelsang, Stadtschreiber Ruhr 2019, beschreibt im Text „Steger, an der Ruhr“ mehrere Treffen mit Hans-Peter Steger, einem Campingplatzbetreiber aus Witten, durch dessen ganzes Leben die Ruhr mittendurch geflossen ist. Sie hat dabei offenbar seinen Vornamen weggespült, alle kennen den Charakterkopf vom Campingplatz nur als den „Steger“. In dessen inzwischen 75 Jahre währenden Leben Großvater, Vater und Bruder durch den Fluss umkamen…
„Flüsse sind die dynamische Konstante einer Region. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Die Ruhr ist Namensgeber der bedeutendsten Industrieregion Deutschlands. Sie ist Geschichte und Gegenwart“, begründet Stiftungs-Vorstand Professor Bodo Hombach die Unterstützung des Projektes. „Von großer wirtschaftlicher Bedeutung wandelte Sie sich zum Erholungs- und Freizeitareal. Identitätsstiftend ist sie geblieben. Man kann Ihr nicht genug Aufmerksamkeit widmen. Aber wie schon ein Vorsokratiker erkannte: ‚Man steigt nie zweimal in denselben Fluss.‘ - Menschen und Zeiten verändern sich. Also gibt es auch immer neue Wahrnehmungen.“
Zu den Besonderheiten des Buchprojektes gehört ein überdurchschnittlich hoher Fotoanteil von rund 50 Prozent. Dazu gehören historische Dokumente zum Weinbau im Arnsberger Land (Frage 2!), aber auch Impressionen aus dem Alltag der Heckrinder vom Schultenhof. Deren Lebensraum, die Ruhrhalbinsel bei Hattingen-Winz, erinnert stark an die Weiten der Provence in Südfrankreich. Ein lohnender Ausflug in Zeiten Corona-bedingter Reisebeschränkungen…

Der Stiftungsvorstand legte bei der Unterstützung des Buchprojektes großen Wert darauf, das Thema „Die Ruhr und ihr Gebiet“ unbedingt im Kontext des Oberthemas „HEIMAT“ zu sehen. Dies ergebe sich allein daher, dass die Ruhr Namensgeber einer ganzen Region ist, mit entsprechender eigener Kultur, die hier zahlreiche Bereiche der Menschen prägt (z.B. Sprache, Essen, Image, Identität). Nicht zuletzt deshalb schließt Autor Peter Erik Hillenbach den „Wohnraum Ruhr“ mit einem Streifzug durch die (Restaurant-) Küchen der Region ab. „Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Speisekarten ich daraufhin gewälzt habe, wie viele Lokale ich im Laufe des Sommers 2019 besucht habe. Längs der Ruhr schätze ich die Zahl der gastronomischen Betriebe auf dreistellig und beginne systematisch am Anfang.“

Insgesamt 40 Autoren, angeführt von Dr. Jens Adamski, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum, nehmen Sie mit auf eine spannende Zeitreise entlang eines Flusses, an dem auch „Nixen, Zwerge und Riesengestalten“ zu Haus sind oder zumindest waren (siehe Seiten 275 ff.)

Übrigens: Von Duisburg bis nach Mülheim, gehört die Ruhr dem Bund (Frage 1!). „Dort ist die Ruhr Bundeswasserstraße, und die gehört der Bundesregierung, also Berlin,“ erläutert Ulrich Reitz in seinem Beitrag zur politischen Dimension des Flusses. „Allerdings wird sie sozusagen verwaltet vom Land Nordrhein-Westfalen. Verwaltungstechnisch ist die Ruhr geteilt: formalrechtlich ist von der Mündung bis Mülheim der Bund verantwortlich, von da an bis zur Quelle nahe Winterberg das Land.“ Die restlichen Antworten zu den eingangs formulierten Fragen müssen Sie bitte nachlesen…

Bodo Hombach (Hrsg.) // Brost-Stiftung
DIE RUHR UND IHR GEBIET
Leben am und mit dem Fluss
2 Bände zusammen im Schuber
Aschendorff Verlag Münster

Erscheinungstermin der beiden Bände: 4. Dezember 2020

Band 1:
HEIMAT RUHR
Fluss, Tal, Siedlung
seit Anfang des 19. Jahrhunderts
420 Seiten, Format: 21 x 27 cm, umfangreich bebildert, Lesebändchen, geb.

Band 2:
DIE RUHR UND DAS RUHRGEBIET
Fluss, Industrieregion, Strukturwandel
seit Anfang des 19. Jahrhunderts
408 Seiten, Format: 21 x 27 cm, umfangreich bebildert, Lesebändchen, geb.

ISBN 978-3-402-24640-5
39,90 EUR (beide Bände zusammen)

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